Wissenschaft & Forschung
Licht 3 | 2021

»UV-C ist ein Präventionsfaktor«

Interview mit Experten der Hochschule München zu UV-C-Technik

Um alle Schutzmaßnahmen gegen Corona-Infektionen auszuschöpfen, bietet sich der Einsatz von UV-C-Geräten an. Schon seit den 1930er Jahren wird die Luftentkeimung mit UVC-Strahlung im gewerblichen Bereich eingesetzt, inzwischen gibt es auch Geräte für Endverbraucher. Doch wie sicher sind die Geräte? LICHT sprach dazu mit Experten der Hochschule München.

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Abb.: Die für die antiinfektive Wirkung erforderlichen Parameter von UV-C-basierten Luftreinigern lassen sich im BioMedLab der Hochschule München messen und gutachterlich bewerten. Foto: Johanna Weber Johanna Weber

Die UV-Desinfektion ist ein multidisziplinäres Thema, bei dem zum einen virologische Anforderungen und zum anderen die Strahlungstechnik eine Rolle spielen. Je nachdem, welcher Keim bekämpft werden soll, sind unterschiedliche Bestrahlungsstärken erforderlich. Bei der technischen Umsetzung kommen klassische Röhrenstrahler und LEDs zum Einsatz. Doch wie sicher und effizient sind technische Lösungen, die heute in Supermärkten, Pflegeheimen oder gar in den eigenen vier Wänden genutzt werden?

Antworten liefert Messtechnik, die jedoch im Bereich der UV-C-Strahlung kostspielig ist und Tücken haben kann. Hier kommen Prof. Dr. med. Christian Hanshans, Arzt, Ingenieur und Medizininformatiker, und Prof. Dr. med. Herbert Plischke, Arzt und Elektroingenieur, von der Fakultät für angewandte Naturwissenschaften und Mechatronik der Hochschule München ins Spiel: Sie prüfen die Leistung und Sicherheit von UV-C-Entkeimungsgeräten. Die Wissenschaftler forschen an der antiinfektiven Wirksamkeit der Geräte in geschlossenen Räumen. Sie nutzen dafür Messungen, Simulationen und mathematische Modelle sowie virologische Methoden.

Hat ein Hersteller ein wirksames Technikkonzept entwickelt, muss die Strahlung zur Sicherheit der Menschen dicht in ein Gehäuse eingeschlossen werden. Nur so können die Vorschriften bezüglich Produktsicherheit und Arbeitsschutz erfüllt werden. »Insbesondere bei der derzeitigen Pandemie sollten Erfindungsreichtum und interdisziplinäre Ansätze ein wichtiger Bestandteil der Problemlösung sein«, sagt Prof. Hanshans. »Wir helfen Studierenden und Firmen dabei, Ideen erfolgreich umzusetzen.«

Studierende, Startups und Unternehmen können von dieser Unterstützung profitieren und ihre Geräte prüfen lassen. Der Expertenkreis der Hochschule zur Luftentkeimung hat die dafür notwendige hochpräzise und automatisierte Messtechnik, medizinische und infektiologische Kompetenzen, sowie Experten aus Klima- und Elektrotechnik, Mikrobiologie und Maschinenbau.

Prof. Plischke erklärt: »An erster Stelle bei der Technikentwicklung stehen für mich die Sicherheit der Menschen und dann gleich danach die Wirksamkeit der technischen Lösung. Beides ist nicht immer optimal kombinierbar und muss bei jedem Medizingerät im richtigen Verhältnis umgesetzt werden.« Im Interview erläutern er und Prof. Hanshans, wie sie Hersteller konkret unterstützen können und gehen näher auf die UV-C-Technologie ein.

LICHT: Herr Prof. Hanshans, UV-C-Desinfektion ist keine Neuerfindung, trotzdem herrscht noch immer viel Unklarheit bei dem Thema. Warum macht es Sinn, UV-C-Strahlung im Kampf gegen Viren zu nutzen?

Prof. Dr. med. Christian Hanshans: Mit der Corona-Pandemie kam viel Bewegung in das Thema UV-Sterilisation, obwohl sie schon seit Jahrhunderten bekannt ist. Grund dafür, dass UV-C wieder stärker im Fokus der Öffentlichkeit steht, sind Aerosole, durch die das Coronavirus SARS-CoV-2 übertragen wird.

