Planung
Licht 7 | 2020

Schaufenster fürs Büro der Zukunft

Lichtkonzept für die Digitalschmelze von Schott

In der Digitalschmelze von Schott können sich Mitarbeiter und Externe seit letztem Jahr kreativ austoben. Auch die Architekten und der Lichtplaner durften ihrer Fantasie bei der Ausgestaltung des New-Work-Büros freien Lauf lassen. Das Ergebnis ist eine flexible Arbeitslandschaft, in der Licht als »stiller Helfer« fungiert.

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Lennart Wiedemuth für Schott AG

Wie wollen wir in Zukunft arbeiten? Noch nie zuvor war diese Frage so wichtig wie in diesem Jahr. Die Corona-Pandemie hat die Bedeutung des Home-Office aufgewertet, plötzlich fanden zahlreiche Arbeitnehmer Gefallen an einem Arbeitsumfeld, das ihnen Sicherheit und Ablenkung bot. Die letzten Monate haben auch gezeigt: Die Zusammenarbeit von verschiedenen Orten aus und über digitale Tools funktioniert besser als viele vermutet hätten. Für Unternehmen ist es jetzt an der Zeit, diesen Modernisierungsschub der Arbeitswelt aufzugreifen und endlich auch im Büro umzusetzen.

Der Traum von New Work

Viele Unternehmen träumen schon lange von modernen Büros und flexiblen Arbeitsplätzen, sie sprechen davon, weg vom klassischen Schreibtisch hin zu Arbeitslandschaften zu gehen, in denen Kreativität ausreichend Platz hat und Ideen reifen können. Nur wenige lassen ihren Worten Taten folgen. Es gibt jedoch auch Pioniere, die sich trauen etwas zu verändern und ganz neue Wege zu gehen. Dass sie nicht Google oder Facebook heißen müssen, beweist der Glas- und Glaskeramikhersteller Schott aus Mainz.

Der Hersteller von Glas und High-Tech-Glas für die Innenraumbeleuchtung von Flugzeugen, Medizintechnik oder autonome Mobilität denkt sowohl auf Fabrik- als auch auf Produktebene in digitalen Dimensionen. Das Streben nach Fortschritt soll aber nicht nur bei den Kunden sichtbar werden, sondern auch in den Köpfen der Mitarbeiter als neue »Denke« Einzug halten. Das traditionsreiche Industrieunternehmen verwandelte deshalb gemeinsam mit hdg Architekten und dem Lichtplaner Dirk Gräff von Lichtlandschaften einen ehemaligen Werksverkauf von Ceranfeldern in einen modernen Workspace. Dieser soll als gemeinsamer Arbeitsort und Treffpunkt dienen. Unter dem Namen Digitalschmelze beherbergt dieser heute die Kreativabteilung des Unternehmens und bietet darüber hinaus Platz für Projektarbeit und temporäre Teams.

Die Digitalschmelze ist nicht nur ein neuer Arbeitsort, an dem kreative Köpfe sich frei entfalten können. Er ist auch Ausgangspunkt für die verschiedenen Digitalinitiativen, die der Mutterkonzern auf den Weg bringt und fördert den Austausch dazu. Damit Ideen in der Digitalschmelze ungehindert fließen und durch immer neue Perspektiven bereichert werden können, nutzten die beteiligten Partner für die Umsetzung der ungewöhnlichen Arbeitslandschaft vorhandene Gegebenheiten aus – dazu gehört etwa die breite Glasfront, die sich über die gesamte Länge des Büros erstreckt – und verschmolzen sie mit den Möglichkeiten neuartiger Bürokonzepte.

Abb.: Akustikelemente, Tages- und Kunstlicht sowie der ausgefallene Bodenbelag erschaffen eine Arbeitswelt, in der sich immer wieder neue Perspektiven eröffnen. Lennart Wiedemuth für Schott AG

Austausch über Unternehmensgrenzen hinweg

Schon die Lage der Digitalschmelze lädt zum offenen Austausch zwischen verschiedenen Teams, aber auch Mitarbeitern und Externen ein, denn das Gebäude liegt genau an der Schnittstelle zwischen dem Schott-Werksgelände und der Mainzer Neustadt. Auch im Büro selbst steht der Austausch an erster Stelle: Die IT findet hier Dauerarbeitsplätze vor, es sind temporäre Arbeitsplätze für Projektarbeit vorhanden, Workshop-Areas und Think-Tanks laden interne Teams und Gäste des Unternehmens dazu ein, sich für eine gewisse Zeit in die Projektarbeit zu stürzen. Vertrauliche Atmosphäre herrscht in den Besprechungsräumen und ein breites Publikum erreichen Schott-Mitarbeiter bei Vorträgen an der prominenten Sitztribühhne.

