Planung
Licht 9 | 2020

»Leidenschaft für Licht und Menschen«

Interview mit Mario Dreismann, CEO bei WE-EF

Im 70. Jubiläumsjahr von WE-EF hat Stephan Fritzsche nach 34 Berufsjahren im Familienunternehmen den Geschäftsführungsstab weitergegeben. Was seinen Nachfolger Mario Dreismann bewegt und wie seine Pläne für das Unternehmen aussehen – darüber spricht der 44 Jahre alte Betriebswirt, der bereits viel Führungserfahrung in der Licht- und Bautechnikbranche mitbringt, im Interview.

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Abb.: Im 70. Jubiläumsjahr von WE-EF gibt es einen Führungswechsel bei WE-EF. Über die Zukunft des Unternehmens spricht der neue CEO Mario Dreismann im Interview. WE-EF

Herr Dreismann, seit Juni sind Sie bei WE-EF, seit Oktober tragen Sie die volle Verantwortung als neuer CEO der WE-EF Group. Was war ihr erster Eindruck vom Unternehmen?

Mario Dreismann: Ich habe ein gut aufgestelltes Unternehmen mit starker Marke und guter Marktposition vorgefunden. Die Herausforderung liegt darin, den Generationenübergang zu meistern und die Gruppe unter dem Dach von Fagerhult neu und schlagkräftig zu strukturieren. Es geht darum, die Gesellschaften und Standorte der WE-EF Gruppe nicht nur rechtlich zu vereinheitlichen, sondern auch die relativ separaten Einheiten in ein transparent kommunizierendes, internationales Netzwerk zu verwandeln.

Abb.: Mario Dreismann ist neuer CEO bei WE-EF und hat große Pläne für das Unternehmen. Unter seiner Führung soll die Marke weltweit führend für Außenlicht werden. WE-EF

Was hat Sie besonders beeindruckt?

Mario Dreismann: Sehr beeindruckt hat mich, wie souverän WE-EF den Wandel zur LED-Technik gemeistert hat. Die Produktqualität ist fantastisch, die Produktion ist tief integriert. Wer leistet sich heute noch eine eigene Gießerei, eigenen Werkzeugbau, Entwicklung, Zertifizierung, Labor und so weiter? Die ganze Kompetenz haben wir im Haus. Wir haben wunderbare Mitarbeiter, die brennen mit Leidenschaft für Außenbeleuchtung. Wir haben ungewöhnlich lange Betriebszugehörigkeiten. Das heißt aber auch, dass wir ein relativ hohes Durchschnittsalter haben und uns in den nächsten Jahren intensiv um Nachfolgen kümmern müssen. Es gilt, das Wissen der scheidenden Mitarbeiter zu transferieren, zugleich bringen junge Kräfte eine Chance auf Veränderung und neue Ideen mit. Als ›Gen-3‹, als dritte Generation nach dem Gründer Wolfgang Fritzsche und seinen Söhnen Thomas und Stephan Fritzsche, die WE-EF zur globalen Marke gemacht haben, sehe ich meine Aufgabe als angestellter Manager darin, die Gruppe international enger zu vernetzen, Märkte auszubauen, innovativ zu bleiben und Synergien innerhalb der Fagerhult Gruppe zu erschließen.

Gibt es aus der Holding Vorgaben, wie sich WE-EF positionieren soll?

Mario Dreismann: WE-EF ist bereits gut und klar positioniert. Es ist eine Kernkompetenz von Fagerhult als strategischer Holding, Marken auf dem Weg vom eigentümergeführten Unternehmen zum Fremdmanagement zu begleiten. Dabei können die einzelnen Marken weiterhin sehr eigenständig am Markt agieren. Die Alleinstellung von WE-EF, auch innerhalb des Fagerhult-Portfolios, sehe ich darin, dass wir einen sehr guten Draht zu den Entscheidern im Bereich der Citybeleuchtung, Städte und Gemeinden sowie zu den Lichtplanern haben und dass wir extrem stark bei Sonderanfertigungen sind. Häufig finden wir in Großprojekten 90 Prozent Standardprodukte, aber 10 Prozent Sonderanfertigungen entscheiden über den Zuschlag. Hier sind wir mit unseren mittelständischen Strukturen flexibler als Anbieter, die im größeren Maßstab vor allem kostenorientiert produzieren. Aber auch bei Standardprodukten bieten wir eine enorme Auswahl, einfach dadurch, dass für jedes Produkt verschiedene Baugrößen, mehrere Lichtverteilungen und Lichtfarben sowie 40 Standard-Gehäusefarben verfügbar sind: So kommen wir ganz schnell auf 2.000 Varianten, die wir auftragsorientiert in kurzer Zeit und geringer Losgröße fertigen können. Das ist eine große Stärke. Synergien innerhalb der Fagerhult-Gruppe können sich in der Wertschöpfungskette ergeben, zum Beispiel ließen sich unsere Gießereien mit Aufträgen aus der Gruppe immer optimal auslasten.