Diese Aerosole sind unterschiedlich groß. Das Hauptproblem sind nicht die großen Aerosole, die relativ schnell zu Boden sinken. Problematisch sind kleine Aerosole, die beispielsweise durch Sprechen entstehen und lange in der Luft verweilen. Das ist besonders dort gefährlich, wo Menschen sich über einen längeren Zeitraum in geschlossenen Räumen aufhalten. UV-C-Strahlung kann diese kleinen Aerosole ungefährlich machen.

LICHT: Wie genau wirkt die UV-C-Desinfektion?

Hanshans: Bei der Desinfektion der Luft kommt es grundsätzlich darauf an, wovon man die Luft befreien möchte. Im Kampf gegen Viren, Bakterien oder Pilzen gelten jeweils andere Regeln, bei Viren muss man außerdem zwischen DNA- und RNA-Viren unterscheiden, denn je nach Erbmaterial und Hüllstruktur haben Viren unterschiedliche Empfindlichkeiten.

»Viren können ihr Erbgut unter UV-C-Einwirkung nicht mehr vervielfältigen.« Prof. Christian Hanshans

Abb.: Prof. Dr. med. Christian Hanshans ist Professor für medizinische Grundlagen und Medizintechnik an der Hochschule München. Foto: Hochschule München Hochschule München

Die hochenergetische UV-C-Strahlung wirkt auf das Erbgut von Viren und Bakterien ein und schädigt sie. Je nach Erreger liegt das Erbgut als DNA- oder RNA in Einzel- oder Doppelsträngen vor, die wiederum aus Abfolgen vier unterschiedlicher Basen entstehen. Die Abfolge der Basen bildet, ähnlich dem Morsecode, die genetische Information, die den Bauplan der Erreger enthält. UV-C Strahlung führt über mehrere Mechanismen zur Schädigung des Erbguts. Eine davon ist die Bildung sogenannter Dimere. Hierbei kommt es zu einer festen Bindung zwischen zwei Basen, also zu einer Art Kurzschluss, der dazu führt, dass das Erbgut der Erreger unbrauchbar wird. Besonders einsträngige RNA-Viren, wie das Coronavirus SARS-CoV-2, sind empfindlich gegenüber UV-C-Strahlung. Viren fehlen Reparaturmechanismen, die Fehler im Erbgut erkennen und reparieren, deshalb können sie das Erbgut durch die UV-C-Einwirkung nicht mehr vervielfältigen.

Abb.: Wirkung der UV-C-Strahlung auf eine DNA-Basenpaarung (Quelle: Raeiszadeh and Adeli 2020) Kowalski, Wladyslaw; Walsh, Thomas; Petraitis, Vidmantas (2020): 2020 COVID-19 Coronavirus Ultraviolet Susceptibility.

LICHT: In welchem Bereich des UV-C-Spektrums bewegen wir uns dabei?

Prof. Dr. med. Herbert Plischke: Für die Desinfektion eignen sich am besten reine UV-C-Strahler mit einem Spektrum von 250 bis 280 Nanometer. Sie wirken effizient dimerisierend und haben nur wenig Nebenwirkungen für Menschen. UV-B-Strahlung hingegen hat mehr Nebenwirkungen, da sie in tiefere Hautschichten eindringt als UV-C. Und UV-A wirkt sich sogar auf das Immunsystem aus. UV-A wird beispielsweise im medizinischen Bereich bei Schuppenflechte eingesetzt, da die Strahlung weit in die Haut eindringt. Damit ist allerdings auch das Mutationsrisiko groß.

Für den Menschen relativ ungefährlich ist die Excimer-Technik, also UV-C-Strahlung mit 222 Nanometern. Der Vorteil dabei ist, dass die Strahlung gar nicht erst durch die abgestorbenen Zellen auf den oberen Hautschichten dringt und dennoch tödlich auf Viren wirkt. Bei dieser Strahlung ist höchstens ein Augenschutz nötig.

LICHT: Wenn UV-C am effizientesten ist, bringt es also nichts, eine Atemschutzmaske lange Zeit in die Sonne zu legen, um sie zu desinfizieren?

