Planung
Licht 4 | 2019

Umweltverantwortung – Kulturelles Erbe – Vernunft

Im Gespräch mit Norbert Wasserfurth, Studio DL

Wer sich mit Norbert Wasserfurth unterhält, begegnet einem Menschen mit viel Leidenschaft für seine Profession und großem Engagement für den lichtplanerischen Nachwuchs. Dabei hat er immer auch die Zukunftsthemen im Blick, die er mit neuen Ideen angeht. Das Lichtplanungsbüro Studio DL, das er vor 20 Jahren gründete, hat sich heute als erfolgreiches Büro mit vier Standorten im In- und Ausland etabliert. Zahlreiche Projekte im Innen- und Außenraum wurden realisiert, Lichtmasterpläne entwickelt, Forschungsarbeiten und Publikationen erstellt. Wir treffen Norbert Wasserfurth in München und sprechen mit ihm über die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Lesezeit: ca. 12 Minuten

LICHT: Herr Wasserfurth, Ihr Büro feierte letztes Jahr 20-jähriges Jubiläum. Was waren rückblickend Ihre schönsten Momente?

Norbert Wasserfurth: In erster Linie waren das die Gesichter der Menschen, die sich nach Fertigstellung eines Projektes die gemeinsam geschaffenen Nachtbilder begeistert anschauten und die Stadträume neu erlebten. Der Begriff gemeinsam ist hier auf sehr vielen Ebenen zu verstehen: das sind die beteiligten Bürger, die Auftraggeber und die interne Projektgruppe. Wir lieben die Auseinandersetzung und verwenden unterschiedliche Methoden um die kreativen Prozesse zu lenken und zu professionalisieren. Die schönsten Momente entstehen dann, wenn eine Idee, eine Story, die wir erzählen wollen, klar ablesbar vor uns steht. Anmutend wie die leuchtenden »Gräser« »Poa Lumina« auf der Strandpromenade in Niendorf oder eine so selbstverständliche Lichterscheinung wie der Mariendom in Hildesheim. Einen besonderen Stolz empfinden wir, wenn wir ein Teil des Kulturerbes sein dürfen, wie in den Amsterdamer Grachten oder in der Krakauer Altstadt. In einem der größten Stadtumbauprojekte im niederländischen Emmen mussten wir einen Spagat zwischen der Geschichte und der Moderne meistern und die Wünsche der Bürger, Städteplaner und Architekten sowie den Stand der Technik berücksichtigen. Wenn dann so ein Projekt in einer öffentlichen, weltweiten Abstimmung mit über 1 Mio. Klicks den Publikumspreis gewinnt und die Verleihung in Seoul stattfindet, kann man von einem wirklich schönen Moment sprechen. Es war kein Zufall, dass mein Buch »The Light Code« zum 20-jährigen Jubiläum meines Büros erschienen ist. In diesem Buch fasse ich meine Erfahrungen als Ingenieur, Lighting Designer, Leuchtenentwickler, Wissenschaftler, Stadtlichtplaner zusammen. Die damit verbundene Feier war für unser Team, unsere Freunde und Familien ein absoluter Höhepunkt der bisherigen Bürogeschichte.

LICHT: Wie sind Sie zum Licht gekommen?

NW: Als kleiner Junge habe ich meiner Mutter versprochen, dass ich Ingenieur werde! Daran habe ich mich gehalten und begann an der TU in Gleiwitz Automatisierung und Messtechnik zu studieren. Mit meinem Vater habe ich ein kleines Fotolabor betrieben. Fotos sind licht-gemalte Bilder, das erlebt man in einer ganz besonderen Weise in einem Fotolabor. Das Belichten des Fotopapiers und der langsame Vorgang der Entstehung des Bildes faszinierte mich damals so wie heute. Beim Betreten des ersten Lichtlabors an der TU in Warschau wusste ich sofort Bescheid: das ist meine Zukunft! Ich bin zweisprachig aufgewachsen und somit habe ich schnell den Zugang zu der LiTG und einigen namenhaften Unternehmen gefunden. Vielleicht ist es kein Zufall gewesen, dass ich vom damaligen Geschäftsführer von ERCO, Klaus J. Maack, den entscheidenden Hinweis für meine Karriere als junger Lichtingenieur erhalten habe, und kurz nach meinem Studium als Lichtplaner in Berlin, München, Stuttgart, Düsseldorf und Hamburg tätig sein durfte.

LICHT: Was sind die Kernthemen bei Studio DL?

