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06. Februar 2014

Die Nacht im künstlichen Licht

Lesezeit: ca. 9 Minuten

Kapitel 1

Blick auf Stuttgart-Bad Cannstatt vom Württemberg

Der globale Trend zu mehr Licht ist ungebrochen

»Die helle Seite der Nacht« bietet reichlich Gesprächs- und Diskussionsstoff für fächerübergreifenden Austausch, das zeigte die Konferenz einmal mehr. So diskutierten am 20. und 21. Juni 2013 im IRS1 in Erkner bei Berlin Ökonomen mit Stadtplanern, Politologinnen mit Historikerinnen, Geographen mit Literaturwissenschaftlern, während sich aus dem Publikum auch Physiker, Gewässerökologinnen und interessierte Bürger zu Wort meldeten.

Tatsächlich erzwingt die Frage nach dem rechten Licht den Expertenaustausch, nicht zuletzt weil sie alle Dimensionen von Nachhaltigkeit betrifft. Das betonte auch Volkmar Dietz vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) stellvertretend für die Projektförderer in seinem einleitenden Grußwort zur Konferenz.

Nachhaltige Beleuchtung lässt sich eben nicht mit der energieeffizientesten Lösung gleichsetzen und auch nicht allein wahrnehmungsphysiologisch begründen. Vielmehr werden erleuchtete Räume immer auch kulturell erfahren. Beleuchtung hat somit auch eine historische und gesellschaftspolitische Dimension. Das neuerwachte Interesse für die Schattenseiten übertriebener, störender Beleuchtung betont diese »weichen« Aspekte und bildet so ein Gegengewicht zu harten wettbewerbs- und klimapolitischen Fakten. Entsprechend legt auch die Beschäftigung mit dem Verlust der Nacht wissenschaftliche Perspektiven nahe, die über den Tellerrand ihrer jeweiligen Disziplin hinausschauen.

Die so genannte Lichtverschmutzung bietet nicht nur einen vielschichtigen interdisziplinären Forschungsgegenstand. Sie erregt auch öffentliche Aufmerksamkeit. Davon zeugen internationale Initiativen von Astronomen und Umweltschützern, die für den Erhalt nächtlicher Dunkelzonen und die freie Sicht auf den Sternhimmel kämpfen, oder Aktionen wie der jährliche Aufruf, im Rahmen der Earth Hour der Umwelt zuliebe weltweit eine Stunde alle Lichter auszuschalten. Ein Indikator für das wachsende Bewusstsein ist auch die steigende Zahl zertifizierter Sternenparks – eine Dynamik, die Josiane Meier (TU Berlin IRS) für »Verlust der Nacht« erforscht, und die der Astronom Andreas Hänel von Dark Sky – Initiative gegen Lichtverschmutzung auf der Konferenz in Person vertrat. In einer mittäglichen Postervorstellung zeigte Hänel am Beispiel von LED-Strahlern, wie sich die schädlichen Effekte künstlicher Beleuchtung auf die nächtliche Flora und Fauna durch die Wahl insektenverträglicher Farbspektren mindern lassen.

Doch trotz aller Bemühungen, künstliches Licht zu sparen, zu dimmen oder besser zu regulieren ist der globale Trend zu mehr Licht ungebrochen. Wie Konferenzgastgeber Timothy Moss (IRS) bemerkte, gilt dies für Entwicklungs- und Schwellenländer ebenso wie für den bereits hell erleuchteten industrialisierten Teil der Erde. Der Trend lässt sich historisch weit zurückverfolgen, wenn auch in sehr unterschiedlichen lokalen Ausprägungen. Wie Jane Brox, die Autorin des Buches »Brilliant: The Evolution of Artificial Light«, in ihrem historischen Überblick verdeutlichte, hat jede neue Beleuchtungstechnik seit dem ersten stationären Straßenlicht im 17. Jahrhundert mehr Helligkeit in die nächtliche Stadt gebracht. Während frühe Öllaternen nur schwach brannten und von Laternenanzündern per Hand zunächst nur in mondlosen Nächten für einige Stunden entzündet wurden, ist die Illumination öffentlicher Räume von der Dämmerung bis zum Sonnenaufgang inzwischen längst zur Normalität geworden. Tatsächlich halten wir die Dauerbeleuchtung für so selbstverständlich, dass wir heute wieder kontrovers über das zeitweise oder gänzliche Abschalten von Leuchten diskutieren. Früher war es eine ökonomische Notwendigkeit.

