Planung
Licht 9 | 2021

Transparenz und Intimität

Historisches Archiv und Rheinisches Bildarchiv Köln

Am 3. September 2021 eröffnete der Neubau des Kölner Stadtarchivs nach rund vier Jahren Bauzeit und beherbergt seither das Historische Archiv und das Rheinische Bildarchiv unter einem Dach. Für die öffentlichen Bereiche im Innen- und Außenraum entwickelte das Büro Licht Kunst Licht ein ganzheitliches Beleuchtungskonzept, das sich zugleich stimmungsvoll und unaufgeregt in die ruhige, zeitlose Architektur integriert und sich mit wenigen Ausnahmen diskret in den Deckenhorizont einbettet.

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Abb.: Abends leuchtet das Gebäude kraft seiner eingeblendeten Innenraumflächen sanft aus sich heraus. Diesem Blick auf den nächtlichen Neubau galt es, den Vortritt zu lassen. Rheinisches Bildarchiv Köln/Michael Albers, Entwurf: Waechter + Waechter Architekten BDA

Nach dem Einsturz des Historischen Archivs in der Severinstraße im Jahr 2009 hatten Waechter + Waechter Architekten BDA den im Jahr 2011 von der Stadt Köln ausgelobten Wettbewerb für sich entscheiden können. Geradezu monolithisch erhebt sich das fensterlose Schatzhaus mit den darin geborgenen Archivalien aus dem niedrigeren Horizont des schützend umgebenden Mantelbaus mit seinen Werkstätten, Laboren und Arbeitsräumen. Zur Luxemburger Straße hin nimmt der Mantelbau öffentliche Bereiche auf: einen Ausstellungsraum, Seminar- und Vortragsräumlichkeiten sowie ein Lesesaal mit Handbibliothek.

Ruhiger Raumeindruck durch Lamellendecke

Die öffentlichen Bereiche des sogenannten Kopfbaus sind mit einer abgehängten Holzlamellendecke versehen. Diese nimmt diskret alle haustechnischen Funktionen auf und beruhigt so den Raumeindruck. Auch die Beleuchtung integriert sich hier mittels in Lamellenrichtung eingelassener Lichtelemente, die sich durch ihre Verortung visuell im Deckenhorizont auflösen – und sogar in der Längs-Blickrichtung dank gut entblendeter Lichtkammern nahezu verschwinden.

Ein Großteil der Beleuchtung ist dabei in Profilen verortet, die für den Einbau in die Holzlouver-Decke angepasst sind. Es handelt sich dabei um voll integrierte mechanische und elektrische Aufnahmenuten für diverse LED-Lichtwerkzeuge, die flexibel auf die unterschiedlichen Raumanforderungen eingehen können: Downlights, axial ausrichtbare Strahler und Wandfluter, alle in Längsrichtung verschiebbar. Auch ausklappbare, frei justierbare Richtstrahler können bei Bedarf adaptiert werden. Sogar die Sprinkler sind teilweise in diesem Profil angeordnet und durchdringen es an vordefinierten Stellen. Die Lücken zwischen den Lichteinsätzen und Sprinklern werden mit Blindabdeckungen geschlossen. Auf diese Weise werden insbesondere der Ausstellungsraum und der Vortragssaal im Erdgeschoss sowie die Handbibliothek im ersten Obergeschoss bespielt.

Abb.: Ein Großteil der Beleuchtung ist in für den Einbau in die Holzlouver-Decke angepassten Profilen verortet. Die voll integrierten mechanischen und elektrischen Aufnahmenuten für diverse LED-Lichtwerkzeuge gehen flexibel auf die unterschiedlichen Raumanforderungen ein. Rheinisches Bildarchiv Köln/Michael Albers, Entwurf: Waechter + Waechter Architekten BDA
Abb.: Im Bereich der Erschließung sind Einzelleuchten ohne Aufnahmeprofil verbaut. Sie beleuchten insbesondere das lichte, zweigeschossige Foyer mit seiner zum Innenhof hin großzügig tageslichtdurchfluteten Galeriesituation und der langgestreckten, prominenten Holztreppe. Rheinisches Bildarchiv Köln/Michael Albers, Entwurf: Waechter + Waechter Architekten BDA
Abb.: Da die Stahlseile zur Pendelmontage so dünn und unauffällig sind, wirken die Lichtringe als würden sie wie von Geisterhand schweben. Gleichzeitig erzeugen die Ringpendelleuchten ein ergonomisches, gleichmäßiges Licht. Rheinisches Bildarchiv Köln/Michael Albers, Entwurf: Waechter + Waechter Architekten BDA