Plischke: Es gibt Publikationen, in denen von der UV-C-Effektivität bei der Sterilisation zurückgerechnet wurde auf aktinisches UV-A und UV-B. Wenn im Sommer UV-B-Strahlen auf ihrem Weg zur Erde weniger abgelenkt werden als im Winter und die Sonne länger scheint, lässt sich durch die längere Bestrahlung auch mit UV-A und UV-B eine Desinfektionswirkung erreichen. Unter der Mittagssonne dauert es etwa 30 Minuten, bis die Viren zu 90 % zerstört werden. Das ist womöglich auch der Grund dafür, dass wir im Sommer weniger Probleme mit Grippe- und anderen Viren haben, weil es mehr terrestrische UV-A- und UV-B-Einstrahlung gibt. Das funktioniert natürlich nicht in Innenräumen. Hier brauchen wir UV-C-Technik oder Luftfilter.

LICHT: Um noch einmal auf die Excimer-Technik zurückzukommen – was ist der Vorteil und wo stehen wir technologisch?

Plischke: Der Vorteil ist, dass die Strahlen so kurzwellig sind, dass sie nicht auf die Basalschicht der Haut treffen, wo sich die Zellen teilen. Manche Studien schätzen diese Strahlung als völlig ungefährlich ein, ich bin der Meinung, es ist nicht ganz ungefährlich, vor allem nicht für die Augen. Technologisch gesehen sind Excimer heute noch nicht so effizient wie Niederdruckstrahler.

Abb.: Übersicht verfügbarer UV-C-Technik und relative Intensitätsmaxima (Quelle: Raeiszadeh and Adeli 2020) Kowalski, Wladyslaw; Walsh, Thomas; Petraitis, Vidmantas (2020): 2020 COVID-19 Coronavirus Ultraviolet Susceptibility.

LICHT: Wie lange und intensiv muss denn UV-C wirken, um Keime wirksam zu bekämpfen?

Hanshans: Hier kommt es ganz darauf an, was die Bestrahlung bewirken soll. Soll damit eine Sterilisation, Desinfektion oder Reinigung erreicht werden? Denn davon hängt ab, wie groß der Anteil der Mikroorganismen ist, der ausgeschaltet werden soll. Für eine Desinfektion müsste die Zahl der Mikroorganismen zum Beispiel um 99,999 % reduziert werden, für eine Reinigung wären lediglich zwischen 90 % und 99,9% notwendig. Diese Reduzierung wird mit D90-Dosiseinheiten beschrieben, die keimspezifisch sind. Es hängt dabei alles ab von der Energie pro Fläche (mJ/m2).

LICHT: Welche Dosis ist speziell gegen Coronaviren wirksam?

Hanshans: In der Literatur gibt es unterschiedliche Aussagen dazu, welche Dosen gegen das Coronavirus benötigt werden. Das gilt übrigens auch für andere Keime. Für ein Bakterium sind zum Beispiel höhere Dosen notwendig als für Viren, denn Bakterien sind Lebewesen, die sich besser schützen. Es gibt also keine allgemeingültige Aussage.

Plischke: Das ist auch der Grund, weshalb die Angaben in Broschüren zu UV-C-Geräten oft schwierig zu bewerten sind. Wenn dort die Rede davon ist, dass 99,9 % der Keime abgetötet werden, kommt es streng genommen darauf an, von welchem Keim genau die Rede ist.

LICHT: Wie müsste eine wissenschaftlich korrekte Angabe in solchen Broschüren aussehen?

Plischke: Wenn man es wissenschaftlich korrekt machen möchte, müsste man genaue Angaben dazu machen, welcher Keim bekämpft werden soll, und wie hoch die D99- oder die noch höhere D99,9-Dosis ist.

LICHT: Was genau gibt die Dosis an?

Plischke: Grundsätzlich muss man wissen, dass Dosis eine Einheit ist, die sich aus der applizierten Leistung, also der Wattzahl, und der Zeit ergibt, in der die UV-C-Strahlung wirken muss. Es spielen also viele Faktoren eine Rolle. Bei der Luftfilterung ist das Volumen entscheidend, das sterilisiert wird, bei der Lichttechnik zählt dagegen, welche Fläche bestrahlt wird. Es kommt also auch darauf an, ob Luft, Oberflächen oder Flüssigkeiten desinfiziert werden sollen. Mit allen drei Anwendungen hat die Industrie bereits Erfahrungen gesammelt. Trotzdem ist es immer noch sehr diffizil, pauschale Angaben zu machen.