Abb.: Die sogenannte Arena der Digitalschmelze bietet Platz für Präsentationen und ist durch eine Sitztribühne optisch von der Workshop-Area abgetrennt. Lennart Wiedemuth für Schott AG

Abb.: Runde Formen, die in allen Zonen der Digitalschmelze im Licht und der Architektur zu finden sind, dominieren auch die Workshop-Area. Der Vorhang, der am Halbrund an der Decke befestigt ist, dunkelt den Bereich bei Bedarf ab. Lennart Wiedemuth für Schott AG
Abb.: Vom Gesellschaftsbereich in der Küche bis hin zu den Besprechungsräumen kann der Blick ungestört schweifen. Durch flexibles Mobiliar lässt sich der komplette Raum immer wieder neu gestalten und an die Arbeitsanforderungen anpassen. Lennart Wiedemuth für Schott AG

Markant sind in der Digitalschmelze die vielen offenen Flächen und Räume sowie ihre flexiblen Nutzungsmöglichkeiten. Selbst das Mobiliar ist nicht dazu gedacht, Grenzen zu setzen, sondern lässt sich in die Arbeit einbeziehen und passt sich den Anforderungen der verschiedenen Teams an. Eine große Herausforderung für die Architektur und die Beleuchtung war es, Übersicht zu schaffen und die Nutzung der Flächen intuitiv zu gestalten. Keine leichte Aufgabe, insbesondere wenn von der Planung bis zur Umsetzung nur sieben Monate vergehen dürfen.

Um keine Zeit zu verlieren, setzte Lichtplaner Dirk Gräff bei dem Projekt auf die Software Dialux Evo. Die Visualisierung konnte er damit zügig umsetzen und zum einen den Elektroplanern alle nötigen Informationen liefern. Zum anderen bot die Plattform die Möglichkeit, eine überzeugende Präsentation für den Vorstand von Schott zu erstellen. Ein weiterer zeitkritischer Punkt war die Lieferung der Leuchten. Aufgrund positiver Erfahrungen, die Gräff bei anderen Projekten sammeln konnte, fiel die Wahl auf Zumtobel, etwa für Wegelicht und Einlegeleuchten, und Prolicht für Dekoleuchten. Bei der Leuchtenauswahl stand die Formensprache der Architektur im Fokus. Beispielsweise nimmt die »Glorius«-Ringleuchte über der Workshop-Area die Rundungen auf, die sich auch in der Wand und anderen Bereichen des Büros wiederfinden. Licht und Architektur schaffen so eine Harmonie, die angenehmes Arbeiten unterstützt.

Abb.: Unter der »Glorious«-Leuchte von Prolicht können die kreativen Gedanken kreisen und in angenehmer Atmosphäre mit den Kollegen geteilt werden. Lennart Wiedemuth für Schott AG

Abb.: Im Sitzen, im Stehen oder beides? In der Digitalschmelze findet jeder einen Arbeitsplatz, der seinen Ansprüchen genügt und kann während des Tages die Arbeitsposition beliebig wechseln. Lennart Wiedemuth für Schott AG

Licht wandert mit der Nutzung

In der Digitalschmelze ist jeder Ort dazu gedacht, als Arbeitsbereich genutzt zu werden – abgesehen von der Küche, die sich von außen aus betrachtet im rechten Teil des Büros befindet. Dort ist es offen, hell und geschäftig. Die Küche und der umliegende Bereich laden zum Austausch ein. Lässt man den Blick nach links schweifen, zeigt sich die Arena für Präsentationen, die Flächen dahinter werden kleinteiliger und gehen schließlich in die Besprechungsräume für konzentrierteres Arbeiten und den Ruhearbeitsbereich über. »Es geht sozusagen von laut nach leise«, beschreibt Dirk Gräff die Fläche. Sein Lichtkonzept folgt dieser Richtung als »stiller Helfer« und schafft Orientierung.

Abb.: Insgesamt fünf Zonen laden im Gebäue eines ehemaligen Werksverkaufs zu Austausch und Kreativarbeit ein. Links ist die stille Ruhezone zu sehen, ganz rechts die offene Küche. Lennart Wiedemuth für Schott AG

Abb.: Die Küche im Reallabor von Schott ist der einzige Bereich, der nicht explizit als Arbeitszone gedacht ist. Das Büro ist jedoch so flexibel, das Arbeitsprozesse selbstverständlich auch mit einem gemütlichen Essen verbunden werden können. Lennart Wiedemuth für Schott AG

Insgesamt gibt es in der Digitalschmelze fünf Zonen, jede mit einer eigenen Nutzungsphilosophie, die sich auch im Licht widerspiegelt. So finden sich im Ruhebereich andere Materialen als im restlichen Büro sowie Tisch- und Leseleuchten, die konzentriertes Arbeiten unterstützen, während im »lauten« Bereich große Leuchten und das Tageslicht dominieren, das durch die große Fensterfront fällt. Die verglaste Front lässt nicht nur Blicke nach innen und außen zu, was die Transparenz der Digitalschmelze unterstreicht. Sie stellte auch eine Herausforderung für die Lichtplanung dar. Die Besprechungsräume sind ebenfalls von Glas umrahmt und bieten damit viel Spiegelungsfläche für das Licht. Deshalb wählte Gräff hier entblendete Leuchten mit indirektem Licht. Die Vorhänge in den Glaskästen helfen ebenfalls, unerwünschte Spiegelungen zu reduzieren.
Abb.: Die »leise« Zone der Digitalschmelze ist durch die Besprechungsräume vom restlichen Geschehen abgeschirmt. Durch die Fensterfront und freie Flächen wirkt der Bereich dennoch offen. Lennart Wiedemuth für Schott AG

