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12. Januar 2015

Licht für die »Mutterkirche der Reformation«

Lesezeit: ca. 8 Minuten

Kapitel 1

Abb.: Die Orgelempore mit der "Sauer Orgel" von 1983 wird für Chöre und Orchester mit drei kleinen Konzertpendeln mit 150 W Halogenmetalldampflampen aus vorhandenen Löchern im historischen Gewölbe beleuchtet. Ein vierter ausrichtbarer Strahler mit Halogenmetalldampflampe setzt die Orgel bei Orgelkonzerten ins Licht.

Die erste urkundliche Erwähnung der Kirche stammt von 1180. Um 1281 wurde der heutige Altarraum mit Seitenschiff auf der Südseite errichtet und zwischen 1412 und 1439 das Langhaus als dreischiffige Halle angefügt. 1547 entstand der Reformationsaltar von Lucas Cranach. 1811 wurde die Inneneinrichtung im Stil einer klassizistischen Neugotik nach Plänen des Dessauer Baumeisters Carlo Ignazio Pozzi umfassend neugestaltet, 1928 der Innenraum von Architekt Erich Blunck wiederum erneuert und purifiziert. Bei dieser Renovation elektrifizierte man die Kirche und beleuchtete sie mit großen mehrflammigen Kronleuchtern, Wand- und Deckenleuchten aus Messing. Die von Richard L. F. Schulz in Berlin gefertigten Leuchten wurden vermutlich nach Musterbuch ausgewählt und nicht eigens für die Stadtkirche entworfen. Vergleichbare Kronleuchter aus Messing sind 1929 auch im Rathaus von Wittenberg installiert worden.

Abb.: Die Stadtkirche Wittenberg ist im Hauptschiff mit historischen "Flämischen Kronen" von 1928 beleuchtet, die ergänzt werden von Pendelleuchten mit LED-Down- und -Uplight. Beide Lichtkomponenten sind getrennt schalt- und dimmbar.

Historische Leuchten in der Stadtkirche

Schiff und Seitenemporen der Stadtkirche wurden vor der Renovation der Kirche ausschließlich von sechs 24-flammigen Leuchten im Stil »Flämischer Kronen« beleuchtet. Bei diesen Leuchten ist die barocke Gestalt »Flämischer Kronen« zeittypisch abgewandelt – die klassische große Kugel hat die Form eines Apfels, die Abfolge von Kugeln am Balusterschaft ist zu einer Folge unterschiedlich gestalteter Kelche verändert und die S-förmigen, tief heruntergezogenen Arme werden ergänzt durch aufwärts gebogene Doppelarme. Die kelchförmigen Fassungskaschierungen waren 1928 mit klaren Glühlampen bestückt – matte Glühlampen kamen erst 1932 auf den Markt – und trugen einen mattierten Glaskelch. Das entsprach der Lichtphilosophie des Bauhauses, das Licht klarer Glühlampen nicht offen zu zeigen, sondern mit geätztem Glas oder Opalglas zu filtern, weil es als blendend empfunden wurde. Zwei Lichtphilosophien trafen dabei aufeinander – »Flämische Kronen« sind mit ihren Schaftkugeln und Zierkörpern aus glänzendem Messing für die Reflexion des brillanten Lichts von Kerzenflammen gedacht, nicht für das diffuse Licht mattierter Gläser. Die gläsernen Kelche wurden im Rahmen einer Renovierung 1953 entfernt, die klaren Glühlampen, später Energiesparlampen offen gezeigt. Sie waren so tief in die Messingkelche gesetzt, dass sich ihr Licht nur im oberen Halbraum der Kirche verteilte.