Vertikale Erschließung im lichten Foyer

Nur im Bereich der Erschließung sind Einzelleuchten ohne Aufnahmeprofil verbaut. Sie beleuchten insbesondere das lichte, zweigeschossige Foyer mit seiner zum Innenhof hin großzügig tageslichtdurchfluteten Galeriesituation und der langgestreckten, prominenten Holztreppe. Hier versieht ein verdecktes Lichtprofil die zur Treppe gelegene Flanke der Galeriebrüstung mit Streiflicht und gibt ihr so eine weiche Präsenz.

Insgesamt markieren lineare Diffuslichtquellen die Knotenpunkte der horizontalen und vertikalen Erschließung. Dieser Logik folgend, umschreibt ein Lichtkanal den Aufzugskern, der in Sichtbeton ausgeführt ist und so visuell aus dem warmtonigen, von Holz bestimmten Interieur hervortritt. So ist der Aufzug auch in langen Blickachsen stets gut hervorgehoben. Die Beleuchtung der Korridore und Treppenhäuser im Mantelbau folgt ebenfalls dem Prinzip eines wand- bzw. flächennahen Diffuslichtkanals: Ein durchlaufendes Lichtband begleitet die Schnittstelle zwischen Metallabhangdecke und Trennwand zu den Büros. Auch die Anbindung der Sichtbeton-Treppenfluchten an die flankierenden Wandflächen ist durch ein Lichtprofil markiert, das die Stufen gleichmäßig ausleuchtet.

Obwohl die nicht-öffentlichen Bereiche im Allgemeinen in den Planungsbereich des Elektroplaners agn fielen, hat Licht Kunst Licht für die innenliegenden Erschließungsbereiche ein Grundkonzept entwickelt, nicht zuletzt auch deshalb, weil diese vom Kopfbau aus und durch den Innenhof hindurch eingesehen und so in Kontinuität mit den öffentlichen Räumen erlebt werden können.

Abb.: Ein verdecktes Lichtprofil versieht die zur Treppe gelegene Flanke der Galeriebrüstung mit Streiflicht und gibt ihr so eine weiche Präsenz. Rheinisches Bildarchiv Köln/Michael Albers, Entwurf: Waechter + Waechter Architekten BDA
Abb.: Aufgrund der warmtonigen Farbpalette des Innenausbaus wurde die Lichtfarbe 4.000 K, Neutralweiß, umgesetzt. Im Zusammenspiel mit den Holzoberflächen des Raumes lädt sich das Licht mit einer sanften Wärme auf. Rheinisches Bildarchiv Köln/Michael Albers, Entwurf: Waechter + Waechter Architekten BDA

Schwebendes Licht in der Bibliothek

Über die vorgenannte Foyer-Treppe erreichen die Besucher die Bibliothek mit ihren in Stützenachse angeordneten Regalen. Diese werden, analog zu den Wänden im Ausstellungsbereich im Erdgeschoss, mit Wandflutern im lamellenintegrierten Deckenprofil beleuchtet. Zur Fassade hin öffnet sich der Raum zu einem langgestreckten Lesesaal. Großzügige Lesetische aus weiß geölter Douglasie und hellgrünem Linoleum entlang der raumhohen Fenster offerieren ausgedehnte Arbeitsflächen, geeignet zum Ausbreiten großformatiger Archivalien.

