Planung
Licht 8 | 2020

Von der Objekt-Beleuchtung zur Objekt-Inszenierung

Die Osterrieder-Krippe im Bayerischen Nationalmuseum

Ausgehend vom angloamerikanischen Museumswesen hat sich das Objektgeschichten-Erzählen durch inszenierende Beleuchtung weithin etabliert. Bei der Lichtgestaltung der Osterrieder Krippe setzt man nicht mehr nur auf die reine Vitrinenbeleuchtung, sondern inszeniert jedes einzelne Objekt. Alleine durch die präzise Lichtführung wirkt jede Figur plastisch und lässt dadurch Interaktionen mit dem Betrachtenden zu.

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Abb.: Animiertes Licht wird zur abwechselnd sequenziellen Einzel-Darstellung der vier Szenen eingesetzt. Dabei kann statisches Präzisionslicht einen Moment des Ablaufs verdeutlichen und Lichtwechsel Szenenabläufe wie bei einer Theateraufführung erleben lassen. Die vier Szenen »Christi Geburt«, »Verkündigung an die Hirten«, »Anbetung der Hirten« und »Anbetung der Könige«. Raffael Pollack
Raffael Pollack
Raffael Pollack
Raffael Pollack

Mit der Eröffnung des Bayerischen Nationalmuseums im Jahr 1900 führte das Haus ein ungeschriebenes Gesetz des 19. Jahrhunderts zur Innen- und Objektbeleuchtung im neuen Jahrhundert fort: Präsentiert wird ausschließlich bei Tageslicht, damit Besuchende die Kunstwerke im gleichen Licht wahrnehmen können wie die ausführenden Künstler in ihren Ateliers. Die Architektur des kompletten Museumsbaus wurde hierauf ausgerichtet – die umbauten, lichtdurchfluteten Höfe und die Fassade mit ihren großen Fenstern zeugen bis heute davon. Tageslicht als ausschließliche Beleuchtung galt aber auch als das inszenatorische Element der Wahl, weil der Rundgang durch die Dauerausstellung großenteils ein Spaziergang durch eine Vielzahl einzelner Räume war, die idealtypisch inszenierte architektonische Situationen und Wohnsituationen aufgriffen. Auch die bereits kurz nach Eröffnung des Museums durch die internationale Presse gerühmte Krippenausstellung wurde weitgehend durch Oberlichter im Dach erhellt. Erst 1971 läutete die sukzessive Elektrifizierung der Schausammlungen eine neue Ära im Umgang mit Ausstellungslicht im Bayerischen Nationalmuseum ein. Ziel war hierbei möglichst geschlossene – nicht durchgehend einheitliche – Lichtstimmungen, also zumindest abschnitts- oder stockwerksweise Beleuchtungsumgebungen in der Dauerausstellung zu schaffen. Parallel wurden die überwiegend in Vitrinen ausgestellten Exponate durch Ausleuchtung des Vitrineninneren vergleichend, analytisch-steril erfahrbar.

Seit den 1970er Jahren hat sich die Beleuchtung im Nationalmuseum fundamental weiterentwickelt um zwei Anforderungen miteinander zu vereinen: Zum einen durch gute Beleuchtung die Exponate optimal zur Geltung zu bringen, in all ihren Aspekten wie Farbe und Form, Oberflächenbeschaffenheit oder Alterungsspuren. Darüber hinaus wird diese Beleuchtung so behutsam eingesetzt, dass im Sinne einer präventiven Konservierung keine weiteren, gravierenden Schäden an den Objekten entstehen. In den letzten Jahren sind punktuell durch professionelle Lichtgestalter zudem neue Narrative umgesetzt worden, um die Ausstellungsstücke theatralischer, wirkungsvoller, intensiver, emotionaler und damit für ein breites Publikum attraktiver zu vermitteln. Letztes Beispiel hierfür ist die in 2018 geplante und durchgeführte Überarbeitung der Beleuchtung einer aus vier Einzelszenen bestehenden Weihnachtskrippe, nämlich der des letzten bedeutenden Münchener Krippenkünstlers Sebastian Osterrieder (1864-1932).

Basierend auf der Zusammenarbeit der zuständigen Museumsabteilungen und dem Lichtgestalterteam von dedolight/Luxam bei den Sanierungen der Dauerausstellungen »Barock & Rokoko« (2015), »Riemenschneider« (2016) und »Barocker Luxus« (2018) wurden Wünsche und »Machbarkeit ohne Haushaltsmittel« zunächst in großer Runde diskutiert. Für die Lichtgestalter war es dabei wichtig, das Werk zu verstehen und einzuschätzen, was der Künstler, was die damalige Museumsdirektorin als »Intendantin«, was die »Regisseure«, also die Kuratoren aussagen wollten. Nur so konnten sie optimal unterstützen, fordernd interpretieren, provozierend inszenieren. Die Krippen-Dioramen erinnern an Modellbauten einer Theaterbühne; sie haben den großen Vorteil, dass sich nichts verändert: keine Schauspieler, die ihre Positionen nicht wiederfinden, kein Schnürboden, der Bühnenelemente erscheinen oder verschwinden lässt.