Microbe

D90 Dose mJ/cm²

Source

Coronavirus

0,66

Walker 2007a

Berne virus (Coronaviridae)

0,72

Weiss 1986

SARS-CoV-2 (Itali-INMl1)

1,23

Bianco 2020

Murine Coronavirus (MHV)

1,5

Hirano 1978

SARS Coronavirus (Frankfurt 1)

1,64

Eickmann 2020

Canine Coronavirus (CCV)

2,85

Saknimit 1988b

Murine Coronavirus (MHV)

2,85

Saknimit 1988b

Canine Coronavirus (CoV-P9)

4

Duan 2003c

SARS-CoV-2 (SARS-CoV-2/Hu/DP/Kng/19-027)

4,17

Inagaki 2020

Murine Coronavirus (MHV)

10,3

Liu 2003

SARS Coronavirus (Hanoi)

13,39

Kariwa 2004d

SARS Coronavirus (Urbani)

241

Darnell 2004

Average

23,7

Average excluding outliers

4,7

Average for SARS-CoV-2

2,7

LICHT: Es gibt auf dem Markt bereits viele UV-C-Produkte und es werden ständig mehr. Welche Technik steckt in diesen Geräten?

Plischke: Bei den meisten UV-C-Geräten, die heute erhältlich sind, werden Niederdrucklampen verwendet, weil sie eine hohe Effizienz haben. Die Strahlungsausbeute liegt bei 30 bis 40 Prozent, während Excimer bei rund acht und LEDs derzeit bei etwa zwei Prozent liegen. LEDs kommen eher bei der Entkeimung von kleinen Oberflächen zum Einsatz. Allerdings ist hier oft das Problem, dass diese Geräte frei strahlen und deshalb in Deutschland noch nicht zugelassen sind.

LICHT: Im Einzelhandel gibt es Versuche mit UV-C-Geräten, die über den Köpfen der Kunden angebracht sind. Wie sicher und wirksam sind solche Geräte?

Plischke: Auch in diesen Geräten kommt die Niederdrucktechnik zum Einsatz. Bei der Luftsterilisation sind die Keime in der Luft nur kurze Zeit mit UV-C in Kontakt, deshalb wären LEDs nicht wirksam genug. Kleine Aerosole steigen in der Regel nach oben, deshalb erzielt die sogenannte Upper-Air-Desinfektion, also die Sterilisation der oberen Luftfläche, gute Ergebnisse. Wichtig ist dabei, dass die Augen der Menschen geschützt sind. Deshalb muss bei dem Bau solcher Anlagen immer explizit nachgemessen werden, wie viel Strahlung beispielsweise von den Oberflächen in der Umgebung reflektieren wird. Es gibt hier Maximaldosen, die nicht überschritten werden dürfen.

LICHT: Ist das der Punkt, an dem Sie mit Ihrem Expertenkreis für Luftentkeimung ins Spiel kommen?

Plischke: An der Hochschule München gibt es eine Gemeinschaft verschiedener Labore. Dazu gehören unter anderem ein Lichtlabor, ein Sehlabor und ein biomedizinisches Forschungs- und Ausbildungslabor, das Biomed-Labor. Wir bieten an, vor Ort zu messen, ob die Leistung eines UV-C-Geräts ausreichend ist, um die Luft wirksam zu entkeimen. Außerdem prüfen wir, wie sicher die Geräte sind, also wie viel UV-C-Strahlung nach außen dringt. Dabei ist es wichtig, exakt zu messen. Die Schwierigkeit ist zum Beispiel, dass Messgeräte verschiedene Filter besitzen, die für verschiedene Anwendungsbereiche geeignet sind. Hier kommt es auch auf korrekte Einstellungen an und dafür ist die Zusammenarbeit mit den Herstellern sehr wichtig.

Abb.: Im BioMedLab der HM messen hochpräzise und vollautomatisierte Systeme die Charakteristik und effektive Strahlenenergie von UV-C-Lampen. Weitere Methoden ermöglichen die Messung der Luftqualität (Ozonbildung und Ionisierung der Luft) und des effektiven Schutzes vor Infektionen in belebten Räumen. Foto: Johanna Weber Johanna Weber
Abb.: In den Laboren der Hochschule München prüfen unter anderem Roboter neue UV-C-Geräte auf Sicherheit. Foto: Johanna Weber Hochschule München

LICHT: Welche Herausforderungen gilt es bei UV-C zu bewältigen?

