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10. März 2016

Nils Haferkemper, Geschäftsführer Photometrik GmbH

Lesezeit: ca. 6 Minuten

Kapitel 1

Abb.: Die drei Lichttechniker und Doktoranden der TU Darmstadt haben sich vor zwei Jahren selbstständig gemacht und das Unternehmen Photometrik GmbH gegründet. V.l.n.r.: Andreas Groh, Nils Haferkemper, Wjatscheslaw Pepler.

LICHT: Inwieweit war das Studium an der TU Darmstadt inhaltlich für Ihr Berufsbild entscheidend? Welche Grundlagen wurden geschaffen?
Nils Haferkemper: Wir drei Lichttechniker und Doktoranden der Technischen Universität Darmstadt, Andreas Groh, Wjatscheslaw Pepler und ich haben uns vor zwei Jahren selbstständig gemacht. Wir hatten uns an der TU Darmstadt über unsere Promotionsarbeit kennengelernt. Die Motivation zu dem Unternehmen kam fast ausschließlich durch unsere Arbeit am Fachgebiet Lichttechnik, die Kontakte, die dadurch entstanden sind, und nicht zuletzt von Professor Khanh.
Meine Dissertation befasst sich mit der Rolle der Pupille in der mesopischen Helligkeitswahrnehmung. Die mesopische Helligkeits-wahrnehmung beschreibt das Dämmerungssehen zwischen Tag und Nacht. Ich habe verschiedene spektrale Reize auf die Pupille gegeben und untersucht, wie sich deren Größe ändert. Das Thema ist sehr physiologielastig, allerdings muss ich auch wissen, warum und wie ich welche Parameter messe und welchen Bedingungen diese unterliegen. Die Grundlagen der Lichtmesstechnik sind ganz essentieller Baustein meiner Doktorarbeit, sowie der meiner zwei Kollegen.

LICHT: Welche Themen begegnen Ihnen in der Praxis?
Nils Haferkemper: Wir sind ein Drei-Mann-Unternehmen, wo jeder neben photometrischer Messung seinen Schwerpunkt hat. Mein Bereich ist zum Beispiel zusätzlich Kundenkontakt, Marketing und Akquise. Mit der Gründung unserer Firma im Juli 2013 mussten wir Bankengespräche führen, Finanzierungsmöglichkeiten ergründen und uns juristisches Grundlagenwissen erarbeiten. Der Bau unseres Firmengebäudes ist diesen Sommer abgeschlossen worden, wir haben hochwertige Messtechnik angeschafft und stehen auf eigenen Füßen. Die lichttechnischen Themen des Alltags ergeben sich so aus unseren Dienstleistungen, also photometrische Vermessungen verschiedenster Art. Wir messen Lampen und Leuchten, erstellen Lichtstärkeverteilungskurven, *LDT oder *IES-Dateien für Kunden, die diese Informationen an ihre Licht- oder Elektroplaner weitergeben. Wir betrachten die photobiologische Sicherheit von Leuchtmitteln auf Grundlage von Messungen nach DIN EN 62471, führen thermische Charakterisierungen von LEDs durch, vermessen KFZ-Scheinwerferverteilungen sowie Rückstrahler nach entsprechenden ECE- und SAE-Regelungen. Hinzu kommen noch die Themen wissenschaftlicher Gerätebau, Gutachtertätigkeiten und lichttechnische Softwareentwicklung.

Abb.: Photometrische Messungen für die Herstellung von Simulationsdaten und Datenblättern sowie die Prüfung von Beleuchtungsprodukten nach geltenden Standards.

LICHT: Zu welchen Gewerken oder Berufsgruppen gibt es Schnittstellen?
Nils Haferkemper: Losgelöst von den fachlichen Ansprüchen sind die Bereiche Finanzen, Steuern und juristische Belange, die man für eine Selbstständigkeit braucht, wirklich anspruchsvoll. Wir haben, nicht zuletzt um Sicherheit für unsere Kunden zu gewährleisten, gleich eine Kapitalgesellschaft gegründet, weshalb wir zusätzlichen Pflichten nachgehen müssen.
Bezogen auf unsere Messdienstleistungen arbeiten wir an Projekten mit Leuchtenherstellern, deren Zulieferern sowie Lichtplanern. In einer Studie zur Gefährdungsbeurteilung von Gemälden im Domkapitel Aachen haben wir die Messungen und Berechnungen der Beleuchtungssysteme durchführt, um eine Aussage zur Schädigung der Gemälde durch LED-Lichtquellen treffen zu können. Wir bekommen Aufträge von Firmen, die Beleuchtungssysteme für Bildverarbeitungsgeräte zur industriellen Prüfung am Fließband herstellen. Dort kann es Situationen geben, wo der Arbeitnehmer direkt in die Lichtquelle schaut. Für diese Situation beurteilen wir die Gefährdung für das Auge. Des Weiteren arbeiten wir mit Leuchtmittelherstellern zusammen, zum Beispiel mit Produzenten von LEDs. Zur Erstellung der LED-Datenblätter führen wir thermische Charakterisierungen der photometrischen und spektralen Eigenschaften durch.
In Deutschland ist der Inverkehrbringer von Leuchtmitteln für die Produkthaftung verantwortlich. Was auf der Verpackung steht, muss eingehalten werden. Häufig kaufen die Firmen ihre Leuchtmittel von einem Zulieferer. Damit sie sichergehen können, dass die Angaben des Produzenten stimmen, lassen sie ihre Produktionschargen stichproben-artig bei uns kontrollieren. Freilich ist für uns der Kontakt zu Gremien und Verbänden, aber auch Vertretern der Presse eine wichtige Verbindung für einen fachlichen Austausch.