Die hell ausgeleuchtete Realität steht im Kontrast zum geforderten Mut zur Dunkelheit. Wie Martin Morgan-Taylor (De Montfort University Leicester, GB) verdeutlichte, haben Länder wie die Tschechische Republik, Slowenien, Großbritannien oder Frankreich zwar inzwischen rechtliche Rahmen geschaffen, um Störlicht zu verhindern. EU-weit fehlen aber Regelwerke, die nicht nur öffentliche, sondern auch private Beleuchtung umfassen. Zu oft verhalle das »Mantra« mit der Forderung nach dem »rechten Licht zur richtigen Zeit am richtigen Ort« aufgrund mangelnden Fachwissens oder aus wahlkampfpolitischen Erwägungen, etwa wenn sich politische Entscheidungsträger nicht trauten, das Licht zu reduzieren, weil Beleuchtung in der öffentlichen Wahrnehmung mit Sicherheit gleichgesetzt werde.

Mehr Steuerung fordert auch Dennis Köhler (Lichtforum NRW). Aus lichtplanungspraktischer Sicht hält er Lichtpläne zwar für vielversprechend. In der Realität scheitern solche Pläne aber allzu oft an mangelnder Vermittlung zwischen unterschiedlichen privaten und öffentlichen Akteuren oder an knappen Kassen und dem entsprechend fehlenden langen Atem.

Timothy Moss, Leiter zweier "Verlust der Nacht"-Teilprojekte am IRS, eröffnet die internationale Konferenz "The Bright Side of Night" (Foto: Zwilling/IRS).

Politikwissenschaftlich betrachtet, lassen sich sowohl die rechtlichen als auch die politisch-administrativen Missstände auf einen Nenner bringen, nämlich als »institutionelle Lücke« beschreiben. Katharina Krause (IRS) hat in Fallstudien in Berlin und Brandenburg zu Regulierungsversuchen im Bereich öffentlicher und privater Beleuchtung untersucht und diagnostiziert eine solche »institutional gap«. So mangelt es offenbar nicht am persönlichen Engagement der beteiligten Akteure, wohl aber an politisch-administrativen Strukturen, um mögliche Lösungen dauerhaft und fallübergreifend umzusetzen. Interessenkonflikte um das Recht, in öffentlichen Räumen zu strahlen, wie der im Vortrag herangezogene Fall der »O2 Arena« am Berliner Spreeufer, verdeutlichen aber auch die zentrale Bedeutung der Öffentlichkeit für lichttechnische Entwicklungen. Die neuen, an Medienfassaden eindrücklich demonstrierten Möglichkeiten, mit LED-Technologie Gebäudehüllen aufsehenerregend und dynamisch zu gestalten und digital zu steuern, sind keine technischen Selbstläufer, sondern werfen Fragen auf. Wie viel privates Werbelicht vertragen öffentliche Räume und wie viel öffentliches Licht braucht eine »24-Stunden-Gesellschaft«, wie sie »Verlust der Nacht«-Teilprojektleiter Dietrich Henckel (TU Berlin ISR) beschreibt?2

Was ist das viel beschworene rechte Licht zur richtigen Zeit am richtigen Ort? Und schadet LED-Licht der menschlichen Gesundheit, der Flora und Fauna? Der aktuelle Technikwandel kann so auch Anstöße geben und neue Akzente setzen im gesellschaftspolitischen Diskurs um Nachhaltigkeit.

Erhellende Geschichte und Kultur

Es gehörte zu den Stärken der Konferenz, dass sie Problemstellungen wie diese nicht nur aus aktuellem Anlass thematisierte, sondern auch historisch und kulturell rahmte. So zeigte die Historikerin Ute Hasenöhrl (IRS), dass schon die Einführung der elektrischen Beleuchtung begleitet war von Kontroversen um das richtige Licht. Auch die Furcht vor unerwünschten Nebenwirkungen von Licht auf die menschliche Gesundheit oder das ökologische Gleichgewicht ist historisch betrachtet nichts Neues, auch wenn der medizinische und lichttechnische Kenntnisstand inzwischen sehr viel weiter fortgeschritten ist. Allerdings standen solche naturwissenschaftlichen Erkenntnisse über die menschliche Wahrnehmung diesmal nicht im Fokus. Thema waren umso mehr die subjektiven und kulturell bedingten Ausprägungen nächtlicher Wahrnehmung und ihr historischer Wandel.