NW:Unsere absolute Kernkompetenz ist der Lighting Design Prozess. Mit den immer größer gewordenen Projekten haben wir unser Team aus Lighting Designern, Architekten, Landschaftsarchitekten, Produktdesignern, Lichtingenieuren Programmierern und Wissenschaftlern geformt und aufeinander abgestimmt. Wir haben beobachtet, wie sich plötzlich die Schwerpunkte unserer Arbeit verschoben haben und dass es heute am Ende nicht darum geht, Leuchten zu planen und Normen zu erfüllen, sondern die Orte zu definieren und Atmosphären zu schaffen. Im klassischen Sinne sind unsere Kernthemen die Stadtlichtplanung, Innenraumbeleuchtung und Produktdesign. Die Frage ist jedoch eine andere: kann man heute noch in diesen Kategorien denken? Wo beginnt und endet zum Beispiel das Thema der Lichtverschmutzung und was ist noch erlaubt? Wir sind nur ein Teil von etwas Größerem und das interdisziplinäre Denken wird in Zukunft immer bedeutender.

LICHT: Sie haben zahlreiche Lichtmasterpläne in Deutschland, Polen und den Niederlanden entworfen. Wie offen zeigen sich Kommunen, wenn es um Lichtmasterpläne geht?

NW: In der Tat, vielleicht haben wir sogar die meisten Lichtmasterpläne in Europa erstellt. Wir müssen das magische Wort »Masterplan« entzaubern. Sie fragen, wie offen sich die Kommunen zeigen, wir stellen uns eine grundsätzlichere Frage: Wie sieht es mit unserer gemeinsamen Zukunft aus? Ein 16-jähriges Mädchen aus Schweden, Greta Thunberg, stellt uns doch die zentrale Frage: Was für eine Zukunft bereiten wir unseren Kindern vor? Politiker denken leider in 4-Jahres-Rhythmen und sind oft von Angst getrieben. Wir sind in vier Ländern Europas tätig und sehen die länderspezifischen Unterschiede. Am Ende jedoch sind es tatsächlich die Persönlichkeiten und Überzeugungen der Menschen, mit denen wir arbeiten und die es uns ermöglichen unserer Zukunft etwas geordneter und weitsichtiger zu begegnen. Das ist auch die Aufgabe eines Masterplans. Und in diesem Sinne ist es vollkommen egal, ob es sich dabei um eine Metropole, einen Campus oder eine kleine Kommune handelt. Wir sind in der Welt zu Hause und davon haben wir nur die eine.

LICHT: Sie haben den digitalen Lichtmasterplan entwickelt, der erstmals in Den Haag eingesetzt wurde (wir berichteten in LICHT 2 I 2019). Welche Vorteile versprechen sich Kommunen und Planer dadurch?

NW:Die Gutenberg-Ära geht zu Ende. Es ist nicht mehr möglich die Zukunft in Gänze vorherzusagen, denn der (technologische) Wandel ist heutzutage schneller denn je. Daher möchten wir vermeiden, zukunftsweisende Werke wie Masterpläne, in geschlossenen Dokumenten festzuschreiben. Die international tätigen Architekten haben es erkannt und neue Werkzeuge der Gestaltung von Architektur entwickelt. Unsere Inspiration für einen Lichtmasterplan, der nicht altert, kam daher aus London und mit dem freien ungezwungenen Denken der Niederländer ist es uns gelungen, unseren ersten digitalen Lichtmasterplan zu erstellen. Die Vorteile sind offensichtlich: die Umsetzung eines Masterplans zieht sich normalerweise über Jahre hinweg. Der technologische Wandel bleibt währenddessen nicht stehen und eine interdisziplinäre Zusammenarbeit wird immer wichtiger. Ein digitaler Masterplan ist kein abgeschlossenes Buch, sondern eine sich ständig aktualisierte Datenbank, deren Parameter miteinander verknüpft sind. Ein modernes User-Interface macht die Daten jedem zugänglich und erleichtert den Zugriff auf die aktuell wichtigsten Informationen und Festlegungen. Die Digitalisierung der Lichttechnologie macht, wie Prof. Völker erkannt hat, die Entstehung eines intelligenten StadtLichtRaums möglich. Mit der TU Berlin, der HAWK Hildesheim und einigen Partnern aus der Wirtschaft arbeiten wir an der Verwirklichung der Idee. Inzwischen nutzen die Städte Utrecht, Köln und Leipzig ebenfalls die neue Technologie und bis Ende des Jahres werden noch einige folgen.

LICHT: Der DomRömer ist Ihr aktuell wichtigstes Projekt. Welche Herausforderungen gab es hier?