Über den Lesetischen schweben filigrane LED-Ringpendelleuchten in zwei Größen, angeordnet in Gruppen, die sich auf die Tischzonen darunter beziehen. Die Pendelleuchten bestehen aus einem zarten Direktlichtprofil mit einer massiven Diffusorabdeckung. Dabei sind die Vorschaltgeräte sowie die Abhängungsmimik im Deckenhohlraum hinter der Lamellenverkleidung verborgen. Da die Stahlseile zur Pendelmontage so dünn und unauffällig sind, wirken die Lichtringe als würden sie wie von Geisterhand schweben. Gleichzeitig erzeugen die Ringpendelleuchten ein ergonomisches, gleichmäßiges Licht im Arbeitsbereich. In den Abendstunden spiegeln sie sich in der Fensterfront und scheinen so den Lesesaal in den Außenraum auszudehnen.

Die freie Anordnung von Pendelringen setzt sich in den Seminarräumen entlang der parkseitigen Gebäudeflanke fort, und auch im Eingangsbereich im Erdgeschoss sind die Lichtringe als begrüßende Geste angeordnet. In der nächtlichen Außenansicht vom Vorplatz aus bilden sie eine Art visuelle Klammer zwischen den Räumlichkeiten der unterschiedlichen Niveaus. Aufgrund der warmtonigen Farbpalette des Innenausbaus wurde auch im Kopfbau die Lichtfarbe 4.000 K, Neutralweiß, umgesetzt. Im Zusammenspiel mit den Holzoberflächen des Raumes lädt sich das Licht mit einer sanften Wärme auf, ohne ins allzu Wohnliche abzugleiten. Zugleich wird eine Lichtkontinuität zu den benachbarten Arbeitsstätten des Mantelbaus hergestellt, die von agn aus funktionalen Gründen in Neutralweiß beleuchtet wurden. So entsteht auch über Planungsgrenzen hinweg ein abgestimmter, harmonischer Lichteindruck, der in der nächtlichen Fassadenansicht zusammengehörig erscheint.

Diskreter Lichthauch im Außenraum

Abends leuchtet das Gebäude kraft seiner eingeblendeten Innenraumflächen sanft aus sich heraus. Diesem Blick auf den nächtlichen Neubau galt es, den Vortritt zu lassen. Auch grenzen im Südwesten die Park- und Naturflächen des Grüngürtels mit ihrer sensiblen Artenvielfalt an den Mantelbau an. Insofern war früh die Absicht formuliert, die Beleuchtung der öffentlichen Außenanlagen des Vorplatzes und des vorderen Innenhofs zurückhaltend und ökologisch sensibel zu gestalten. Der Vorplatz als Schnittstelle zum urbanen Raum sollte dabei zugleich Sicherheit und Freundlichkeit verströmen, ohne allzu sichtbare Lichtquellen zu zeigen. Hierfür wurden an ausgewählte Bannerstützen Strahler angebunden, die sich im Horizont der UPE-Profile verbergen. Diesem Prinzip folgend wurden weitere profilierte Masten entlang der Baumreihe zur Luxemburger Straße aufgestellt, um hier weitere Strahler für die Beleuchtung der Platzfläche und Fahrradständer aufzunehmen. Durch die Verwendung bauseitiger Strukturen und der Nähe der Lichtmasten zur Bepflanzung ergibt sich trotz der Größe der Fläche kein »Stützenwald«. Die Beleuchtung bleibt diskret, der Boden wird sanft eingeblendet.

Das Schatzhaus und seine nächtliche Präsenz

Je nach Öffnungszustand der Vorhänge im Innenraum gibt der transparente Kopfbau den Blick frei auf den vorderen Innenhof. Wie auch auf dem Vorplatz wurde hier im Sinne ökologischer Erwägungen auf eine Lichtinszenierung der Bäume verzichtet. Jedoch war die Hervorhebung des mit gefalteter Baubronze verkleideten Magazinbaus ein Bestandteil der ganzheitlichen Lichtinszenierung. Hier ergaben sich zwei Herausforderungen: Zum einen nimmt die Baubronze mit ihrer dunklen Farbgebung von sich aus nur wenig Licht an. Zum anderen hat das Umweltamt der Stadt Köln aufgrund der Nähe zu den Grünflächen die Auflage formuliert, Skyglow strikt zu vermeiden. In akribischer Abstimmung mit den Beteiligten und mittels nächtlicher Bemusterungen wurde eine Streiflichtlösung erarbeitet, die den Großteil des Lichtkegels an der Gebäudekante kappt und nur eine sanfte Lichtpräsenz der bronzenen Faltfassade erzeugt. Hierfür wurden im kopfbauseitigen Innenhof lineare Bodeneinbauleuchten präzise verortet. Die justierbaren Aufbauleuchten montierte man auf dem Mantelbau, entlang der Schatzhausflanken. Lichttechnik und Dimmwert wurden dabei so justiert, dass der Helligkeitswert der Gebäudeflanken jenem der Hoffassade entspricht und der monolithische Gesamteindruck des Magazinbaus auch in der Nachtansicht erhalten bleibt.

