Planung
Licht 6 | 2019

Moderne Technik in historischen Mauern

Lichtkomposition für die Stadtkirche Schorndorf

Mit der evangelischen Stadtkirche findet sich ein frisch saniertes Juwel im Herzen der historischen Altstadt von Schorndorf. Die im Jahr 1511 erstmals geweihte Kirche wurde in den vergangenen Jahren Schritt für Schritt saniert und restauriert. Durch den Einsatz moderner Gebäudetechnik hat das historische Gemäuer an Komfort gewonnen: Über ein iPad läutet die Mesnerin die Glocken und kann knapp 30 programmierte Lichtszenen abrufen.

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Abb.: Sechzehn Ovalpendelleuchten sind mit jeweils vier breitstrahlenden Reflektoren mit dimmbaren High Power LEDs bestückt und leuchten das Kirchenschiff gleichmäßig aus. Ulrich Beuttenmüller für Gira

1477 startete der Stuttgarter Kirchenbaumeister Aberlin Jörg im schwäbischen Schorndorf mit dem Bau der Kirche, später setzten Peter von Koblenz und Jakob von Urach die Bauarbeiten fort. 1511 wurde das imposante Bauwerk als Marienkirche geweiht. Seit Einführung der Reformation 1534 ist die Stadtkirche evangelisch, die letzte Restaurierung erfolgte um 1960. 1995 startete eine Außenrenovierung der Kirche inklusive des Turms mit Glockenstuhl. Mit einer Komplettsanierung und Restaurierung der Innenräume wurde 2012 begonnen. Schwerpunkte lagen auf der Erhaltung des historischen Bestands, der besseren Beleuchtung des Kirchenschiffs sowie der technischen Modernisierung – unter anderem der Elektrik, Heizung und akustischen Anlage. Etwa 2,5 Jahre dauerte die Sanierung, bis sich der Kirchenraum strahlend hell und schön mit glasklarer Akustik und einer nicht mehr launischen Heizung präsentierte. Viel Aufwand ist in die Beleuchtung sowie die Akustik geflossen. Aktuelle Sicherheitsanforderungen und Schäden an der alten Elektroinstallation sprachen zwingend für eine komplette Neuverkabelung. Um die Kirche langfristig zukunftsfähig zu machen, setzte das Planungsbüro für Elektroanlagen Vetter auf ein KNX-System. »Wichtig war uns von Anfang an, ein System anzubieten und zu entwickeln, das trotz umfangreicher Lösungen intuitiv bedienbar ist«, berichtet System-Integrator Ralf Schlotz. Mit der Bedienung über das iPad und die leicht verständliche Visualisierung von Gira wurde das Handling so einfach wie möglich gestaltet, trotz des breiten Funktionsumfangs. Ein KNX-System vernetzt heute alle relevanten elektrischen Komponenten, die sich einfach und in Abhängigkeit zueinander steuern lassen – manuell oder vollautomatisch. Die Steuerzentrale dahinter ist ein Gira FacilityServer, hier laufen alle Informationen der Sensoren zusammen, werden analysiert und Befehle an die Aktoren weitergeleitet. Wie selbstverständlich bedient Mesnerin Betina Weinert heute übers iPad die Beleuchtung, startet das Glockengeläut, programmiert die Heizung für Sonderveranstaltungen oder reguliert die Verschattung an der Orgel. Komplexe Lichtszenen für den Festgottesdient oder eine Orgelnacht sind mit einem Klick aktiviert, pünktlich zum Vaterunser kann sie vom Platz aus das Glockengeläut starten und vor dem Verlassen der Kirche alle Lichtquellen und Stromfresser auf einmal deaktivieren.

Abb.: Knapp 30 Beleuchtungsszenen sind hinterlegt – etwa für den Festgottesdienst, Heiligabend oder eine Kerzenandacht. Diese ruft die Mesnerin einfach mit einem Fingertipp auf dem iPad ab. Ulrich Beuttenmüller für Gira

Hell erstrahlen Schiff, Chor und Empore

Die alten Leuchten wurden durch zweireihige Pendelleuchten ersetzt und entsprechend des Kastenmusters in der Decke montiert. Die Deckenleuchten unterhalb der Empore sowie die Leuchten in den Windfängen wurden erhalten und umgearbeitet. »Insgesamt 29 verschiedene Beleuchtungsszenen habe ich für die Kirche in Abstimmung mit den Lichtplanern von Kreuz + Kreuz programmiert«, erzählt Ralf Schlotz. Für den normalen Sonntags- oder den feierlichen Festgottesdienst mit strahlender Beleuchtung, gedämpftem Licht für Heiligabend oder einen Kerzengottesdienst. Jede Leuchte bzw. Leuchtengruppe kann aber auch einzeln geregelt werden, fast alle Elemente sind dimmbar. Bedient wird über das Gira Interface auf dem iPad. Ausgewählte Funktionen aktiviert man über Gira Tastsensoren, etwa die Funktion »aus«, mit der das Licht in der gesamten Kirche gelöscht wird.