NW: Das Areal des DomRömers, erfasst gerade mal 7.000 m² und ist doch zu einem der wichtigsten Architekturprojekte Europas geworden. Im Zentrum einer der wichtigsten europäischen Metropolen wagte man den Aufbau der Frankfurter Altstadt nach dem historischen Grundriss. In einem sensiblen Milieu aus namenhaften Architekten, der Politik und dem handwerklich Machbaren entstand ein Lighting Design Projekt deren größte Stärke darin besteht, unsichtbar zu sein. Die Verschmelzung der Stadträume zwischen Alt und Neu, eine unauffällige Sichtbarmachung der rekonstruierten und modernen Fassaden war die Herausforderung. Von der Konzepterstellung, über die Kommunikation in politischen Gremien, bis zu dem handwerklichen Geschick, die Leuchten in sensibel gestalteten Fassaden zu integrieren – das war unser Job. Ja, Sie haben Recht, aus Sicht der öffentlichen Aufmerksamkeit und internationaler Bedeutung ist das eines unserer wichtigsten Projekte. Die internationale Anerkennung, die mit der Verleihung des MIPIM Awards angefangen hat, macht das Projekt für uns besonders. Ich lade alle Leser dieser Zeitschrift zu einem nächtlichen Spaziergang ein. Erwarten Sie bitte keine Sondereffekte der Lichtgestaltung, keine Show. Erfahren Sie den StadtLichtRaum, die Atmosphäre, werden Sie ein Teil vom Ganzen – das haben sich die Schöpfer des Areals gewünscht.

LICHT: Wie beurteilen Sie die aktuelle Diskussion um HCL zwischen der Industrie, Wissenschaft und Planung?

NW: Die Teilnehmer eines meiner Seminare an der HAWK haben eine Antwort auf Ihre Frage: »Stellen Sie sich vor, Ihr Büro wäre von nun an unter freiem Himmel. Weg vom statischen Bürolicht. Stellen Sie sich vor, welch positive Auswirkung das auf Ihre Gesundheit und Ihr Wohlbefinden haben wird!« Das Zukunftspotential in der Entwicklung von Lichtsystemen ist noch lange nicht ausgeschöpft. Die anfängliche Marketingblase, die mit den drei Buchstaben HCL verbunden ist, füllt sich langsam mit Inhalten. Unumstritten ist, dass Licht einer der wichtigsten Taktgeber für uns Menschen ist. Die Dynamik des Lichts ist so selbstverständlich wie der Zauber eines Wolkenzugs. Die statischen Lichtanlagen der Vergangenheit haben versucht, uns in eine unnatürliche Welt der künstlichen Beleuchtung zu zwingen. Die Natural Center Lighting, die wir an der HAWK mit Unterstützung der Industrie entwickeln werden, hat das Potenzial uns während des Tages positiv zu unterstützen. In der Praxis verwenden wir diese Technologie behutsam in unseren Projekten und haben laut Prof. Khanh (TU Darmstadt) an dem Sartorius Campus in Göttingen die beste HCL-Anlage weltweit entwickelt (LICHT berichtete). Und auch die Nutzer bestätigen uns das mit zwei Aussagen: »Ich merke davon gar nichts« und »Endlich wie unterm freien Himmel«.

LICHT: Ein weiterer wichtiger Bereich Ihrer Arbeit ist die Lehre. Was geben Sie jungen Studierenden und Planern mit?

NW: Es gibt drei zentrale Botschaften sowie eine Warnung, die ich den Erstsemestern bereist in der ersten Unterrichtsstunden vermittle: Die Warnung ist die, dass in unserem Beruf das Studium niemals endet. Jede Abgabe ist wie eine Prüfung und lernen müssen wir auch ständig. Wer das nicht mag oder von einem Ende des Studiums träumt, soll lieber das Studium der Gestaltung aufgeben. Die drei Botschaften sind: Umweltverantwortung, kulturelles Erbe, Vernunft! Wir tragen als Gestalter eine besondere Verantwortung für die Welt, die wir uns von unseren Kindern geliehen haben. Unsere Kinder sollen in einer intakten Umwelt leben können; in vollem Bewusstsein über unsere Wurzeln sowie schützenswerte Belange und sie sollen einen klaren Kopf behalten – Dies ist eine der möglichen Lesearten der drei Botschaften.

LICHT: Einen Begriff, den Sie geprägt haben, ist die »Lighting DNA«. Welche DNA hat das Licht?