Die sechs Kronleuchter sollten gleichzeitig das Kirchenschiff und die tiefen Emporen beleuchten und waren im Gewölbe, auch wegen der starken Verschiebung der Achse des Chores zu der des Mittelschiffes, an Rohren sehr dicht vor den Scheidbögen angeordnet. Nach der Renovation sind die Leuchten weiter in der Mitte des Kirchenschiffes aus vorhandenen Löchern im Gewölbe abgehängt. Die Rohre werden in regelmäßigen Abständen durch hölzerne vergoldete Kugeln getrennt, den Abschluss bildet ein Baldachin in Form einer halbkugelförmigen Sonne mit großem Strahlenkranz. Baldachine sind bei Leuchten in Kirchen, die zum Leuchtmittelwechsel mit Winden vom Dachboden heruntergelassen werden, ungewöhnlich, da ihre exakte Positionierung im Scheitel der Gewölbe schwierig bis unmöglich ist. Die Kronleuchter, die Rohre und ihre Baldachine wurden sorgfältig restauriert und die Fassungen dabei in den Messingkaschierungen höher gesetzt, so dass die klaren Glühlampen ihr Licht frei im Kirchenraum verteilen können.

Die flachen Seitenschiffgewölbe, die 1928 nach der Anhebung der Emporenböden entstanden sind, waren mit je vier sehr eigenwilligen Deckenleuchten mit mattierter Glasscheibe und Zackenkranz aus Messing beleuchtet. Die Leuchten mit sechs waagerecht über der Glasscheibe angeordneten Glühlampen hatten einen hölzernen Deckenbaldachin, da sie ursprünglich offensichtlich als Pendelleuchten konzipiert waren. Vor der Renovation waren sie mit drei Energiesparlampen bestückt, erhellten die Seitenschiffe mit den Bankreihen nur unzureichend und erzeugten auf den Gewölben helle Lichtkreise. Sie wurden sorgfältig restauriert und mit LEDs ausgestattet. Die hölzernen Baldachine sind durch Baldachine aus Messing ersetzt. Ähnliche Leuchten mit Zackenkranz aus Messing waren als flache Deckenleuchten unter der Westempore angeordnet und erzeugten mit ihren Zacken auf der hölzernen Deckenuntersicht irritierende Schatten. Die mangelnde Ausleuchtung hatte im Laufe der Jahre zu einer Ergänzung mit Niedervolthalogenlampen im Eingangsbereich und historisierenden Wandleuchten rechts und links der Portale geführt. Diese Leuchten entfielen und wurden durch LED-Einbaudownlights ersetzt. Der bislang unbeleuchtete hölzerne Säulengang unter den Seitenemporen erhielt ebenfalls LED-Einbaudownlights.

Der Chorraum war von zwei dreiarmigen Wandleuchten mit rechteckigem Messingschild beleuchtet, der Cranach-Altar von zwei großen Wandlaternen aus Messing mit je vier Glühlampen. Die Lampen erzeugten spiegelnde Reflexe auf dem Cranach-Altar. Bei Führungen konnte ohne Positionswechsel jeweils nur eine Seite des Altares blendfrei betrachtet werden. Die beiden restaurieren Blaker haben einen neuen Ort im Vestibül im Gewände der Tür zur Kirche erhalten. Die Wandlaternen wurden nicht wieder eingesetzt. Die Rückseite des Cranach-Altares wurde mit einem Fluter von der Ostwand des Chores angestrahlt, das südliche Seitenschiff des Chorraumes mit weiteren Cranach-Bildern war gänzlich unbeleuchtet bis auf einen einzelnen Strahler, der vom mittleren Pfeiler auf das Bild des Weinbergs gerichtet war.
Neben den sechs großen 24-flammigen Messingkronleuchtern, den acht Deckenleuchten und den Wandleuchten wurden drei weitere historische Messingkronleuchter, die defekt auf dem Dachboden lagerten, sorgfältig restauriert und mit dimmbaren »Halogen Eco A 57 W« bzw. Kerzenlampen »Eco Pro Classic B 46 W« bestückt. Sie beleuchten jetzt die Westvorhalle, das Vestibül und die Ordinandenstube. Da die Kronleuchter nur zu Gottesdiensten und kirchenmusikalischen Veranstaltungen eingesetzt werden, wurde bewusst die Entscheidung getroffen, sie mit dimmbaren Halogenleuchtmitteln zu bestücken, die beim Dimmen ihre Lichtfarbe verändern. Sollten diese Leuchtmittel wie geplant 2016 von der EU ausgephast werden, legt die Kirchengemeinde einen entsprechenden Vorrat an.

