Planung
Licht 4 | 2021

Purer Champagnergenuss statt »Lichtgeschmack«

Maßgeschneidertes Lichtdesign für das Champagnerhaus Joseph Perrier

Im Herzen der Provinz der Champagne, ganz in der Nähe der Stadt Reims, befindet sich im Ort Châlons-en-Champagne der Sitz des historischen Champagnerhauses Joseph Perrier, das seit 1825 der Inbegriff für Champagner der Spitzenklasse ist. Im Rahmen eines Sanierungsprojekts wurde auch das Licht erneuert. Eine besondere Herausforderung für die Lichtplaner bestand darin, mit der maßgeschneiderten Beleuchtungslösung keinen »Lichtgeschmack« zu verursachen.

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Abb.: Auf dem Rundgang durch die Keller des Champagnerhauses Joseph Perrier begegnen dem Besucher Lichtprojektionen, die an Reflexe auf dem Wasser erinnern. Sie werden von speziellen Optiken, Strahlern und Optikzubehörteilen erzeugt. François Guillemin

Die Maison Joseph Perrier ist ein Familienbetrieb, in dem die traditionelle Kunst der Champagnerkelterei von Generation zu Generation weitergegeben wird. Neben diversen internationalen Auszeichnungen darf das renommierte Haus ein ganz besonderes Gütesiegel für sich beanspruchen: Perrier wurde Champagnerlieferant des britischen Königshauses, speziell von Königin Victoria und Prinz Edward VII. Besonders edle Tropfen des Hauses werden denn auch als Cuvée Royale bezeichnet.

Abb.: Die Maison Joseph Perrier ist ein Familienbetrieb, in dem die traditionelle Kunst der Champagnerkelterei von Generation zu Generation weitergegeben wird. François Guillemin

Unterirdische Kathedralen aus Kalk

Das ehemalige Postgebäude, das zum Produktionsstandort des Champagnerhauses umgebaut wurde, befindet sich in einer Gegend mit fruchtbaren Kreideböden, unter denen sich ein Geflecht unterirdischer Kreidebrüche erstreckt, die heute als Weinkeller dienen. In diesen unterirdischen Kathedralen aus Kalk wird der legendäre französische Champagner hergestellt, gemischt und ausgebaut. Natürliche Luftlöcher sorgen für eine optimale Belüftung. Auf über 3 km Länge und in einer Tiefe von 20 m herrschen ideale Bedingungen für die Reifung der Champagner.

2019 war der Moment für ein ambitioniertes Sanierungsprojekt des historischen Standorts gekommen, mit dem der Pariser Architekt Loic Thiénot vom Studio Thiénot Architecture beauftragt wurde. Seine Aufgabe war es, neue Ausstellungsräume, einen Raum für Verkostungen und Weinproben und den Verkaufsraum zu entwerfen, sowie den Hof und einige Büros umzugestalten. Zeitgleich zum architektonischen Entwurf wurde auch die Beleuchtungsplanung umgestaltet: die Weinkeller, der neue Garten und die Außenbereiche erstrahlen jetzt in ganz neuem Licht, das ihren historischen Charakter hervorhebt und dadurch ihre außerordentliche Schönheit noch besser zur Geltung bringt.

Nachhaltiges, kreatives und innovatives Licht

Ausgangspunkt für die Beleuchtungsplanung, die aus der Feder von Emeric Thiénot des Lichtdesignstudios Lumesens aus Paris stammt, waren die Prioritäten und vielfältigen Erfordernisse des Auftraggebers. Die Beleuchtung wurde ganz auf die verschiedenen Verwendungszwecke abgestimmt. Ein besonderes Augenmerk galt den landschaftlichen, wirtschaftlichen und ökologischen Bedingungen sowie den technischen Besonderheiten. Das Ergebnis ist eine Beleuchtungslösung, die dem kulturellen Erbe und der unverwechselbaren Architektur dieser einzigartigen Stätte gerecht wird. All diese Parameter sind für ein nachhaltiges Beleuchtungsprojekt ebenso bedeutend wie der Fokus auf Kreativität und Innovation.

Abb.: Das Ergebnis der Sanierung des Champagnerhauses ist eine Beleuchtungslösung, die dem kulturellen Erbe und der unverwechselbaren Architektur dieser einzigartigen Stätte gerecht wird. François Guillemin

Einen perfekten Partner für die maßgeschneiderten Lösungen fand das Studio Lumesens im Hersteller L&L Luce&Light. Emeric Thiénot drückt es so aus: »Wir versuchen, das Produktspektrum der Leuchtenhersteller so gut wie möglich auszuschöpfen, aber oft sind wir gezwungen, bestehende Leuchten anzupassen – sei es durch zusätzliche Zubehörteile, sei es durch eine andere Optik oder Lichtquelle, um eine bestimmte Lichtwirkung zu erzielen. Manchmal müssen wir die Leuchte für einen bestimmten Anwendungsbereich richtiggehend umwandeln. Die Wandlungsfähigkeit der Leuchten ist also nicht nur ein Mehrwert für das Projekt, sondern die Quintessenz und Daseinsberechtigung des Lichtprojekts.«

Wie verhindert man »Lichtgeschmack«?