Plischke: Es ist wichtig, dass UV-C-Geräte dicht sind und Normen entsprechen. Gemeinsam mit den Lichtherstellern leisten wir dazu einen Beitrag. In Zukunft wird es vielleicht Strahlungsplaner geben, so wie es heute Lichtplaner gibt. Relux hat beispielsweise schon ein Modul entwickelt, mit dem man Strahlungen planen kann. Allerdings fehlt heute noch tiefgründiges Wissen über die Reflexionsgrade im UV-C-Bereich.

»In Zukunft wird es vielleicht Strahlungsplaner geben, so wie es heute Lichtplaner gibt.« Prof. Herbert Plischke

Abb.: Prof. Dr. med. Herbert Plischke ist Professor mit dem Fachgebiet »Licht und Gesundheit« an der Fakultät für Angewandte Naturwissenschaften und Mechatronik der Hochschule München. Foto: Hochschule München Hochschule München

LICHT: Welchen Vorteil hat eine solche Strahlungsplanung?

Plischke: Bei der Upper-Air-Desinfektion wäre eine Visualisierung der Strahlung im Raum sehr wichtig, um potenzielle Gefährdungen einzuschätzen. In naher Zukunft wird es dafür wohl keine Lösung geben, aber der Weg geht dort hin.

LICHT: Wie kostspielig und aufwendig sind UV-C-Messungen heute?

Plischke: Wir verwenden in unseren Laboren nicht nur Messtechnik, sondern auch künstliche Intelligenz und Roboter. Ein kompletter Messaufbau ist gewiss nicht günstig, weil wir zum Beispiel spektral auflösende Messtechnik nutzen, die einmal im Jahr kalibriert werden muss. Außerdem sind passende Filter notwendig, die jeweils eine neue Kalibrierung erfordern. Wir sprechen hier also nicht nur von hohen Anschaffungs-, sondern auch von verschiedenen laufenden Kosten.

Hanshans: Der Vorteil ist allerdings, dass wir einen Messaufbau an nur einem Nachmittag realisieren können. Wir haben dafür das nötige Material und Know-how, das vor allem dann wichtig ist, wenn vielleicht auch weitere Parameter wie zum Beispiel Ozon gemessen werden soll, das durch den Einsatz von UV-C-Strahlung frei werden kann. Denn dann werden es plötzlich mehr Messungen, die alle synchronisiert werden müssen. All das leisten wir für die Hersteller. Wir sind sogar in der Lage, eigene Messtechnik zu bauen, um noch präziser zu messen.

LICHT: Sie sprachen von künstlicher Intelligenz. Was leistet KI bei Ihren Messungen?

Hanshans: Ein kamera-gestütztes Robotik-System entscheidet selbstständig, wie eine Messung ablaufen muss und passt sie an das zu testende Gerät an. Klassische Messtechnik basiert auf vielen manuellen Messungen und Fleißarbeit, um so viele Messpunkte wie möglich zu schaffen. Wir können diesen Prozess effizienter gestalten und automatisieren. So können die Hersteller mehr Messpunkte nutzen und in kurzer Zeit noch genauere Ergebnisse erhalten. Unser Wunsch ist es, in Zukunft ein UV-C-Gerät ins Labor zu stellen und einen Roboter mittels KI automatisierte Messungen durchführen zu lassen.

LICHT: Was bringt es den Herstellern, ihre Geräte bei Ihnen prüfen zu lassen?

Plischke: Der typische Fall ist, dass wir Hersteller beraten und ihre Messung überprüfen und bestätigen. Oder wir geben Hinweise, wo ein Hersteller sein Gerät noch verbessern kann, um am Ende die Risikoklasse RG0 zu erreichen. Das bedeutet, es ist kein zusätzlicher Schutz für Anwender notwendig, die das Gerät benutzen.

LICHT: Einige Hersteller haben kürzlich im Alleingang eine Richtlinie für UV-C-Geräte entwickelt. Warum war das notwendig?