Abb.: Die Sakristei der Stadtkirche St. Marien wird mit zwei Lichtprofilen in Form einer Mandorla beleuchtet, die das Motiv des Weltenrichters über dem schlichten Altar aufgreift. Sie sind mit sechs LED-Downlights und sechs LED-Uplights bestückt. Beide Lichtkomponenten sind getrennt schaltbar und dimmbar.
Abb.: Das Vestibül – der Vorraum zwischen Sakristei und Kirche – ist mit einem sechsflammigen historischen Kronleuchter und zwei dreiflammigen Blakern von 1928 beleuchtet. Die Messingleuchten wurden restauriert und mit dimmbaren Halogen Eco A 52 bestückt.[/caption][media type="image" id="7759" link="" caption=""] Abb.: Blick über die Südempore der Stadtkirche in das Südseitenschiff des Chorraumes. Die Emporen sind mit den gleichen Pendelleuchten wie das Schiff beleuchtet. [media type="image" id="7758" link="" caption=""]

Energieeffiziente Beleuchtung mit LEDs und HCI

Die gesamte Stadtkirche ist energieeffizient mit LEDs und Halogenmetalldampflampen zu beleuchten. Hauptschiff, Emporen, Südseitenschiff des Chorraums und Vorhalle werden von insgesamt 37 Pendelleuchten mit einem LED-Downlight 45 W beleuchtet. Drei breitstrahlende Uplights mit je 12,5 W erhellen aus den Pendelleuchten die Gewölbe. Beide Lichtkomponenten sind getrennt schaltbar und dimmbar. Die Leuchten sind mit einer Metallglimmerfarbe in einem Grauocker lackiert, das sich der Farbigkeit der Sandsteinrippen und Konsolen des Gewölbes unauffällig anpasst.
Die Seitenschiffgänge und der Bereich unter der Westempore werden von insgesamt 58 LED-Einbaudownlights mit je 12 W beleuchtet, die Gewölbe in den äußeren Seitenschiffen von durchgehenden LED-Lichtbändern (mit je 33 bzw. 36 x 13 W), die die Gewölbe und die Außenwände mit diffusem Licht erhellen. Zusätzlich sind dort wieder die acht historischen Deckenleuchten installiert, mit 18 W LEDs bestückt und restauriert. Das Tonnengewölbe der Westvorhalle hat zusätzlich zu dem historischen Kronleuchter durchgehende LED-Lichtbänder mit 12 x 31 W auf den hölzernen Gesimsen erhalten.

Der Cranach-Altar und die Bildwerke im Chorraum werden von kleinen Strahlern mit Halogenmetalldampflampen HCI 70 W beleuchtet. Der Bereich vor dem Altar wird von sechs LED-Strahlern mit je 45 W hinter dem Chorbogen ausgeleuchtet, der Bereich hinter dem Cranach-Altar von zwei Pendelleuchten und zusätzlichen LED-Strahlern, die auf die Bildwerke gerichtet sind. Die Orgelempore wird für Chöre und Orchester mit drei kleinen Konzertpendeln von HCI 150 W beleuchtet. Die »Sauer-Orgel« von 1983, deren Mittelfeld aus dem Prospekt der Orgel von 1811 übernommen wurde, kann zusätzlich mit einem ausrichtbaren HCI-Strahler 150 W bei Orgelkonzerten ins Licht gesetzt werden.
Das Gewände des gotischen Westportals wird mit zwei Bodeneinbauleuchten »HCI-TC-CE 35 W« betont. Der Besuchereingang ist vom Westportal auf die Südseite der Kirche verlegt. Zwei Pendelleuchten erhellen die Südvorhalle; das Gewölbe unter der Südempore wird von einem durchlaufenden LED-Lichtband und den historischen Deckenleuchten beleuchtet, die Stufenanlagen und die behindertengerechte Rampe mit insgesamt zehn und die Informationstheke mit fünf zusätzlichen LED-Einbaudownlights.

