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Licht 9 | 2020

Zwischen Design, Kunst und Architektur

Rückschau auf Ingo-Maurer-Ausstellung in der Pinakothek der Moderne

Unter dem Titel »Ingo Maurer intim. Design or what?« widmete die Neue Sammlung, Pinakothek der Moderne in München einem der prägendsten Lichtgestalter unserer Zeit eine großangelegte zeitgenössische Ausstellung. Ingo Maurer, der am 21. Oktober 2019 in München verstarb, arbeitete bis zuletzt an der Konzeption dieser Einzelausstellung. Mit rund 80 Objekten bot sie einen Querschnitt durch alle Schaffensphasen Maurers von den 1960er Jahren bis in die Gegenwart. Einige Objekte wurden für die Ausstellung extra angefertigt.

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Abb.: Eines der Highlights der Ingo-Maurer-Ausstellung in München war das speziell für den hohen Ausstellungsraum angefertigte »Golden Ribbon«, das über den Besuchern schwebte. Anna Seibel

Die Ausstellung, die vom 15.11.2019 bis 18.10.2020 stattfand, umfasste mehrere Themenschwerpunkte, die Ingo Maurer (1932-2019) im Laufe seines Schaffens immer wieder beschäftigten: »Spiel mit Licht und Schatten«, »Motten umtanzen das Licht«, »Trompe-l‘oeil« sowie »Charaktere und Typen« führten als übergeordnete Begriffe durch die Ausstellung. Als Gliederung dienten außerdem die für seine Arbeit prägenden Techniken und Materialien Glühbirne, LED, Gold und Papier.

Zu den frühen Klassikern Ingo Maurers gehören »Bulb« und »Giant Bulb« aus dem Jahr 1966, »Thomas Alva Edison« von 1979, seine »YaYaHo Niedervolt Halogen-Seilspannsysteme« (seit 1984) und seine größten ikonischen Werke von »Lucellino« bis »Zettel‘z«. Sie stehen für die immense Bandbreite im Werk von Ingo Maurer. Zu einer Reihe von Objekten machten Bilder, Prototypen, Skizzen und Zeichnungen die Entwurfspraktiken und Entwicklungshistorien hinter den Objekten erfahrbar.

Abb.: »Zettel'z« gilt als eines der größten ikonischen Werke von Ingo Maurer. Anna Seibel

Zu den Höhepunkten der Ausstellung gehörten zum einen das speziell für den hohen Ausstellungsraum angefertigte »Golden Ribbon«, das über den Besuchern schwebte, zum anderen zwei Sonderausführungen der »Eclipse Ellipse«, die eine große Wandfläche des zehn Meter hohen Raums strukturierten. Die Leuchten bewegten sich vor und zurück, es entstand ein faszinierendes Schattenspiel. Der Untertitel der Ausstellung »Design or what?« schon in dem für Ingo Maurer typischen humorvollen Unterton die Frage nach der oft bemühten Unterscheidung zwischen Design, Kunst und Architektur selbstironisch beiseite.

Die für die Paternoster-Halle spezifischen Paternoster-Lifte widmeten sich Ingo Maurers Installationen und Interventionen im öffentlichen Raum in Form von Modellen, Fotografien und Renderings einerseits, und der Integration der neuen Technologie OLED in Leuchtenentwürfen andererseits. Einen weiteren Schwerpunkt der Ausstellung bildeten Ingo Maurers Installationen und große Interventionen im öffentlichen Raum. »Biotop« (seit 2011) besteht aus natürlichen Schwämmen, die in intensivem Grün erstrahlen. Ein Modell des Wintergartens des Münchner Residenztheaters zeigte das jüngste lichtgestalterische Konzept Ingo Maurers. Die Lichtinstallation »Silver Cloud« sowie eine neue Leuchtschrift wurden am 19. Oktober 2019 erstmals der Öffentlichkeit präsentiert. Das nicht realisierte Projekt »Broken Egg« (2013) sah einen architektonischen Pavillon im Inhotim Museumspark nahe der brasilianischen Stadt Belo Horizonte vor. Diese und weitere Installationen wurden den Besuchern mittels Modellen, Fotografien und Renderings nahegebracht.