Abb.: Die Beleuchtung der Osterrieder Krippe, bestehend aus vier Einzelszenen, wurde 2018 geplant und innerhalb einer Überarbeitung umgesetzt. Am Ende der vier Szenen bleibt für einige Minuten eine »Totale« stehen, um detaillierte Betrachtungen zu ermöglichen. Raffael Pollack

Licht wird zum »Bewahrer«

Gemeinsam verständigten sich die Projektbeteiligten darauf, dass sich das Museum um den Umbau der Vitrine mit der Präsentation der Osterrieder-Krippe kümmert, während das Lichtgestalterteam von dedolight/Luxam die Licht-Technik und Gestaltung einbringt. Es sollte dies ein Experiment sein, durch gezielte Lichtsetzung das, was das Museum zeigen und betonen möchte, präzise zu inszenieren, aber dabei die Möglichkeit offen zu lassen, Lichtstimmungen zu wechseln und auf externe Trigger zu reagieren. Ein wichtiger Punkt waren dabei die international vom Museumspublikum verstärkt nachgefragte »Immersiveness« und »Interaktivität« zu berücksichtigen. Das »Licht« sollte beides auf unterschiedliche Weise unterstützen: Präzisionslicht soll die konservatorisch zugelassene Lichtmenge auf ein Objekt streuen und zwar beispielsweise selbst dann, wenn ein extrem lichtempfindliches Objekt mit organischem Material neben einem unempfindlicheren Metallobjekt positioniert wird. Das verwendete hybride LED-Lichtleitersystem vermeidet die schädlichsten unsichtbaren Lichtanteile UV und IR gänzlich; das eingebrachte Spektrum entspricht der Empfehlung des Getty Institutes und gehört farblich zu den hochwertigsten und stabilsten LED-Spektren. Optische Vorsätze machten aus den Lichtleitern »Mini-Theaterscheinwerfer«: hoch fokussierbare Plankonvex-Zoom-Spots mit Toren und Snoots oder Profilscheinwerfer mit Blendenschiebern. Die Lichtgestalter konnten sich auf das Kreative konzentrieren, da dieser Licht-Werkzeugkasten alle künstlerischen Ideen technisch möglich macht. Für die Konservatoren erbrachte der Werkzeugkasten ein präzises Licht, besten Schutz der Objekte und deren optimale Sichtbarmachung: Licht wurde somit auch zum Bewahrer.

Licht wird zum »Geschichtenerzähler«

Für die Osterrieder-Krippe wurde als Konzept beschlossen, animiertes Licht zu einer abwechselnd sequenziellen Einzel- und einer Gesamt-Darstellung der im bestehenden Diorama steckenden vier Szenen »Christi Geburt«, »Verkündigung an die Hirten«, »Anbetung der Hirten« und »Anbetung der Könige« einzusetzen. Bei diesem Diorama bietet sich den Machern wie den Betrachtern die Chance, dass nicht nur ein einzelnes Geschehen dargestellt wird. Vielmehr zeigt das Krippenbild räumlich nebeneinander eine Abfolge mehrerer Handlungen, die in Anlehnung an die biblische Überlieferung der Weihnachtsgeschichte nach Lukas und Matthäus zeitlich nacheinander ablaufen. Dabei kann ein statisches Präzisionslicht einen Moment des Ablaufs verdeutlichen und Lichtwechsel Szenenabläufe wie bei einer Theateraufführung oder in einem Film erleben lassen. Hierzu wurde ein gemeinsamer zeitlicher Ablauf definiert, der gewährleistet, dass wie in einer Theateraufführung die unterschiedlichen Stimmungen und Szenen abgespielt werden. Zuletzt bleibt für einige Minuten eine »Totale« stehen, um detaillierte Betrachtungen zu ermöglichen. Licht wird zum Geschichtenerzähler. Die Steuerung dieser Installation würde es zulassen, dass man über die Jahre unterschiedliche Varianten durchspielt: extern Triggern durch Taster, Bewegungsmelder, Musikspuren oder Audioguides. So kann die Krippe zum variablen »Testlabor«, genauer »Krippenlichtlabor«, werden und ein Diskurs über diese Präsentationsform entstehen.

Ausgehend vom angloamerikanischen Museumswesen hat sich das Objektgeschichten-Erzählen durch inszenierende Beleuchtung weithin etabliert. Interaktivität kann bereits durch das optimale Beleuchten jedes einzelnen Objektes entstehen – im Gegensatz zu einem zugegebenermaßen kostengünstigeren Vitrinenausleuchten. Alleine durch die präzise Lichtführung wirkt in der Osterrieder-Krippe jede einzelne Figur plastisch und zieht so Betrachtende in den Bann. Weitere Krippen können folgen…

Abb.: Das verwendete hybride LED-Lichtleitersystem vermeidet schädliches UV- und IR-Licht. Das eingebrachte Spektrum gehört farblich zu den hochwertigsten und stabilsten LED-Spektren. Detailaufnahme des Verkündigungsengels während der Geburtsszene und in der Totalen. Raffael Pollack
Raffael Pollack

Weitere Informationen:

Bayerisches Nationalmuseum, www.bayerisches-nationalmuseum.de; Dedolight/Luxam, www.dedoweigertfilm.de

Autoren: Dr. Thomas Schindler, Konservator, Referent für Volkskunde, Deutsches Hafnerarchiv, Bayerisches Nationalmuseum und Raffael Pollak, Lichtdesigner, Dedolight/Luxam

Fotos: Raffael Pollak

Dieser Artikel ist erschienen in

Licht 8 | 2020

Erschienen am 26. Oktober 2020