Die Eröffnungswoche – ein Event

Ziel der Illumination war eine maximale Integration und Diskretion, um der in sich geschlossenen Architektur keine zweite, redundante Schicht hinzuzufügen. Einzig in der Eröffnungswoche Anfang September 2021 bot sich erwünschtermaßen die Gelegenheit, dem Gebäude im Rahmen einer temporären Eventbeleuchtung einen bewegten, künstlerischen Lichtlayer hinzuzufügen. Eine von Licht Kunst Licht erarbeitete Lichtchoreographie zeichnete metaphorisch das Prinzip nach, das für Archive als Wissenstrukturierende Einrichtungen im Allgemeinen und ganz besonders für das Historische Archiv der Stadt Köln nach dem Einsturz gilt: »Vom Chaos und Unordnung zu neuer Struktur und Ordnung.« Dazu wurden motorische bewegte Strahler auf dem Dach sowie im Innenhof platziert, die zunächst Lichtstrahlen als Streiflicht in unterschiedlichen Farben und Richtungen über die Metallfassade des »Schatzhauses« verströmten. Im Laufe der Choreographie beruhigten sich die Bewegungen und Helligkeitsveränderungen hin zu geordneten, spiegelsymmetrisch zu den Gebäudeachsen ausgerichteten Lichtstrahlen in einem einheitlichen Kaltweiß.

Inzwischen hat das nächtliche Historische Archiv und Rheinische Bildarchiv wieder seine intendierte, ruhige und zugleich einladende Nachtimpression eingenommen. Insgesamt fügt sich die konzentrierte und strukturierte Lichtwirkung sensibel in die geordnete, großzügige und zugleich Wärme verströmende Architektursprache ein und ergänzt diese optimal – innen wie außen.

Abb.: Anlässlich der Eröffnung inszenierte Licht Kunst Licht eine Lichtinstallation auf die Fassade des Archivneubaus. Dazu wurden Strahler platziert, die Lichtstrahlen als Streiflicht in unterschiedlichen Farben und Richtungen über die Metallfassade senden. Foto: Rheinisches Bildarchiv/Michael Albers Rheinisches Bildarchiv/Michael Albers
Abb.: Im Laufe der Choreografie beruhigten sich die Bewegungen und Helligkeitsveränderungen hin zu geordneten, spiegelsymmetrisch zu den Gebäudeachsen ausgerichteten Lichtstrahlen in einem einheitlichen Kaltweiß. Foto: Rheinisches Bildarchiv/Michael Albers Rheinisches Bildarchiv/Michael Albers

Weitere Informationen:

Bauherrin: Gebäudewirtschaft der Stadt Köln

Fertigstellung: 2021

Projektsteuerung: BMP Baumanagement GmbH

Architektur und Projektleitung: Waechter + Waechter Architekten BDA PartmbB, Darmstadt, www.waechter-architekten.de

TGA-Planung, Ausschreibung und Objektüberwachung TGA: agn Niederberghaus &

Partner GmbH, Ibbenbüren, www.agn.de

Lichtplanung: Licht Kunst Licht AG, Bonn / Berlin / Barcelona, Projektleitung: Stephanie Grosse-Brockhoff, Projektteam: Lisa Görke, Felix Beier, www.lichtkunstlicht.com

Fotos: Rheinisches Bildarchiv Köln/Michael Albers, Entwurf: Waechter + Waechter Architekten BDA

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