Technische Revolutionen im Lichtdesign

Ingo Maurer gilt als einer der wichtigsten Vorreiter in der Anwendung neuester technologischer Entwicklungen im Lichtdesign: So gelten seine gestalterischen Experimente mit Glühbirnen seit den 1960er Jahren heute als legendär. In den 1980er Jahren hat Maurer die seither unzählige Male kopierten, aber in ihrem Esprit niemals erreichten Niedervolt-Seilspannsysteme erfunden und war mit seinem Entwurf »Flying Future« (2006) der erste Designer, der OLED in seinen Entwürfen verwendete. Dabei war Technologie für Maurer niemals Selbstzweck, sondern wurde von ihm als Werkzeug bei der Realisierung neuer Entwürfe angesehen.

Abb.: Ingo Maurers gestalterischen Experimente mit Glühbirnen seit den 1960er Jahren gelten heute als legendär. Anna Seibel

Abb.: Lucellino Wall (1992) besteht aus Glas, Messing, Kunststoff und handgefertigten Flügeln aus Gänsefedern. Anna Seibel

Ingo Maurer: »Zuerst entsteht in meinem Kopf die Idee von einem Objekt – wie ein Traumgebilde; erst im nächsten Schritt suche ich gemeinsam mit meinem Team nach Wegen für die Realisierung. Manchmal dauert es Jahrzehnte, bis die technischen Entwicklungen unsere Vorstellung möglich machen.« Im Unterschied zu typischen Industriedesignern kann die Ingo Maurer GmbH seine Visionen realisieren, dank einer eigenen Produktion ist selbst die Herstellung kleiner Serien möglich.

Erste Einzelausstellung in München seit 1992

Ingo Maurers Werk wurde in Ausstellungen weltweit gewürdigt, so im Centre Georges Pompidou in Paris, dem Stedelijk Museum in Amsterdam oder dem Victoria & Albert Museum in London sowie im Cooper-Hewitt, National Design Museum in New York. Zudem ist sein Werk in den wichtigsten Sammlungen vertreten, darunter im Museum of Modern Art in New York und in der Neuen Sammlung – The Design Museum. »Ingo Maurer intim. Design or what?« stellte die erste museale Einzelausstellung in Maurers Wirkstätte München seit der Werkschau in der Villa Stuck 1992 dar.

Abb.: »Ingo Maurer intim. Design or what?« war die erste museale Einzelausstellung in Maurers Wirkstätte München seit der Werkschau in der Villa Stuck 1992. Anna Seibel

Das Ausstellungsdesign von »Ingo Maurer intim. Design or what?« wurde konzipiert von Dr. Angelika Nollert, Direktorin »Die Neue Sammlung – The Design Museum« und Dr. Xenia Riemann, Kuratorin »Die Neue Sammlung – The Design Museum« in enger Kooperation mit Ingo Maurer und seinem Team. Dr. Angelika Nollert: »Ingo Maurer gehörte zu den vielseitigsten Lichtgestaltern unserer Zeit. Papier, Porzellan oder Plastikmäuse – er brachte sie zum Leuchten. Von der Glühbirne zu Halogen bis OLED: Ihn interessierten die Entwicklungen und Anwendungen technischer Neuerungen, setzte sich aber auch kritisch, mitunter politisch mit diesen Veränderungen auseinander. Denn die Qualität des Lichts war für ihn besonders wichtig.«

Weitere Informationen:

Ausstellung: »Ingo Maurer intim. Design or what?«, www.ingo-maurer.com

Quelle: Barbara Hickl Nicole Vesting

Fotos: Anna Seibel

Dieser Artikel ist erschienen in

Licht 9 | 2020

Erschienen am 25. November 2020