Technik
Licht 4 | 2020

Licht in der Pflege

Empfehlungen für mehr Akzeptanz dynamischer Lichtdecken

Licht ist für den Menschen lebensnotwendig und seine Gesundheit ist in komplexer Weise damit verknüpft. Besonders älteren Menschen fehlt oft der Zugang zu Tageslicht. Hier helfen Lichtdecken. Ein Pflegezentrum in der Schweiz zeigt, wie Pflegepersonal und Bewohner ihre Scheu davor verlieren.

Lesezeit: ca. 5 Minuten
Abb.: Gemeinsam mit dem Alters- und Pflegezentrum Alpsteeblick in der Schweiz hat die Hochschule Luzern Faktoren für die Akzeptanz dynamischer Lichtdecken untersucht und veröffentlicht. Foto: Licht@hlsu, Reto Häfliger Licht@hlsu, Reto Häfliger

Gerade jetzt, wo wir uns aufgrund von Covid-19 vermehrt in Innenräumen aufhalten, wird uns bewusst, wie sehr unser Körper das Bedürfnis nach dem natürlichen Licht der Sonne hat. Besonders an sonnigen Frühlingstagen, zieht es die Menschen Mitteleuropas nach draussen und es fällt schwer, sich dem zu widersetzen. Der Mensch hat sich unter dem natürlichen Licht der Sonne entwickelt, sein Körper hat sich während der Evolution entsprechend daran angepasst und braucht seine tägliche Lichtdosis. Im fortschreitenden Alter wird eine gute Versorgung mit Licht immer wichtiger. Die Linsen in den Augen trüben und verfärben sich, die Sehleistung nimmt ab und der Blick ist teils leicht gesenkt, sodass weniger Licht die Netzhaut der Augen erreicht. Gleichzeitig wird der Weg aus einem Gebäude ins Freie beschwerlicher. Die Mobilität ist stark reduziert. Sind Menschen auf Gehhilfen angewiesen werden Türschwellen zu grossen Hindernissen, die ohne fremde Hilfe kaum überwunden werden können. Dies führt dazu, dass sich ältere Menschen häufiger in Innenräumen aufhalten, obwohl das natürliche Licht der Sonne so wichtig für sie wäre.

Seit der Entdeckung der sogenannten intrinsisch fotosensitiven retinalen Ganglienzellen im menschlichen Auge im Jahr 20011, 2, versuchen Forscher, die nicht-visuellen Wirkungen von Licht besser zu verstehen. Regulierung des zirkadianen Rhythmus, Schlafqualität und Verarbeitung von Gedächtnisinhalten sind dabei wichtige Forschungsfelder. Zudem wurden Kunstlichtquellen entwickelt, die Menschen auch in Innenräumen mit dem »richtigen« Licht versorgen sollen. Solche Beleuchtungssysteme orientieren sich an der Dynamik des Tageslichts. Ein Ersatz für das Licht der Sonne sind solche Systeme zwar nicht, denn Beleuchtungsstärken, Leuchtdichten und spektrale Zusammensetzung von Kunst- und Tageslicht sind unterschiedlich. Jedoch können sie das Tageslicht sinnvoll ergänzen. Bei solchen »Tunable White«-Beleuchtungsanlagen, die üblicherweise mit warmweissen und kaltweissen LEDs bestückt sind (Abb. 2 und 4), können Farbtemperatur und Beleuchtungsstärke dynamisch verändert werden (Abb. 3). Die Komplexität bei der Umsetzung ist hoch, nicht nur was technische Aspekte betrifft. Für eine nachhaltige und akzeptierte Lösung sollte der Nutzer ins Zentrum gerückt werden.

Abb. 2: Spektrum einer warmweisser und einer kaltweissen LED. Quelle: Licht@hslu Licht@hslu
Abb. 3: Durch eine lineare Überblendung der warmweissen und kaltweissen LEDs entsteht ein Verlauf der Farbtemperatur. Quelle: Licht@hslu Licht@hslu

Abb. 4: Detailaufnahme von warmweissen und kaltweissen LEDs. Foto: Licht@hlsu, Reto Häfliger Licht@hlsu, Reto Häfliger

In Zusammenarbeit mit dem Alters- und Pflegezentrum Alpsteeblick in Appenzell in der Schweiz hat die Hochschule Luzern Faktoren für die Akzeptanz dynamischer Lichtdecken untersucht und in einem Erfahrungsbericht für die Age-Stiftung veröffentlicht. Die Stiftung fördert Wohn- und Betreuungsangebote fürs Älterwerden. Ausgangspunkt für das Projekt waren Unzulänglichkeiten mit dynamischen Lichtdecken im Neubau des Pflegezentrums und Meldungen von fehlender Akzeptanz vom Pflegepersonal und von den Bewohnern (Abb. 5). Das Projekt hat sich auf die Frage fokussiert, wie die Akzeptanz der Anlage im Pflegealltag verbessert werden kann. Die nicht-visuelle Wirkung von dynamischen Lichtdecken war nicht Teil dieser Untersuchung.
Abb. 5: Pflegestation mit dynamischer Lichtdecke und einem entfernten Element für Messungen auf dem Campus der Hochschule Luzern. Foto: Licht@hlsu, Reto Häfliger Licht@hlsu, Reto Häfliger

