Design
Licht 7 | 2019

Über Philosophie, das Licht und das Leben

Ein Einblick in Andrea Anastasios Welt des Designs

Während der Euroluce im April in Mailand 2019 traf LICHT-Redakteurin Andrea Mende den Philosophen, Dozenten, Designer und Künstler Andrea Anastasio am Stand von Foscarini. Der Italiener sprach über seine zwei neuen Leuchtenentwürfe und seinen Weg zum Lichtdesign.

Lesezeit: ca. 3 Minuten

LICHT: Sie sind in Rom geboren, haben dort Kunstgeschichte und Orientwissenschaften studiert und Philosophie in Venedig mit dem Fokus auf östliche Lehren. Wie kamen Sie zum Design?

Andrea Anastasio: Das war purer Zufall. Während meiner Zeit in Venedig luden mich Freunde nach Mailand zu einer Feier ein, es war der 70. Geburtstag von Ettore Sottsass. Ich habe damals gemalt, mit Objekten und Skulpturen experimentiert. Bald darauf folgte eine eigene Ausstellung und es ergab sich der Kontakt mit Ernesto Gismondi, dem Gründer von Artemide. Der erste Entwurf »Giocasta« von 1989 wurde ein Riesenerfolg.

LICHT: Welche Rolle spielt Indien in diesem Zusammenhang für Sie?

Andrea Anastasio: Ich hatte einen völlig anderen Hintergrund und fühlte mich dieser Aufmerksamkeit übermäßig ausgesetzt, daher zog ich mich zurück und ging für ein Forschungssemester nach Indien, geplant war ein Sabbatical. Daraus sind 18 Jahre geworden.

LICHT: Nach Ihrer Rückkehr haben Sie zum Salone del Mobile.Milano 2017 Leuchte »Filo« vorgestellt, Ihre erste Zusammenarbeit mit Foscarini. Dieses Jahr zeigen Sie Leuchte »Madre« und »Gioia«. Wie hat Ihre Zeit in Indien das Design beeinflusst?

Andrea Anastasio: Die anthropologische Forschung ist immer präsent bei meiner Arbeit. Bei »Madre« bin ich der Frage nachgegangen: Was ist Licht? Licht ist Leben. Eine Vase ist die älteste Form der Zivilisation, man bewahrte Getreide oder Öl darin auf, sie ist Symbol für Leben. Ich wollte die Vase zur Leuchte transformieren.

Abb.: Die Scheiben aus Plexiglas und Marmor sind durch einen Metallring verbunden, die Elemente von »Gioia« sind dabei frei beweglich. Die transluzenten Farben variieren zwischen Hellblau, Pink und Grün. Foto: Foscarini Massimo Gardone
Abb.: Die obere Mulde von »Madre« dient als Vase, die kreisrunde Öffnung lässt ein inneres und äußeres Licht entstehen. Der Korpus besteht aus handgefertigtem Borosilikatglas. Die Leuchte ist dimmbar. Foto: Foscarini Massimo Gardone

LICHT: Wie verlief der Entwicklungsprozess für »Madre«?

Andrea Anastasio: Mit der Glasherstellung waren wir ein Jahr beschäftigt. Beim Entwurf der Vase merkte ich, das etwas fehlt. Ich hatte dann die Idee, ein Loch hineinzuschneiden, einen Kreis als Archetypus, der für vieles stehen kann – für den Mond oder den Kreislauf des Lebens.

LICHT: Was inspirierte Sie zur Leuchte »Gioia«?

Andrea Anastasio: Die häusliche Umgebung ist die Bühne, auf der das Leben stattfindet. Unter diesem Gesichtspunkt entwerfe ich. Ornamente sind sehr wichtig für den Menschen. Sie sind Ausdruck dafür, das Leben zu feiern. »Gioia« könnte eine Göttin des Zuhauses sein, freudvoll und kostbar, wie ein Juwel. Ein Schmuckstück, das man an die Wand hängt wie einen Ohrring ans Ohr.

LICHT: Sie kombinieren zwei unterschiedliche Materialien dafür, Marmor und Plexiglas.

Andrea Anastasio: Marmor ist ein erzählendes Material. Ich bin Italiener und aus Rom, es ist ein Teil meines Lebens. Marmor ist wie eine blanke Seite Papier. Und es kommt aus der Natur.

LICHT: Wie passt Kunststoff dazu?

Andrea Anastasio: Ich wollte die ganze Bandbreite an Materialen nutzen. Mit Plexiglas schließt sich der Kreis: »Gioia« stützt sich auf Werkstoffe, die von der Natur und durch Menschen gemacht werden.

LICHT: Ist »Gioia« eher Kunstobjekt oder Leuchte?

Andrea Anastasio: Ich sehe »Gioia« als Lichtinstallation, als Schmuck. Design und Kunst trenne ich nicht. Funktionalität ist nie von der Form gelöst.

LICHT: Herr Anastasio, vielen Dank für das Gespräch.

Abb.: »Ich könnte mein Leben lang Student sein«, verriet Andrea Anastasio im Interview. »Ich versuche zuzuhören, zu dekodieren, zu beobachten. Es ist die Wahrnehmung des täglichen Lebens.« Foto: Foscarini Foscarini

Weitere Informationen:

www.foscarini.com

www.andreaanastasio.com

www.salonemilano.it

Autorin: Das Interview führte Andrea Mende, freie Redakteurin, Leipzig

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