Design
Licht 5 | 2020

»Licht ist für mich ein Element der Konstruktion«

Im Portrait: Architekt und Designer Vincent Van Duysen

Vincent Van Duysen ist ein international anerkannter, preisgekrönter Architekt und Designer aus Belgien. Zur diesjährigen Light + Building sollte sein neuer Leuchtenentwurf für Flos vorgestellt werden, »Infra-Structure Episode 2«. Das für Frankfurt geplante Interview konnte nun telefonisch nachgeholt werden, LICHT-Redakteurin Andrea Mende sprach mit dem Architekten.

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Abb.: »Infra-Structure Episode 1« wurde 2016 eingeführt. Das geradlinige, röhrenförmige System basiert auf der Magnet-Technologie von Flos und erlaubt ein frei kombinierbares und steuerbares Licht-Raster. Foto: Flos Flos

Vincent Van Duysen hat Architektur in Gent studiert, seine Karriere startete er in Mailand bei Aldo Cibic und Ettore Sottsass, den Gründern der postmodernen Bewegung »Memphis Milano«. Nach weiteren Erfahrungen in Antwerpen gründete er dort sein eigenes Büro, das heute aus einem etwa 25-köpfigen Team besteht. Er ist Art Director für Molteni&C und Dada aus Italien und entwirft Flagship-Stores und Ausstellungsflächen, darunter auch für Flos.

Seine Kooperation mit Flos begann 2016, mit dem Beleuchtungssystem »Infra-Structure Episode 1« und der Outdoor-Kollektion »Casting«. Bereits 2003 hatte sich der Architekt mit Lichtdesign beschäftigt, für Swarovski gestaltete er ein Kronleuchter-Objekt aus Kristallen, »Cascade«, später folgte die Installation »Frost«. Im Jahr 2020 präsentiert er nun mit Flos »Infra-Structure Episode 2«, die Weiterentwicklung des modularen Lichtsystems des italienischen Leuchtenherstellers, »Episode 1« (2016).

Abb.: Vincent Van Duysen arbeitet für internationale Marken, sein Portfolio reicht von Produktdesign bis hin zu großen architektonischen Projekten. Der Schwerpunkt liegt auf hochwertigen Privathäusern. Foto: Fred Debrock Fred Debrock
Abb.: »Infra-Structure Episode 2« beruht auf einer Schraubverbindung, die dreidimensionale Konstellationen mit direktem und indirektem Licht erlaubt. Das System verfügt über neue dekorative Lichtelemente. Foto: Flos Flos

LICHT: Herr Van Duysen, wie kam es zur Entwicklung von »Infra-Structure«?

Vincent Van Duysen: Als ich von Piero Gandini von Flos angesprochen wurde und sie mich baten, eine architektonische Beleuchtung zu entwerfen, hatte ich dieses große Erbe im Hintergrund. Ich bin Belgier, wir haben in unserem Land einen unglaublichen Bestand an Beleuchtungsentwicklern, Lichtplanern und Unternehmen mit großen Namen. Protagonisten und Avantgarde zugleich, ich spreche von einer Zeit vor bereits etwa 15 bis 20 Jahren. Es gab eine Menge Konzepte für nicht-sichtbares Licht – Schienen, sehr minimalistisch und pur. Das ist Teil meiner DNA. Diese Aufgabe für Flos beschrieb nun etwas ganz Gegenteiliges. Daher habe ich mich bewusst für ein sehr sichtbares, sehr strukturelles, sehr ehrlich aufgebautes Lichtsystem entschieden. Ich wollte die Lichtquelle nicht verstecken. So wurde die Lichtquelle zum Protagonisten des Systems, und das macht das Konzept so ausdrucksstark.

Abb.: Neu sind die Kegel-Pendelleuchten von »Infra-Structure Episode 2«. Sie bringen direktes Licht nach unten, die Lichtstäbe erhellen die Decke. Eine Lösung, die sich etwa für den Esstisch eignet. Foto: Flos Flos
Abb.: Eine weitere Neuheit ist das trapezförmige Linearmodul von »Infra-Structure Episode 2«. Es schirmt den opalen Diffusor ab, um das Licht ohne Blendung abzugeben, etwa auf eine Arbeitsfläche ausgerichtet. Foto: Flos Flos

LICHT: Was war Ihre Vision, »Infra-Structure Episode 1« auszubauen?

Vincent Van Duysen: »Infra-Structure Episode 1« ist ein System, mit dem man unendlich viele Kombinationen aus Lichtinstallationen aufbauen kann. Bei »Infra-Structure Episode 2« haben wir noch darüber hinausgedacht. Die Idee war, Lösungen für mehr Einzelkombinationen zu finden, die sich sowohl im privaten Umfeld als auch im Office- oder öffentlichen Bereich integrieren lassen. Wir haben auch neue Beleuchtungselemente hinzugefügt. Es geht bei »Episode 2« viel mehr um eigenständige Konfigurationen, die wir für den Nutzer entworfen und konzipiert haben.