Live aus Dänemark über Video-Konferenz zugeschaltet, erläuterte der US-Historiker David Nye (University of Southern Denmark), wie die öffentliche und gleichsam experimentelle Nutzung neuer Lichttechnologien in den USA um 1900 neue, nächtliche Erfahrungsräume schuf. Im Spannungsfeld öffentlicher und privater Interessen eröffneten sich im Schein spektakulärer Festbeleuchtungen und der ersten elektrischen Hochhaus-Illuminationen in New York nächtliche Räume, die mit der früheren alltäglichen Stadterfahrung wenig gemein hatten und einen bisher unbekannten Bedarf nach künstlicher Beleuchtung weckten.

Nichtalltägliche Erfahrungsräume im Wechselspiel von Licht und Dunkelheit beschäftigen auch den Geografen Timothy Edensor (Manchester Metropolitan University). Seine Beobachtungen im Rahmen sehr unterschiedlicher Lichtfestivals, wie der Fête des Lumières in Lyon oder dem Slaithwaite Moonraking Festival in England verdeutlichen die Ambivalenz des Gestaltungswerkzeugs Licht: Beleuchtung kann Räume verzaubern und fremdartig in Szene setzen, oder aber Vertrautes und Gemeinsames betonen und städtische Orientierungspunkte und Akzente in öffentlichen Räumen setzen.

Entsprechend ist Licht in der Literatur und Kunst zwar überwiegend positiv konnotiert, wird aber in seiner Funktion dennoch differenziert dargestellt. Wie Folkert Degenring (Universität Kassel) am Beispiel einzelner Literaturausschnitte von Platon bis heute verdeutlichte, erschließt sich die kulturelle Bedeutung von Licht und Dunkelheit erst im Kontext ihrer gesellschaftlichen Zusammenhänge. So sitzt bei Virginia Woolf eine arme Familie zu Beginn des 20. Jahrhunderts im »sehr hellen Licht« einer elektrischen Glühlampe, während ein wohlbetuchtes Paar es sich leistet, das Haus zum besonderen Anlass mit Kerzen zu erhellen.

Nächtlicher Blick auf Metzingen und das Ermstal

Auf der Suche nach dem rechten Maß

Die Bewertung und Wertschätzung des Lichts liegt in der Perspektive des Betrachters. Das hat auch schon die Berliner Ästhetik-Professorin Karin Hirdina in der Sammlung kulturhistorischer Studien unter dem Titel »Schönes gefährliches Licht«3 deutlich gemacht. Deshalb erschließt sich die gesellschaftliche Bedeutung des kulturellen Phänomens auch nicht in der naturwissenschaftlichen Analyse. Trotz physikalischer Erkenntnisse bleibt es »ungreifbar und geheimnisvoll«.

Entsprechend schwierig gestaltet sich daher auch die Aufgabe, die sich ein Teilprojekt des Forschungsclusters gesteckt hat, nämlich den Verlust der Nacht ökonomisch zu quantifizieren. Wie Merle Pottharst (TU Berlin ISR) ausführte, stehen volkswirtschaftliche Kosten-Nutzen Rechnungen wissenschaftlich gesehen auf wackeligen Füßen. Denn die Forschungslücken sind groß, Zusammenhänge nicht immer deutlich nachgewiesen. So lassen sich lichtinduzierte Umwelt- oder Gesundheitskosten, etwa aufgrund eines erhöhten Krebsrisikos, nicht zweifelsfrei einzig und allein auf gefährliches Licht zurückführen. Hinzu kommen unterschiedliche ökonomische Erhebungsmethoden, die zu entsprechend unterschiedlichen Ergebnissen führen.

Auf der Konferenz blieben auch diese wirtschaftswissenschaftlichen Perspektiven nicht unterbelichtet. So präsentierte und erklärte der Umweltökonom Kenneth Willis (Newcastle University) im letzten Panel verschiedene ökonomische Modelle und Erhebungsmethoden, um menschliche Präferenzen und die Nachfrage nach Licht und Dunkelheit zu ermitteln.

Sein Kollege Terrel Gallaway (Missouri State University) geht noch einen Schritt weiter, indem er den ökonomischen Nutzen eines sichtbaren Sternhimmels mit ähnlich komplexen Problemen wie der volkswirtschaftlichen Bewertung von Nachhaltigkeit oder Glück in Beziehung setzt. Der Nachthimmel, so Gallaway, stelle Ökonomen vor ein Paradox: »Er ist wunderschön, aber er ist auch billig und für alle verfügbar«. Fast scheint es, als habe die Menschheit angesichts der Nichtquantifizierbarkeit der Sternbeobachtung unter der Milchstraße beschlossen, das Vergnügen einfach abzuschaffen.