NW: Klasse, dass die Frage jetzt kommt. Die drei Botschaften: Umweltverantwortung, kulturelles Erbe, Vernunft, haben im Kontext der Lichtplanung eine andere Leseart: Wir müssen die Intensität der Lichtemission auf das Minimum begrenzen. Das Lichtbild der Orte, die wir gestalten, sollte unsere Identität ausdrücken und stärken. Und zuletzt sollte das Gebaute, wie Vitruv (De architectura libri decem) uns empfohlen hat, eine Festigkeit aufweisen – eine weitere Eigenschaft der Nachhaltigkeit. Heute bedienen wir uns in diesem Bereich der Methode der Semiotik und sprechen vom Urban Code. Analytisch gesehen sind Städte Zeichensysteme, die man dekodieren und kodieren kann. Licht spielt hier in der immer wichtiger werdenden nächtlichen Darstellung die entscheidende Rolle. Der Code gleicht einem genetischen Code, weil er anpassbar ist und evaluiert werden muss. Städte sind lebendige Systeme, daher ist die Analogie zur organischen DNA sehr treffend. Die »Lighting DNA« beschreibt den kleinsten Baustein einer anpassbaren Anordnung von Regeln, die eine gewisse Bandbreite an örtliche, zeitliche und technologische Anpassung erlaubt. Deren Einhaltung garantiert ein gesundes Wachstum des »Light Code« der Stadt.

»Die Dynamik des Lichts ist so selbstverständlich wie der Zauber eines Wolkenzugs. Die statischen Lichtanlagen der Vergangenheit haben versucht, uns in eine unnatürliche Welt der künstlichen Beleuchtung zu zwingen.«

LICHT: Sie haben vom intelligenten Lichtraum gesprochen. Welches Potential sehen Sie in der »Digitalisierung der Beleuchtung«?

NW: Wir sprechen von einem digitalen Zeitalter. Das Licht der LED-Lichtquelle kann jedoch sowohl mit der Wellen- als auch der Korpuskulartheorie beschrieben werden. Die an die Lichtquelle angeschlossenen elektronischen Systeme sind digital. Das Licht kann und wird ein Teil der neuen IoT-Welt werden. Die Lichteigenschaften einer solchen Lichtquelle sind variabel in deren Spektrum, Lichtrichtung und Intensität anpassbar. Sie können auf Tageszeit, Wetter, Verkehrssituation u.v.m. reagieren. Wir sehen hier mit Prof. Völker (TU Berlin) sehr große Chancen zur Verbesserung der Lichtqualität und eine Differenzierung zum Wettbewerb. Dies ist ein weiterer Baustein der Initiative »Intelligenter Lichtraum«. Die Digitalisierung muss unser Umfeld lebenswerter, menschlicher werden lassen.

LICHT: Im Mai fand die Große Zukunftskonferenz LICHT in Hamburg statt, bei der Sie auch mitgewirkt haben. Was macht ein Lichtplaner in 10 oder 20 Jahren?

NW: Er lebt auf jeden Fall etwas entspannter! In Planung, Betrieb und Herstellung der Lichtsysteme unterstützen ihn viele kleine intelligente Helfer in Form von Algorithmen, die wir auch künstliche Intelligenz nennen. Einer meiner wichtigsten Thesen ist, dass die Digitalisierung die Individualisierung der Beleuchtung mit sich bringt. Das hat weitreichende Folgen in der Gestaltung der Stadtbeleuchtung und der Innenräume. Wir werden in der Lage sein, ortsangepasste Leuchten ohne Aufpreis herstellen zu können. Das G5-Netz und der Industriestandart 4.0 schaffen das bereits heute und das G6-Netz und Industrie 5.0 kommen erst noch. Der Lichtplaner wird sich also mit den drei von mir genannten Botschaften beschäftigen. Er arbeitet Hand in Hand mit den Architekten, Facility Managern, Nutzern und allen neuen Berufen, die noch dazukommen werden. »Total digital! Total menschlich?« ist auf dem Titelblatt einer Zeitschrift zu lesen. Ja, wir kommen mit der Digitalisierung der Idee von Vitruv, dass der Mensch der Maßstab aller Dinge ist, immer näher. Wir setzten uns in der Gestaltung der Räume, in denen wir leben gegen den globalen Trend der Vereinheitlichung durch. Das von Marshall McLuhan angekündigte globale Dorf wird kommen und ich hoffe sehr, dass es im Sinne der Gestaltung sowohl in der Provence als auch in Bayern und Schottland, also überall auf der Welt, authentisch und lebenswert bleibt.

LICHT: Herr Wasserfurth, vielen Dank für das Gespräch.

Licht-Lektüre

The Light Code, Norbert Werner Wasserfurth-Grzybowski

Englisch/Deutsch, 184 Seiten, VIA-Verlag

Lichtverschmutzung in Metropolen – Analyse, Auswirkungen und Lösungsansätze

Emlyn Etienne Goronczy, Springer Nature

Weitere Informationen:

Studio DL, Hildesheim, Stuttgart, Warschau, Amsterdam, www.studiodl.com

Zukunftskonferenz Licht, www.zukunftskonferenz-licht.de

Das Interview führte Emre Onur, LICHT

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Licht 4 | 2019

Erschienen am 24. Mai 2019