Sechzehn Ovalpendelleuchten sind mit jeweils vier breitstrahlenden Reflektoren mit dimmbaren High Power LEDs mit 25 W Leistung bestückt, die das Kirchenschiff gleichmäßig ausleuchten. Die großen ovalen Leuchtenkörper werden mit jeweils drei dimmbaren Kompaktleuchtstofflampen TC-L 36 W hinterleuchtet, die die Wandflächen und die hölzerne Kassettendecke erhellen. Die Leuchten hängen paarweise und gliedern den großen Luftraum des Kirchenschiffs. Sie sind messingfarbig lackiert und nehmen mit ihrer Lochung das Motiv der Wurzel Jesse aus dem Netzgewölbe der Marienkapelle auf. Die Bereiche vor dem Chorbogen und auf der Empore bei der Orgel, in denen sich die Kantorei aufstellt, werden mit Einbaustrahlern aus der Decke mit HCI-Bestückung beleuchtet. Zusätzlich werden diese Bereiche mit Richtstrahlern angestrahlt. Die Gewölbe in der Marienkapelle und im Chor werden mit Richtstrahlern mit HCI-Bestückung ausgeleuchtet. Die Strahler sind an Stromschienen oder in Technikstelen montiert. Dort sind auch dimmbare LED-Strahler montiert, die ihr Licht nach unten abgeben und Marienkapelle und Chorraum ausleuchten. Bestehende Deckenleuchten mit flachen Messingschalen unterhalb der Empore wurden aufgearbeitet und ergänzt. Ein mittig angeordneter Reflektor strahlt nach unten. Dimmbare Halogenglühlampen geben ein festliches Licht. Ein Kranz aus Lochblech, das wieder das gotische Motiv aus dem Netzgewölbe aufgreift, ist hinterleuchtet und hellt den Deckenbereich auf. Die Beleuchtung mit effizienten LEDs, Kompaktleuchtstoff-, Entladungs- und Halogen-Glühlampen ist mit einer Leistungsaufnahme von rund 9 W/m2 sehr wirtschaftlich.

Die Stadtkirche Schorndorf ist täglich geöffnet und wird dann mit der eigenen Lichtszene »offene Kirche« mit 1.280 W beleuchtet. Über das Tablet bzw. Smartphone der Mesnerin und die Gira HomeServer App lassen sich zudem Steckdosen ein- und ausschalten, beispielsweise im Außenbereich für besondere Aktionen. Separat passwortgeschützt sind die Freigaben für Motorzüge, mit denen eine Scheinwerfertrasse bewegt werden kann oder der Adventskranz aufgehängt wird. Auch Beamer und Leinwand lassen sich nur passwortgeschützt ausfahren. So ist sichergestellt, dass nur Befugte diese Funktionen nutzen.

Abb.: Die Stadtkirche Schorndorf ist täglich geöffnet und wird dann mit der eigenen Lichtszene »offene Kirche« beleuchtet. Ulrich Beuttenmüller für Gira
Abb.: Am Eingang »Brauttörle« ist das Gira Flächenschalterprogramm in der Sonderfarbe Messing installiert. Auch hier sind Lichtszenen hinterlegt, etwa für die Probe in der Kantorei. Ulrich Beuttenmüller für Gira, Kreuz + Kreuz

Weitere Informationen:

Bauherr: Evangelische Stadtkirchengemeinde Schorndorf
Architekten: treide architekten BDA, Schorndorf, www.treide-architekten.de
Lichtplanung und Leuchtenentwurf: Kreuz + Kreuz, Stuttgart, www.kreuzundkreuz.de
Leuchtenhersteller: Interferenz, Tönisvorst, www.interferenz.de; Lightnet, Köln, www.lightnet-group.com/de; Leuchten Busch, Menden, www.leuchten-busch.de
Elektroinstallation: Schlotz GmbH, Schorndorf www.schlotz-technik.de
Leuchtenhängung: Firma Gierss, Waiblingen, https://gierss.de
Gebäudetechnik: Gira Giersiepen GmbH & Co. KG, Radevormwald, www.gira.de
Fotos: Ulrich Beuttenmüller für Gira, Kreuz + Kreuz

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Licht 6 | 2019

Erschienen am 26. August 2019