Probleme, den Nutzen von Licht und Dunkelheit zu bewerten, zeigen sich aber aber nicht nur beim Blick in die Sterne, sondern betreffen auch die künstliche Beleuchtung auf der Straße. Ob die alltäglichen Nutzer öffentlicher Räume eine Veränderung der Beleuchtungssituation als positiv oder negativ empfinden, hängt nicht nur von Alter, Sehkraft und individuellen Überzeugungen, etwa einer klimabewussten Haltung ab. Auch die spezifische bauliche Situation, in der öffentliche Beleuchtung ihren Zweck erfüllt, hat einen Einfluss darauf, ob sie als angemessen empfunden wird. Das zeigte eine von Anja Besecke und Robert Hänsch (beide TU Berlin ISR) vorgestellte Anwohnerbefragung, die im Rahmen von »Verlust der Nacht« vor und nach der Einführung LED-basierter Beleuchtungen durchgeführt wurde.

Wie bei einer interdisziplinären Konferenz nicht anders zu erwarten, bildeten Fragen der Bewertung des Lichts und seiner Wirkung einen zentralen Diskussionspunkt. Während sozialwissenschaftliche Kriterien und Bewertungsmethoden im Vordergrund standen, kamen in lebhaften Diskussionen auch andere Sichtweisen zum Tragen, etwa die Perspektive des Psychologen, der Künstlerin oder des Physikers. Etwas außen vor blieb allerdings die lichttechnische Sicht, was darauf zurückzuführen ist, dass Lichtingenieure auf der Konferenz kaum in Erscheinung traten.

Die Lichtglocke über Berlin aus 70km Entfernung, fotografiert am Abend nach der Konferenz im Sternen- und Naturpark Westhavelland.

Ausblick

Zusammengenommen konnten die Konferenzbeiträge und -diskussionen ein grundsätzliches Problem von Beleuchtung verdeutlichen: Während es inzwischen recht gut gelingt, flächendeckend zu erhellen und wir beginnen, den Einfluss des künstlichen Lichts auf die Tier- und Pflanzenwelt, auf den menschlichen Körper und unsere Seele zu verstehen, tappen wir bei den gesellschaftspolitischen Effekten von zu viel oder zu wenig Licht noch weitgehend im Dunkeln. Wir wissen zu wenig über die kulturelle Wahrnehmung von Licht oder die gesellschaftlichen Effekte privater und öffentlicher Beleuchtungspraxen. Das Schweigen der Betroffenen ist dabei nur ein Aspekt, der den Erkenntnisgewinn erschwert. Eine weitere Schwierigkeit sozialwissenschaftlicher Forschung ergibt sich aus der lokalen Vielfalt von Beleuchtungstraditionen und infrastrukturellen Sachzwängen.

In dieser Situation bieten technologische Transformationen wie die derzeitige Digitalisierung des Lichts eine Chance, weil sie eingefahrene Routinen sichtbar machen und hinterfragen. Interdisziplinäre Herangehensweisen, der Dialog zwischen Technik-, Wirtschaft-, Kultur- und Sozialwissenschaften, und nicht zuletzt der Versuch, die betroffenen Nutzer beleuchteter Räume einzubeziehen, eröffnen dabei interessante Möglichkeiten. Wie breit angelegte Überlegungen zu Nachhaltigkeit und »smart« vernetzten Städten zeigen, eröffnen sich hier neue Handlungsspielräume, die weit über Fragen der Technikentwicklung hinausgehen. Hier könnten sich künftig neue gesellschaftliche Nutzen von Beleuchtung und innovative Lösungen erschließen lassen.

1Das Leibniz-Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung (IRS) und das Institut für Stadt- und Regionalplanung an der TU-Berlin (TU Berlin ISR) vertreten im Forschungsverbund Verlust der Nacht die sozialwissenschaftlichen Perspektiven.

2Henckel, D. (2013): Verlust der Nacht in der 24-Stunden-Gesellschaft. In: Freyhoff, A. / Hölker, F. / Posch, T. / Uhlmann, T. (Hrsg.): Das Ende der Nacht. Lichtsmog: Gefahren – Perspektiven – Lösungen. Berlin Wiley-VHC.

3Hirdina, Karin und J. Augsburger (Hrsg): Schönes gefährliches Licht, Studien zu einem kulturellen Phänomen. Stuttgart. Ibidem. 2000

Weiterführende Infos

Text: Nona Schulte-Römer, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, www.wzb.eu

Fotos: Andreas Hänel, Dark Sky-Initiative gegen Lichtverschmutzung, www.lichtverschmutzung.de