Plischke: Die UV-C-Technik ist schon lange im Einsatz und es gibt zahlreiche Publikationen und einzelne Normen, aber keine Normen für Verbrauchergeräte. Deshalb haben sich einige Hersteller zusammengeschlossen und eine Norm entworfen. Der ZVEI hat außerdem einen Leitfaden veröffentlicht, der zeigt: Man kann die Technologie sinnvoll einsetzen, aber die Hersteller müssen die Geräte effizient und sicher bauen. Es ist ähnlich wie bei Blu-ray-Playern: Die Geräte werden verkauft, obwohl darin ein gefährlicher Laser verbaut ist. Das ist nur möglich, weil der Laser eingehaust und geschützt ist. Genauso lassen sich auch UV-C-Geräte sinnvoll gestalten, wir brauchen allerdings ein einheitliches Regelwerk dafür.

LICHT: Wie beurteilen Sie das Potenzial von UV-C-Technik?

Plischke: Ich sehe viele Vorteile, vor allem im Vergleich zur Filtertechnik, für die hohe Volumenströme und große Ventilatoren nötig sind. Außerdem muss der Filter selbst desinfiziert und getauscht werden. Beide Technologien sind allerdings sinnvoll, vor allem dort, wo Menschen zusammenkommen und man ein Risiko nicht durch Abstand, Hygiene und Lüften ausschließen kann. Gerade in Heimen und in Krankenhäusern ist der Bedarf meiner Meinung nach groß, damit die Menschen dort ihre Angehörigen wiedersehen können, insbesondere am Lebensende.

LICHT: Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Hanshans: Wir kämpfen seit 30 Jahren gegen Influenza und andere Viren, die große volkswirtschaftliche Schäden verursachen und sich nicht so einfach besiegen lassen wie Bakterien. Viele Bereiche und Einrichtungen erkennen jetzt, dass Desinfektionstechnik sinnvoll ist und auch nach Corona noch einen Benefit bringt. Allerdings wird mit Impferfolgen die Bereitschaft in Technik zu investieren wieder deutlich sinken. Das Problem ist mit der 3. Welle aber vermutlich nicht vorbei, es können weitere Wellen mit mutierten Viren kommen, gegen die modifizierte Impfstoffe entwickelt werden müssen. Deshalb sollte man die Phase jetzt nutzen, um die UV-C-Technik flächendeckend zu verbreiten, um auch in Zukunft davon zu profitieren.

»Es ist wichtig, die Technologie jetzt zu standardisieren und auch zu akzeptieren, dass UV-C- sicher ist.« Prof. Herbert Plischke

Plischke: UV-C ist ein Präventionsfaktor, auch für Grippe und andere Erkrankungen, die beispielsweise in Altenheimen immer wieder zu Problemen führen. Es ist wichtig, die Technologie jetzt zu standardisieren und auch zu akzeptieren, dass UV-C- sicher ist. Ich rate den Regierungen, ihre Scheuklappen abzulegen und sich wissenschaftlich über Vor- und Nachteile und den richtigen Einsatz beraten zu lassen. Jeder muss tun, was er kann, damit wir aus dieser Situation möglichst schnell wieder rauskommen.

LICHT: Vielen Dank Ihnen beiden für das aufschlussreiche Gespräch!

Weitere Informationen:

Hochschule München, www.hm.edu

Transkription des Interviews: Sabrina Quente, Redakteurin LICHT

ZVEI-Positionspapier: https://url.rpv.media/2xq

Hersteller-Richtlinie: https://li.rpv.media/2xw

Quellenangaben zu den Abbildungen:

Mißfeldt, Martin: Ultraviolette Strahlung (UV-Strahlung). Optikkunde. Available online at https://www.optikunde.de/licht/uv-strahlung.php, checked on 3/20/2021.

Raeiszadeh, Milad; Adeli, Babak (2020): A Critical Review on Ultraviolet Disinfection Systems against COVID-19 Outbreak: Applicability, Validation, and Safety Considerations. In ACS Photonics, acsphotonics.0c01245. DOI: 10.1021/acsphotonics.0c01245.

Quellenangabe zur Tabelle:

Kowalski, Wladyslaw; Walsh, Thomas; Petraitis, Vidmantas (2020): 2020 COVID-19 Coronavirus Ultraviolet Susceptibility.

Dieser Artikel ist erschienen in

Licht 3 | 2021

Erschienen am 23. April 2021