Planung
Licht 8 | 2020

Zum Anbeißen schön

Das Museums of Modern Öpfel

Die Mosterei Möhl verwirklichte auf ihrem Betriebsgelände in Arbon einen gleichermaßen innovativen wie repräsentativen Museumsbau, dessen expressive Plastizität nicht nur in der kleinen Stadt am Bodensee ihresgleichen sucht. Die beiden beteiligten Lichtplanungsbüros führten das gelungene Zusammenwirken von Scheunencharakter und Industriebau mit ihrem Beleuchtungskonzept fort.

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Abb.: Im Schweizer Brennereimuseum MoMö dreht sich alles um den Apfel. Sektor4 hat ihn mit 10°-Spots in Szene gesetzt. Paolo Carlini

Bei der Anreise über die St. Gallerstraße in Arbon im Kanton Thurgau nimmt das Gebäude des Museums of Modern Öpfel, kurz MoMö, den Blick sofort gefangen. Die Architektur­sprache des schlichten, mit Holz verkleideten Gebäudes scheint bekannt, doch irgendetwas ist anders. Bei näherer Betrachtung erschließt sich die Entwurfsidee der Zürcher Architekten Harder Spreyermann, die 2012 mit dem ersten Preis aus einem Studienauftrag hervorge­gangen war, als eine Mischung aus traditionellem Scheunen- und modernem Industriebau. Für letzteres sprechen die Betonbauweise und die mit Blech gedeckte, markant gefaltete Dachlandschaft, während die von Giebeln geprägte Silhouette und die einfache vertikale Holzverschalung des Neubaus auf die traditionellen landwirtschaftlichen Bauten der Umge­bung verweisen. In dieser Verbindung von Altem und Neuem repräsentiert das Gebäude, welches von Gamisch Architekten, Zürich, bis ins sorgfältigste Detail ausgeführt wurde, auch die zwei Seiten der bis auf das Jahr 1895 zurückgehenden Mosterei Möhl. Traditionelle Herstellungsverfahren und eine hochmoderne Produktion gehen dort Hand in Hand. Beides wird im MoMö dank der Szenografie der Kreativ-, Architektur- und Produktionsagentur Aroma auf eine mit allen Sinnen begreifbare, spielerische und interaktive Weise dargestellt und inszeniert. Der Besucher hat darüber hinaus Gelegenheit, in einer Führung durch die Betriebsanlagen und die Fasskeller alles über die Obstverarbeitung zu Most und Cider zu erfahren.

Abb.: Die expressive Plastizität des MoMö Museumsneubaus von Harder Spreyermann Architekten sucht nicht nur in der kleinen Stadt Arbon am Bodensee ihresgleichen. Paolo Carlini
Abb.: Der Shop im Eingangsbereich ist von einer raumgreifenden 18 Meter langen Sonderkonstruktion in dreidimensionaler kupferner Gitterstruktur gekrönt (Entwurf: Sektor4). Darüber legte vogtpartner eine weitere Lichtebene für die Grundbeleuchtung. Paolo Carlini

Ein perfekt beleuchteter Apfel verführt zum Eintreten

Bereits vor Eintreten in den mit einer Glastür geschlossenen Vorraum, dessen Rückwand eine Schweizer Landkarte ziert, wird deutlich, dass sich im Schweizer Mosterei- und Brennerei Museum alles um den Apfel dreht. Auf einem großformatigen Sockel aus unbehandeltem Thurgauer Holz zeigt er sich zum Anbeißen schön. Das liegt nicht nur an seiner Frische, sondern auch an seiner lichttechnischen Inszenierung durch das Licht­planungsbüro Sektor4, welches das organische Exponat mit 10°-Spots aus »Palco«-Strahlern ins richtige Licht setzt. Gemeinsam haben lichtgestaltende ingenieure vogtpartner und Sektor4 das gesamte Museum beleuchtet. Während das Büro aus Winterthur die Beton-Architektur mit 3000 K und 4000 K weißem Licht zur Geltung bringt und das Strahler-Grund­konzept entworfen hat, fällt das warme szenografische Licht (2700 K) der Innenausbauten in den Verantwortungsbereich der Zürcher Planer. Den Auftakt liefern diese gleich im Empfangs­raum, der unter der architektonisch prägenden Dachform den Ticketverkauf, eine Bar und einen Shop aufnimmt. Der gesamte Bereich, der von einer Sichtbetonwand auf der einen und einer mit dunklem Holz verkleideten Wand auf der anderen Seite sowie einer ebenfalls dunkel verkleideten Dachkonstruktion und einem Betonfußboden charakterisiert wird, ist mit einer raumgreifenden 18 Meter langen Sonderkonstruktion in dreidimensionaler kupferner Gitterstruktur gekrönt. An ihren Verbindungspunkten nimmt die Struktur auf drei Niveaus kleine Filamentleuchten auf und beschert dem Raum mit dieser Licht-Schichtung eine atmosphärische Grundstimmung.

