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Licht 6 | 2022

Neue Nachhaltigkeitsinitiativen der EU

Was bedeuten sie für die Lichtindustrie?

Wenn Sie glauben, die Lichtindustrie ist aktuell bereits stark reglementiert, dann dürfen Sie sich noch auf etwas gefasst machen. Im März 2022 hat die Europäische Kommission einen Vorschlag für ein umfassendes neues Gesetzespaket angenommen, die sogenannte Initiative für nachhaltige Produkte (Sustainable Products Initiative – SPI). Sie ist Teil des Grünen Deals der Kommission und soll sicherstellen, dass in Zukunft nur noch die nachhaltigsten Produkte in Europa verkauft werden. Für die Lichtindustrie ist besonders der SPI-Vorschlag einer Ökodesign-Verordnung für nachhaltige Produkte relevant.

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Abb.: Eine große Welle an Nachhaltigkeitsinitiativen wird die Lichtindustrie unmittelbar betreffen, darunter die Verbraucherschutzinitiativen gegen »Greenwashing«, das Recht auf Reparatur oder die Einführung digitaler Produktpässe. LightingEurope

Die Vorschläge der SPI sollen den Verbrauchern die Möglichkeit geben, Energie zu sparen, Produkte zu reparieren und beim Kauf neuer Produkte gute Entscheidungen für die Umwelt zu treffen. Für die Lichtindustrie ist besonders der SPI-Vorschlag einer Ökodesign-Verordnung für nachhaltige Produkte (Ecodesign for Sustainable Products Regulation – ESPR) relevant. Diese würde die aktuelle Ökodesign-Richtlinie aufheben und ersetzen, mit der unsere Industrie inzwischen sehr vertraut ist. Wie bei der Ökodesign-Richtlinie wird auch bei der ESPR auf Produktebene detailliert entschieden, was nachhaltig ist und was nicht. Die ESPR wird die Messlatte für die Lichtindustrie zweifellos noch weiter anheben. Zusätzlich zu den Energieeffizienzanforderungen der aktuellen Richtlinie wird die ESPR spezifische Anforderungen hinsichtlich Lebenszyklus, Langlebigkeit, Nutzung recycelter Materialien, Reparaturfähigkeit und Rohstoffnutzung beinhalten.

All diese neuen Nachhaltigkeitsanforderungen werden dann evaluiert und in Form von produktspezifischen Regeln, auch für Leuchtmittel, eingeführt. Dank der umfassenden Erfahrung unserer Industrie mit der Ökodesign-Richtlinie und der führenden Position von LightingEurope auf diesem Gebiet ist man bestens gerüstet, die Beleuchtungsanforderungen der nächsten Generation zu gestalten.

Eine komplexe Landschaft

Doch die ESPR ist nur die Spitze des Eisbergs. Auf uns kommt eine ganze Welle an Nachhaltigkeitsinitiativen zu, und jede davon wird die Lichtindustrie unmittelbar betreffen. Nehmen wir zum Beispiel die Verbraucherschutzinitiativen gegen »Greenwashing«. Diese Vorschläge verlangen nicht nur, dass Unternehmen ihre Angaben zur Nachhaltigkeit ihrer Produkte belegen, sondern dass sie dafür die in der Initiative zum Beweis von Umweltangaben (Substantiating Green Claims Initiative) dargelegten Methoden anwenden. Alle Angaben, die diese Methoden nicht befolgen, werden als irreführend erachtet und unterliegen Sanktionen.

Weitere wichtige Initiativen sind:

  • Recht auf Reparatur: Maßnahmenkatalog zur Förderung der Kreislaufwirtschaft, indem sichergestellt wird, dass Produkte repariert werden können, anstatt sie einfach zu ersetzen.
  • Bauprodukteverordnung: harmonisierte Regeln für die Nachhaltigkeit von Baustoffen.
  • Grüne Taxonomie der EU: Definitionen für Unternehmen, Investoren und politische Entscheidungsträger darüber, welche Wirtschaftsaktivitäten als ökologisch nachhaltig gelten können und bei Finanzinvestitionen und öffentlichen Verträgen priorisiert werden sollten.
  • Ökologische öffentliche Beschaffung (Green Public Procurement – GPP) der EU: führt Umweltanforderungen bei öffentlichen Ausschreibungen ein.
  • Corporate Governance Sustainability Reporting: Anforderungen für die Berichterstattung von Unternehmen hinsichtlich ihrer Leistungen in den Bereichen Umwelt, Soziales und Unternehmensführung (Environmental, Social, Governance – ESG).