Das wichtigste Kriterium war, die Eigenschaften des in den Weinkellern gelagerten Champagners nicht zu beeinflussen und einen »Lichtgeschmack« des Weins zu verhindern: Durch die Einwirkung von Licht auf das Riboflavin des Weins kann eine chemische Reaktion ausgelöst werden, die ein Fehlaroma verursacht. Um das zu vermeiden, hat der Lichtdesigner beschlossen, den Leuchtenlichtstrom auf 595 lm zu beschränken und eine Farbtemperatur von 2200 K vorzusehen. Die Einbauleuchte »Bright 2.4« aus Edelstahl mit elliptischer Optik ist die Antwort auf diese Erfordernisse und lädt die Besucher zu einem Spaziergang in das weit verzweigte Gewölbe ein. Wenn sich das Auge erstmal an das warmweiße Licht gewöhnt hat und der Besucher den Blick streifen lässt, wird er von raffinierten Licht-Schatten-Effekten überrascht.

Abb.: Die Einbauleuchte »Bright 2.4« aus Edelstahl mit elliptischer Optik lädt die Besucher zu einem Spaziergang in das weit verzweigte Gewölbe ein. Wenn sich das Auge erstmal an das warmweiße Licht gewöhnt hat, wird es von raffinierten Licht-Schatten-Effekten überrascht. François Guillemin

Auf dem Rundgang begegnen den Besuchern Lichtprojektionen, die an Reflexe auf dem Wasser erinnern und geheimnisvolle Lichtsilhouetten, die vom Strahler »Ginko« in Kombination mit zwei Optikzubehörteilen erzeugt werden, die dazu eigens von Lumesens angefertigt wurden. In einem Fall handelt es sich um farbige Glaseinsätze für den Blendring, die an den Wegkreuzungen der Tunnel kaleidoskopartige Effekte auf den Boden zaubern. Im anderen Fall wurden kleine mobile Spiegel mit Nylonfäden an die Leuchten gebunden und erzeugen dadurch in einigen Kellerbereichen effektvolle Lichtreflexionen an der Decke.

Sonderanfertigungen für die Gartenwege

Besonders wichtig für die erfolgreiche Umsetzung des Projekts war die Zuverlässigkeit der in Edelstahl AISI 316L gefertigten Leuchten, da sich die Luftfeuchtigkeit in Kombination mit der kalkhaltigen Bausubstanz oft negativ auf die Funktionstüchtigkeit von Leuchten auswirkt. Im Außenbereich wurden weitere Leuchten des Modells »Ginko« installiert, die das schmiedeeiserne Schild anstrahlen, das majestätisch über den Säulen am Eingangstor der Anlage prangt. Zur Beleuchtung der Gartenwege wurden einige Sonderanfertigungen des Modells »Pasito 1.1« in weißer Oberflächenausführung auf 600 mm hohe Poller montiert. Um das Erscheinungsbild einheitlich zu halten, wurden die gleichen Orientierungsleuchten auch an den überdachten Wegen im Außenbereich eingesetzt und beleuchten die Überdachung von oben und unten.

Abb.: Zur Beleuchtung der Gartenwege wurden Leuchtensonderanfertigungen auf Poller montiert. Für ein einheitliches Erscheinungsbild wurden die gleichen Orientierungsleuchten auch an den überdachten Wegen im Außenbereich eingesetzt und beleuchten die Gewölbe von oben und unten. François Guillemin

Abb.: Zur Beleuchtung der Fassade wurden Strahler für den Außenbereich strategisch am äußersten Punkt der Fensterbretter montiert, wo sie eine Art effektvollen Lichtrahmen auf die Gebäudefassade projizieren und auch das Gesims in Szene setzen. François Guillemin

Zur Beleuchtung der Fassade hingegen fiel die Wahl auf Strahler für den Außenbereich »Lyss 1.0«, strategisch am äußersten Punkt der Fensterbretter montiert, wo sie eine Art effektvollen Lichtrahmen auf die Gebäudefassade projizieren. Das Projekt wurde von der Association des Concepteurs Lumière et Éclairagistes in der Kategorie »Conception Lumière Intérieure« mit dem Prix de l‘ACEtylène 2020 ausgezeichnet.

Weitere Informationen:

Projekt: Champagnerhaus Joseph Perrier

Architekt: Thiénot Architecture, Paris (F), thienot-architecture.com

Lichtplaner: Lumesens, Paris (F), www.lumesens.com

Leuchten: L&L Luce&Light, Povolaro di Dueville (I), www.lucelight.it/de

Fotos: François Guillemin

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