Abb.: Viele Bereiche der Digitalschmelze lassen auf den ersten Blick kaum vermuten, dass hier Büroarbeit verrichtet wird. In der Ruhezone wurden beispielsweise Materialien und Leuchten verwendet, die zum Ausruhen und Nachdenken anregen. Lennart Wiedemuth für Schott AG
Abb.: Die Besprechungsräume sind von Glaswänden umgeben. Entblendete Leuchten und Vorhänge reduzieren störende Spiegelungen. Der Entspannungs- und Stillarbeitsbereich direkt nebenan strahlt angenehme Ruhe aus. Lennart Wiedemuth für Schott AG

Der Lichtplaner legte viel Wert darauf, ein Lichtniveau zu schaffen, das nicht monoton ist, sondern abwechslungsreich und je nach Aufgabe aktivierend wirkt. Bewegungs- und Tageslichtsensoren helfen dabei, das Lichtniveau über den Tag hinweg anzupassen. Überhaupt ist in der Digitalschmelze selbstverständlich alles vernetzt – von der Heizung über das Licht bis hin zur Steuerung der Jalousie. So wie es sich für einen digitalen Vorreiter gehört. Als vorwiegende Lichtfarbe wählte Dirk Gräff 4.000 Kelvin, bei der Auswahl der Leuchten hatte er stets auch den Wartungsaspekt im Hinterkopf. Deshalb gibt es in der Digitalschmelze sich wiederholende Leuchten mit teils gleichen Längen und Lichtfarben, um den Austausch so einfach wie möglich zu gestalten.

Neugier geweckt

Dass Licht in Büroumgebungen ein wichtiger Aspekt ist, steht außer Frage. Trotzdem kommt es bei der Planung neuer Arbeitsumgebungen oft zu kurz und fällt am Ende sachlich aus, ohne einen Mehrwert für die Mitarbeiter zu bieten. »Die Beleuchtung für einen Arbeitsplatz braucht eine gewisse Sachlichkeit. Trotzdem kann ein Arbeitsplatz auch mit sachlicher Beleuchtung sehr attraktiv sein«, findet Dirk Gräff und ermutigt Unternehmen, bei der Beleuchtung mehr zu wagen. Eine raumbezogene Beleuchtung, die auf die Nutzung durch die Mitarbeiter zugeschnitten ist, wirkt sich nicht nur positiv auf das Wohlbefinden der Kollegen aus. »Ein Unternehmen wie Schott zeigt mit einem Projekt wie der Digitalschmelze Identität und schafft es dadurch, Mitarbeiter zu begeistern und zu halten. Außerdem lassen sich mit einem solchen Bürokonzept Hierarchien abbauen«, findet Gräff. Gerade vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels ist das ein Vorteil, den jedes Unternehmen nutzen sollte.

Abb.: Als »stiller Helfer« sorgt das Licht für Orientierung im offenen Raum, wie die Leuchten »((bitte ergänzen))« von ((bitte ergänzen)), die hier als Raumtrenner fungieren und gleichzeitig Abwechslung für das Auge bieten. Lennart Wiedemuth für Schott AG

»Der Wunsch von Schott war es, sich inspirieren zu lassen von Aspekten, die heute in modernen Arbeitslandschaften möglich sind. Dafür musste das Unternehmen zwar etwas Zeit investieren. Am Ende hat sich das aber gelohnt«, betont Gräff. Dass Schott sich neuen Konzepten geöffnet hat und damit konsequent seine Digitalstrategie weiter verfolgt, bleibt auch bei den Nutzern der Digitalschmelze nicht unbemerkt. »Die Mitarbeiter zeigten sich von Anfang an sehr neugierig und die Digitalschmelze erfährt große Akzeptanz in der Belegschaft«, fasst der Lichtplaner zusammen.

Weitere Informationen:

Projekt: Büroprojekt Digitalschmelze

Fertigstellung: 2019

Bauherr: Schott AG, Mainz

Architekt: hdg Architekten, Bad Kreuznach, www.hdg-architekten.de

Konzept Arbeitswelt: Dark Horse Workspaces, Berlin, www.darkhorseworkspaces.de

Elektroplaner: Zeeb + Frisch, Kirchentellinsfurt, www.zeeb-frisch.de

TGA-Planer: Projekt-ing Ingenieurgesellschaft für Gebäudetechnik,

Lichtplaner: Lichtlandschaften, Dirk Gräff, www.lichtlandschaften.de

Leuchten: Zumtobel, Dornbirn (A), www.zumtobel.com/de-de; Prolicht, Neu-Götzens (A), www.prolicht.at

Video zum Projekt: https://li.rpv.media/1mg

Fotos: Lennart Wiedemuth für Schott AG

Autorin: Sabrina Quente, Redakteurin LICHT

Dieser Artikel ist erschienen in

Licht 7 | 2020

Erschienen am 25. September 2020