Zusätzlich zu diesen neuen Initiativen muss die Europäische Kommission auch bestehende Verordnungen prüfen und aktualisieren, darunter die Abfallrahmenrichtlinie (Waste Framework Directive – WFD), die WEEE-Richtlinie (Waste from Electrical and Electronic Equipment – Abfall von Elektro- und Elektronikgeräten), die RoHS-Richtlinie (Restriction of Hazardous Substances – Beschränkung gefährlicher Stoffe) sowie die REACH-Verordnung (Registration, Evaluation, Authorisation and Restriction of Chemicals – Registrierung, Bewertung, Zulassung und Beschränkung von Chemikalien).

Was bedeutet all das für die Lichtindustrie?

Zunächst müssen Unternehmen ihren Designansatz überdenken. Schließlich müssen Produkte in Zukunft nicht nur energieeffizient sein und den neu eingeführten Qualitätsparametern und Kennzeichnungsanforderungen entsprechen, sondern auch reparaturfähig und langlebiger sein. Beides erfordert eine Verfügbarkeit der notwendigen Ersatzteile über mehrere Jahre hinweg. Letztere könnten OEMs neue Umsatzquellen erschließen, doch müssen sie sich darauf einstellen, mit anderen Unternehmen zu konkurrieren, die ebenfalls diese Ersatzteile produzieren und verkaufen.

Auch das Anwerben und Halten von Fachkräften mit Erfahrung in nachhaltigem Produktdesign und nachhaltiger Produktion wird eine immer größere Herausforderung werden. Die Regulierungswelle der EU im Bereich Nachhaltigkeit betrifft alle Branchen unmittelbar – von der Textil- über die Elektronik- bis hin zur Zementindustrie. All diese Unternehmen werden versuchen, schnell interne Kapazitäten zu schaffen, um den Regulierungstrends und dem Markt zuvorzukommen.

Der Absatz könnte zurückgehen – nicht nur weil die Produkte langlebiger sind, sondern auch weil die Preise mit hoher Wahrscheinlichkeit steigen werden. Letztendlich werden die Kunden die Kosten notwendiger Zusatzinvestitionen für die Neugestaltung von Produkten und Prozessen tragen müssen. Dies ist auch den Regierungsbehörden bewusst.

Die Menge an Daten, die Unternehmen künftig sammeln und zur Verfügung stellen müssen, wird exponentiell steigen. LightingEurope geht davon aus, dass sich das heutige Energielabel zu einem Nachhaltigkeitslabel entwickeln wird, das auch einen Reparaturfähigkeitswert und eine Lebenszyklus-Bewertung umfassen könnte. Darüber hinaus müssen die Unternehmen, wie zuvor erwähnt, sicherstellen, dass sämtliche Nachhaltigkeitsangaben vollumfänglich belegbar sind.

Nicht zuletzt rechnet LightingEurope mit der Einführung Digitaler Produktpässe (DPP), die Informationen zu jedem einzelnen Produkt und auch zu jeder Substanz in einem Produkt enthalten müssen. Wenn man bedenkt, dass viele elektronische Produkte bis zu 4.000 verschiedene Substanzen enthalten, könnte diese verpflichtende DPP-Berichterstattung extrem aufwändig werden.

Unterstützung der Lichtindustrie

Die ohnehin bereits sehr komplexe Regulierungslandschaft befindet sich in ständigem Wandel. Während die Prüfung des Ökodesigns für Leuchtmittel erst für 2025 geplant ist, gelten die Taxonomie-Berichtpflichten bereits in diesem Jahr. Auch all die oben genannten Verpflichtungen sollen bis 2026 bzw. 2027 in Kraft treten – also in nicht einmal vier bzw. fünf Jahren.

LightingEurope ist eine etablierte, glaubwürdige Stimme in der EU-Nachhaltigkeitsdebatte und steht in regelmäßigem Kontakt mit Regulierungsbehörden, NGOs und anderen Fachverbänden, um die Besonderheiten in der Lichtindustrie zu erklären und die Empfehlungen ihrer Mitglieder einzubringen. Mitglieder von LightingEurope erhalten regelmäßige Updates zu Regulierungstrends und den neuesten Entwicklungen. So bekommen unsere Mitglieder alle wichtigen Informationen, um proaktiv handeln und die Nachhaltigkeitsanforderungen in Geschäftschancen umwandeln zu können.

Weitere Informationen:

LightingEurope, https://www.lightingeurope.org

Autorin: Elena Scaroni, Policy Director LightingEurope

Dieser Artikel ist erschienen in

Licht 6 | 2022

Erschienen am 25. August 2022