Über die Sonderkonstruktion legte vogtpartner eine weitere Licht-Ebene für die Grundbe­leuch­tung, welche die Kühle der Betonwände und -treppe sowie der Galerie mit 4000 K betont. Dazu wurden an den Dachschrägen Lichtschienen montiert, die justierbare »Palco«-Strahler mit Wabenraster aufnehmen. Mit ihrer sorgfältigen Entblendung, die ein Aufleuchten der Strahler verhindert, lassen die Raster die Leuchten selbst in den Hintergrund treten. Auch für das szenografische Licht kommen die gleichen Strahler zum Einsatz, deren Lichtfarbe Sektor4 mittels Konversionsfiltern zu 2700 K modifizierte. So wurde für das Architekturlicht und die Exponatbeleuchtung eine Gestaltung mit nur einem Leuchtenmodell möglich. Zwecks Entblendung sind die Strahler für das szenografische Licht mit Torblenden versehen.

Abb.: Die Kolonnen-Brennerei, die bis 1983 in Betrieb war, ist sehr schmal und extrem hoch. Zur Ausarbeitung ihrer Plastizität setzte man Strahler mit unterschiedlichsten Lichtrichtungen ein, um zu große Helligkeitsunterschiede und Schatten zu vermeiden. Paolo Carlini
Abb.: Im Ausstellungsraum wird deutlich, wie das szenografische Licht den Raum hierarchisiert und damit den Blick des Betrachters leitet. Mit einer Farbtemperatur von 2.700 K arbeiten die Strahler die Exponate plastisch aus der Dunkelheit heraus. Paolo Carlini

Aufflammende Exponate in geheimnisvoller Dunkelheit

Den Auftakt zur Ausstellung bildet eine abstrahierte Fasswand, die mit dunklen Holzplanken verkleidet ist. Dieser interaktive Raum führt die Besucher spielerisch in die Themenwelt ein und weckt die Lust auf die etwa 1000 m2 große Ausstellung. Hier fällt eine scheunenartige dunkle Grundstimmung auf. Sie ist gewollt, denn das Gefühl von geheimnisvoller tiefer Dunkelheit in einer Scheune ist die Basis der gesamten Lichtsprache, welche die subtile Führung der Besucher ermöglicht. Behutsam gesetzte Laser-Strahler geben mit 3000 K das Grundlicht, während die historischen Exponate mittels kleiner »Palco«-Strahler warm und aufflammend umhüllt werden.

Im Ausstellungsraum selbst wird deutlich, wie das szenografische Licht den Raum hierar­chisiert und damit den Blick des Betrachters leitet. Das Ausstellungslicht arbeitet die Expo­nate plastisch aus der Dunkelheit heraus und bringt Materialien und Oberflächenbeschaffen­heiten an den Tag. Die starken Hell-Dunkel-Kontraste erzeugen visuelle Spannung und verleihen den alten Gerätschaften für die Mosterzeugung Lebendigkeit. Für jedes einzelne Objekt wurde die Beleuchtung mit Hingabe geplant. Die Kolonnen-Brennerei, die bis 1983 in Betrieb war, ist sehr schmal und extrem hoch. Zur Ausarbeitung ihrer Plastizität setzte Sektor4 sehr viele Leuchten mit unterschiedlichsten Lichtrichtungen ein, um zu große Helligkeitsunterschiede und zu große Schatten zu vermeiden. Der Besucher fühlt sich wie magisch angezogen, die Gerätschaft aus allernächster Nähe zu betrachten.

Und so geht es dem Betrachter Exponat für Exponat. Das MoMö ist ein spannendes Museum, das einen Besuch in jedem Fall lohnt. Schon allein der kreativen Szenografie von Aroma und der Lichtwirkung wegen, welche vogtpartner und Sektor4 in beispielhafter Kooperation zu Exzellenz gebracht haben. Für seine Architektur und Szenografie wurde das Schweizer Mosterei- und Brennerei Museum 2019 mit vier Preisen ausgezeichnet.

Abb.: Für die Illumination der Chrom-/Stahlanlage wählte Sektor4 eine Farbtemperatur von 4.000 K, um die Kühle des Materials zu betonen. Paolo Carlini
Abb.: Mit einer Farbtemperatur von 4.000 K wird die Kühle des Betons betont. Paolo Carlini

Weitere Informationen:

Bauherr: Mosterei Möhl AG, Arbon, www.moehl.ch

Architektur: Entwurf: Harder Speyermann Architekten ETH/SIA/BSA AG, Zürich, www.harderspreyermann.ch; Ausführung: Gamisch Architekten GmbH, Zürich, www.gamisch.ch; Szenografie: Aroma Productions AG, Zürich, www.aroma.ch

Lichtgestaltung: Architekturlicht: lichtgestaltende ingenieure vogtpartner, Winterthur, www.vogtpartner.eu; Szenografisches Licht: Sektor4 GmbH, Zürich, www.sektor4.ch

Leuchten: iGuzzini Illuminazione Schweiz AG, Zürich, www.iguzzini.com

Text: Petra Lasar

Fotos: Paolo Carlini für iGuzzini

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Licht 8 | 2020

Erschienen am 26. Oktober 2020