»Ein Prozent Messunsicherheit bezogen auf die Zeit entspräche einer Abweichung von 3,6 Tagen pro Jahr!«

LICHT: Welche Standards, Richtlinien und Vorgaben müssen bei Ihrer Arbeit eingehalten werden?
Nils Haferkemper: Bezogen auf die normative Situation der Allgemeinbeleuchtung hat sich in den letzten Jahren viel getan. Der KFZ-Bereich war aufgrund seiner Sicherheitsrelevanz schon immer stark reguliert, momentan zieht der Bereich Allgemeinbeleuchtung entschieden an. Selbstverständlich gibt es auf fachlicher Seite eine Fülle an nationalen und internationalen Vorgaben, an die wir uns halten. Während der Promotion hatten wir bereits intensiven Umgang mit Standards und Richtlinien, was uns heute den Zugang erleichtert.
Wir sind ein unabhängiges Lichtmesstechniklabor, das hochwertige Qualitätsstandards einhält. In Zukunft möchten wir uns akkreditieren lassen und arbeiten heute schon nach den entsprechenden Vorgaben und Prozessen. Als ersten Schritt dazu haben wir die DGQ-Labormanager-Prüfung nach DIN EN ISO/IEC 17025 abgelegt. Das ist ein relativ großer Aufwand. In festen Abständen werden Messtechniktests durchgeführt und das Equipment auf Abweichungen überprüft. In der Lichtmesstechnik liegen die Messunsicherheiten oft um ein paar Prozente. Die Zeit kann man beispielsweise ganz genau messen, Atomuhren haben eine Messunsicherheit von ca. 4×10-16, also wenige Milliardstel Sekunden pro Jahr. Ein Prozent Messunsicherheit bezogen auf die Zeit entspräche einer Abweichung von 3,6 Tagen pro Jahr! Das ist der besondere Charakter der Messtechnik und der Reiz für uns, diese Abweichungen auf ein Minimum zu reduzieren. Wie kann ich dauerhaft hochwertige Messungen durchführen? Dazu sind wir drei Kollegen genau die richtige Kombination an Kompetenz, das ist unser Fachgebiet.

Abb.: Im September eröffnete das neue Lichtlabor in Eppertshausen bei Darmstadt.

LICHT: Welche Informationen sind nötig, um erfolgreiche Messaufträge realisieren zu können?
Nils Haferkemper: Für eine Leuchtenvermessung sind die Feinheiten durchaus wichtig und machen eine Anfrage vielleicht komplizierter als gedacht. Es gibt per se keine Standardmessung. Aufträge sind für uns erfolgreich, wenn unser Auftraggeber seine Ziele realisiert. Daher ist es für uns wichtig zu verstehen, was unser Kunde vor hat und wie wir ihn auf seinem Weg unterstützen können. Folgendes Beispiel: Ein Kunde hat ein LED-Produkt ohne CE-Kennzeichnung erworben, möchte es aber in den Markt bringen und braucht dafür die Beurteilung der photobiologischen Sicherheit der Leuchte. Die Anfrage landet bei uns und wir können ihm den Rat geben, sich diese Information beim Hersteller der LEDs einzuholen. Die Leuchtdioden sind sicherlich am Produktions-ort vermessen und die photobiologische Sicherheit der Komponenten bewertet worden. In diesem Fall helfen wir gern mit unserer Erfahrung. Das bringt uns an der Stelle keinen Auftrag, aber eine nachhaltige Kundenbindung, weil er auf unsere Kompetenz vertrauen und sicherlich mit einer anderen Messanfrage wiederkommen wird.

Abb.: Neben der Messung von Lampen und Leuchten werden auch Lichtstärkeverteilungskurven für Kunden erstellt, thermische Charakterisierungen von LEDs durchgeführt oder KFZ-Scheinwerferverteilungen vermessen.

LICHT: Was möchten Sie angehenden Studenten oder Doktoranden der TU Darmstadt mitgeben?
Nils Haferkemper: Meiner Meinung nach gibt es zwischen den großen Universitäten, an denen Lichttechnik gelehrt wird, keine großen Unterschiede. Soweit ich das mitbekommen habe, sind die Grundvoraussetzungen als auch die Arbeitsweisen an den Lehrstühlen ähnlich. Ich denke, im Bereich Forschung ist die Gefahr sehr groß, sich zu sehr von den Anwendungsthemen zu entfernen. Die Stärke des Fachgebietes Lichttechnik der TU Darmstadt liegt darin, dass sie einen sehr guten Kontakt in die Automobilindustrie pflegt, industrienah und empirisch arbeitet.

LICHT: Herr Haferkemper, herzlichen Dank für das Gespräch.

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  • Ausbildung: Doktorand der Technischen Universität Darmstadt
  • Firma: PHOTOMETRIK GmbH, Eppertshausen
  • Berufsbild: Geschäftsführer
  • Kurze Berufsbeschreibung: Messdienstleistungen für Allgemein-, Industrie- und KFZ-Beleuchtung
  • Kontakt: www.photometrik.de

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Das Interview führte Monique Hanisch. Sie studierte Medientechnologie an der TU Ilmenau und konnte über fünf Jahre Erfahrung in den Bereichen Lichtanwendung sowie Lichtplanung sammeln, bevor sie sich 2015 als Freiberuflerin selbstständig gemacht hat.

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