LICHT: Die Konstruktion bei »Infra-Structure Episode 1« basiert auf einer magnetischen Verbindung, nun handelt es sich um ein Schraubsystem. Dadurch sind auch dreidimensionale Konstellationen möglich. Wie lange dauerte die Entwicklung und wie schwierig war sie?

Vincent Van Duysen:Wir haben zwei Jahre daran gearbeitet. Das Ziel war, aus einer minimalen Anzahl von Elementen ein Maximum an Flexibilität zu erhalten. Die Basis ist immer noch dieselbe, wir haben die vertikalen und horizontalen Linien, die als Netz miteinander verbunden sind und jene Elemente, mit denen endlos viele Kombinationen möglich sind. Das war das Hauptthema und eine große Herausforderung.

»Das Ziel war, aus einer minimalen Anzahl von Elementen ein Maximum an Flexibilität zu erhalten.«

LICHT: Wie könnte Ihr Entwurf für eine dekorative Leuchte aussehen?

Vincent Van Duysen: »Infra-Structure« gab es erst nur in Schwarz und später auch in Weiß. Das System ist sicherlich auch für eine häusliche Umgebung geeignet. Ich strebe immer nach zeitlosen Ikonen. Wenn es also darum geht, eine dekorative Leuchte zu entwerfen, sprechen wir von einer zeitlosen Ikone für ein Wohnzimmer. Das ist es, was mir im Moment für Flos vorschwebt.

Abb.: Vincent Van Duysens Skizze lässt die Basis von »Infra-Structure Episode 2« erahnen: aus einer überschaubaren Anzahl von Einzelelementen ein frei konfigurierbares, modulares Beleuchtungssystem zu generieren.

LICHT: Wie haben Sie zur Formensprache für »Infra-Structure« gefunden, was hat Sie inspiriert?

Vincent Van Duysen: Die Verbindung, die ich mit »Infra-Structure« und der Architektur sehe, ist eher mit dem Bauhaus verbunden. In der Moderne ging es um ehrliches, demokratisches Design, wenn man sieht, wie Form aus Funktion entsteht. »Infra-Structure« ist ein nicht eingebautes, sondern echtes, dreidimensionales und sichtbares System, bei dem Licht durch Rohre unter der Decke transportiert wird. Es schafft eine zweite dreidimensionale Schicht im Raum. Das ist für mich der wichtigste Aspekt des Konzepts von »Infra-Structure«.

»Die Verbindung, die ich mit Infra-Structure und der Architektur sehe, ist eher mit dem Bauhaus verbunden.«

LICHT: Als Menschen orientieren wir uns am natürlichen Licht, auch das künstliche Licht versucht, diesem immer näher zu kommen. Welche Art von natürlichem Licht spricht Sie am meisten an?

Vincent Van Duysen: Zu jedem Moment des Tages herrscht auch ein besonderes Licht. Jede dieser Lichtsituationen ruft eine bestimmte Stimmung hervor, wirkt emotional auf den Menschen, auch als nicht-sichtbares Licht. In all seinen Facetten beeinflusst das Licht unser Dasein. Was mir besonders gefällt ist der Ausdruck von diffusem Licht. Es wirkt kontemplativ, meditativ. Darauf lege ich sehr viel Wert bei meiner Arbeit. Ich achte immer auf die richtige Balance zwischen definierten Räumen, natürlichem Licht, das von außen hineinfällt und dem Einsatz von künstlichem Licht. Dem gebe ich in Form einer sehr sanften, subtilen Beleuchtung Ausdruck. »Infra-Structure« ist ein Konzept, bei dem ich das Licht begrenze. In jedem meiner Bau- und Wohnprojekte bin ich immer sehr maßvoll mit dem Einsatz von künstlichem Licht.

LICHT: Wie sehen Sie als Architekt und Designer das Licht im Raum, welche Aufgaben sollte es erfüllen?

Vincent Van Duysen: Licht ist für mich ein Element der Konstruktion. Es ist ein wesentlicher Teil des architektonischen Konzepts und hilft, den Raum zu gestalten. Ich sehe Licht als eine der vielen Schichten in der Architektur. Wir alle wissen, das Licht eine Quelle des Lebens ist. Ohne Licht existiert kein Leben. Und auch keine Architektur.

LICHT: Herr Van Duysen, vielen Dank für das Gespräch.

Abb.: Outdoor-Kollektion »Casting« für Flos besteht aus Leuchten in geradliniger T- oder abgerundeter C-Form, dargestellt in soliden Materialien wie extrudiertem Aluminium oder Beton. Foto: Tommaso Sartori TOMMASO SARTORI
Abb.: »Cascade« ist eine etwa 5 Meter hohe Kronleuchter-Installation, die für Swarovski entstanden ist. Im Film »Ocean's Thirteen« 2007 tauchte das imposante Lichtobjekt als Requisite auf. Foto: Swarovski Swarovski

Weitere Informationen:

Vincent van Duysen, www.vincentvanduysen.com

Flos, www.flos.com

Text und Interview: Andrea Mende, freie Redakteurin, Leipzig

Dieser Artikel ist erschienen in

Licht 5 | 2020

Erschienen am 25. Juni 2020