Die große Sakristei wurde im 14. Jahrhundert an den zweischiffigen Chorraum angebaut. Sie wird mit zwei Lichtprofilen in Form einer Mandorla beleuchtet, die das Motiv des Weltenrichters im mittelalterlichen Sandsteinrelief an der Stirnseite des Raumes aufgreifen. Die Lichtprofile beleuchten den unteren Halbraum mit sechs kleinen Reflektoren mit LED 12,5 W, die Gewölbe mit den Sandsteinrippen mit sechs Uplights mit LED 4 W. Beide Lichtkomponenten sind getrennt schaltbar und dimmbar.[media type="image" id="7760" link="" caption="Abb.: Seitenschiff mit LED-Lichtband und den restaurierten historischen Messingleuchten, die auf LEDs umgerüstet wurden."] Abb.: Blick von der Südempore in das Kirchenschiff der Stadtkirche mit den historischen Kronleuchtern und den Pendelleuchten.

Lichtsteuerung vom mobilen Panel aus

Bei der Beleuchtung der Stadtkirche wird unterschieden zwischen der historischen Beleuchtung, die bei Gottesdiensten und kirchenmusikalischen Veranstaltungen –
unterstützt von einer energieeffizienten Beleuchtung – eingesetzt wird, und der energieeffizienten Beleuchtung mit LED und HCI während der täglichen Führungen und der Öffnungszeiten der Kirche von 10.00 bis 18.00 Uhr bzw. bis 16.00 Uhr im Winterhalbjahr. Der Anschlusswert der Kirche beträgt für die Temperaturstrahler 10.500 W, für LED und HCI zusammen rund 8.000 W, davon dimmbar 5.650 W. Die 154 Leuchten sind in 62 Schaltgruppen mit 25 Lichtszenen von einem mobilen Panel aus zu steuern. Im gesamten Kirchenraum und den Nebenräumen mit knapp 1.700 m2 ist eine Sicherheitsbeleuchtung installiert, alle Pendelleuchten sind mit Notlicht-LEDs mit 3 W bestückt.
Besonderes Augenmerk wurde bei den Lichtszenen neben der Beleuchtung der Gottesdienste auf eine angemessene Beleuchtung für die vielen, sehr unterschiedlichen Konzerte gelegt, die sowohl auf den Stufen des Chorraumes als auch auf der Orgelempore stattfinden. Die Lichtszenen sind so konzipiert, dass der Energieverbrauch minimiert wird, die große und räumlich sehr vielfältige Kirche gleichwohl immer angemessen beleuchtet ist.

Autorin: Dr.-Ing. Eva-Maria Kreuz
Fotos: Kreuz + Kreuz

Projektinformationen:
Bauherr: Evangelische Stadtkirchengemeinde Wittenberg
Generalplaner: Dr. Krekeler & Partner Architekten, Brandenburg, www.krekeler-architekten.de
Lichtplanung und Leuchtenentwurf: Kreuz + Kreuz Freie Architekten/Lichtplaner, Stuttgart, www.kreuzundkreuz.de
Elektroplanung: Ingenieurbüro Niehsen-Baumann, Chemnitz, www.niehsen-baumann.de
Elektrofirma: Elektro Anders, Lutherstadt Wittenberg, www.anders-electro.de
Leuchtenhersteller: Interferenz, Tönisvorst, www.interferenz.de
Weitere Leuchten: Lightnet, Köln, www.lightnet.de; Barthelme, Nürnberg, www.barthelme.de; BEGA, Menden, www.bega.de
Leuchtenrestaurierung: Paul Lorenz, Chemnitz/Grüna, www.lorenz-leuchten.de