Information und Kommunikation erhöht die Akzeptanz

Folgendes sind einige der Empfehlungen: Zuallererst muss eine Beleuchtungsanlage einwandfrei funktionieren, um von den Nutzern als positiv wahrgenommen zu werden. Dabei spielen neben technischen Herausforderungen wie Steuerung und Bedienung auch Faktoren wie Information und Kommunikation eine grosse Rolle. Fehlt es der Beleuchtung an Akzeptanz, können die möglichen positiven Effekte von Kunstlicht gar nicht erst zum Tragen kommen.

Zwingend ist auch ein klares Verständnis der Situation vor Ort. Welche Räume werden von wem wann genutzt? Wie gestaltet sich der Pflegealltag? Um welche Uhrzeit stehen die Bewohner in den unterschiedlichen Wohngruppen auf? Was sind Besonderheiten im Haus? Welche Zugänge nach draussen haben die Bewohner? Ein vorgefertigtes Konzept, das für alle Situationen passt, gibt es nicht. Information und Kommunikation hat dabei denselben Stellenwert wie die technische Installation. Das Pflegepersonal muss verstehen, welcher dynamische Kurvenverlauf hinterlegt ist und welchen Zweck dieser verfolgt. Sie sollen sich informiert und nicht ausgeliefert fühlen, ein wichtiger Aspekt in Bezug auf die Akzeptanz. Das Pflegepersonal muss in der Lage sein, den Angehörigen der Bewohner Sinn und Zweck einer solchen Beleuchtungsanlage einfach zu erklären. Es empfiehlt sich, sie dabei mit einer guten Dokumentation zu unterstützen. Auch sollte klar dokumentiert sein, welche Personen die Verantwortung für die dynamische Beleuchtung haben und bei Fragen kontaktiert werden können.

Erste Verbesserungen mit positiver Resonanz

Einige der im Rahmen des Projekts erarbeiteten Vorschläge zur Verbesserung der Akzeptanz wurden bereits vom Pflegezentrum umgesetzt, zum Beispiel die Nachtszenen. Bei Inbetriebnahme wurden die Lichtdecken mit denselben hohen Beleuchtungsstärken in der Nacht wie am Tag betrieben (1.500 bis 2.000 Lux). Dies erschwerte für die an Demenz erkrankten Bewohner eine Unterscheidung von Tag und Nacht. Auch bei einer dynamischen Beleuchtung ist es wichtig, nicht nur dem Licht, sondern auch der Dunkelheit Beachtung zu schenken. Dunkelheit in der Nacht ist mindestens genauso wichtig wie das »richtige« Licht am Tag. Dies sollte in einem Beleuchtungskonzept berücksichtigt werden. Der Teamleiter Pflege sagt dazu: »Die Nachtszenen, wobei nur ein Element der dynamischen Lichtdecke leuchtet, sind in den Aufenthaltsräumen vollzogen und stossen auf breite Zustimmung.« Auch Markus Bittmann, Vorsitzender der Geschäftsleitung, zieht ein positives Fazit zum abgeschlossenen Projekt: »Wir waren mit dem Ergebnis sehr zufrieden und konnten viel lernen. Die Unterstützung der Hochschule Luzern war sehr professionell und die Zusammenarbeit äusserst angenehm.«

Mehr Informationen zum Projekt und Praxisempfehlungen für die erfolgreiche Umsetzung von dynamischen Beleuchtungsanlagen, können dem Erfahrungsbericht »Licht und Kommunikation in der Pflege: Planung und Betrieb dynamischer Lichtdecken«3 entnommen werden, den die Age-Stiftung auf ihrer Webseite kostenlos anbietet.

1K. Thapan, J. Arendt and D. J. Skene, »Rapid Report: An action spectrum for melatonin suppression: evidence for a novel non-rod, non-cone photoreceptor system in humans« Journal of Physiology, no. 535.1, pp. 261–267, 2001.

2G. C. Brainard et al., »Action Spectrum for Melatonin Regulation in Humans: Evidence for a Novel Circadian Photoreceptor” The Journal of Neuroscience, vol. 21, no. 16, pp. 6405–6412, 2001.

3Häfliger, Reto; Schrader, Björn & Stampfli, Janine (2019). »Licht und Kommunikation in der Pflege: Planung und Betrieb dynamischer Lichtdecken«, Pflegezentrum Appenzell/AGE-Stiftung, https://li.rpv.media/na

Dieser Artikel ist erschienen in

Licht 4 | 2020

Erschienen am 25. Mai 2020