Abb.: ((Bitte Bildunterschrift ergänzen)) WE-EF
Abb.: ((Bitte Bildunterschrift ergänzen)) WE-EF
Abb.: ((Bitte Bildunterschrift ergänzen)) WE-EF

Sind auch gemeinsame Auftritte denkbar, zum Beispiel auf Messen?

Mario Dreismann: Aktuell stellt sich durch Corona die Frage, wie Messen überhaupt zukünftig aussehen und welche Relevanz sie haben werden. Ich bin ein großer Freund von Messen, aber ihre Zukunft ist ungewiss. Gleichzeitig informieren sich junge Leute mehr und mehr über die digitalen Medien. Ich befürchte, ein Teil des Messe- und Business-Travel-Geschäfts wird nicht zurückkommen. Wie auch immer neue Formen der Kommunikation aussehen werden, gemeinsame Aktivitäten oder Auftritte der Fagerhult-Marken kann ich mir durchaus vorstellen.

Welche Ziele haben Sie sich für WE-EF gesetzt?

Mario Dreismann: Wir wollen zu den weltweit führenden Marken für Außenlicht gehören und organisch wachsen. Die Wahl als neuer CEO fiel nicht zuletzt auf mich, um nach einer etwas konservativen Phase der Orientierung auf Ingenieurswerte Themen wie Business Development, Marketing und Vertrieb wieder zu forcieren. Ich sehe zum Beispiel Chancen in Anwendungsbereichen wie ›Around the Building‹, aber auch bei den Bodeneinbauleuchten, und möchte Zielgruppen wie Garten- und Landschaftsplaner oder Architekten stärker ansprechen. International gibt es Diskrepanzen zwischen Märkten, etwa Frankreich, wo wir sehr stark sind, und Spanien, wo wir kaum präsent sind – obwohl diese Märkte eigentlich viele Gemeinsamkeiten haben. Um zu wachsen, werden wir außerdem Strukturen schaffen, um globale Projekte erfolgreich umzusetzen, wenn beispielsweise ein amerikanischer Planer für Bauherren im arabischen Raum arbeitet. Hier fehlten in der Vergangenheit die Anreize, in der Gruppe entsprechend zusammenzuarbeiten. Die Voraussetzungen mit Produkten, die auf dem ganzen Globus zertifiziert und lieferbar sind, sind ja geschaffen.

Welche Rolle spielen Themen wie Steuerung und Digitalisierung in der Produktstrategie von WE-EF?

Mario Dreismann: Das sind wichtige Themen, sie stellen aber keine vergleichbare Umwälzung dar wie zuvor die LED-Technik. Wir beschäftigen uns intensiv mit Vernetzung und Steuerung, unsere Kernkompetenz bleibt dabei die Leuchte. Die rüsten wir mit Schnittstellen aus, um unterschiedlichste Technologien einzubinden und in unser Design zu integrieren. Wir befürworten offene Plattformen gegenüber proprietären Lösungen. Auch hier bietet die Zugehörigkeit zur Fagerhult-Gruppe große Vorteile, weil wir dort globale Kompetenzzentren nutzen können und nicht alles selbst erarbeiten müssen.

Wie digital ist WE-EF heute schon?

Mario Dreismann: Ich verstehe Digitalisierung vor allem als Werkzeug. Unsere Leuchten sind steuerbar, unsere Mitarbeiter machen Videokonferenzen. Die Kollegen in Frankreich arbeiten bereits mit VR-Technologie, um öffentlichen Auftraggebern ohne aufwendige Bemusterungen, sondern einfach mit einem digitalen Modell und der VR-Brille verschiedene Planungsszenarien zeigen zu können. Solche erfolgreichen Ansätze möchte ich noch viel schneller in der gesamten Gruppe verbreiten. Wir müssen uns kontinuierlich fragen, wo wir digitale Tools und Methoden einsetzen können – aber das unterscheidet uns nicht von anderen Unternehmen. Wo sich WE-EF wirklich absetzt, ist die Nachhaltigkeit.

Was macht WE-EF nachhaltiger als andere?

Mario Dreismann: Nachhaltigkeit gehört in der ganzen Fagerhult-Gruppe zur Corporate Mission. Für uns bei WE-EF bedeutet das zum Beispiel, dass unsere Produkte nicht nur äußerst energieeffizient sind, sondern auch langlebig – mit Investitionszyklen von bis zu drei Jahrzehnten. Die Materialien lassen sich recyceln, die Leuchten sind wartungsfreundlich und modular aufgebaut, es sind keine Wegwerfprodukte. Wir haben für bestimmte Produkte EPDs, also Ökobilanzen erstellt. Wenn Sie WE-EF in Frankreich besuchen, sehen Sie Bienenstöcke auf dem Firmengelände, Sie sehen eine E-Fahrzeugflotte. Auch der Umgang mit Human Resources ist von Nachhaltigkeit geprägt: Mitarbeiterbindung, Weiterqualifikation, Ausbildung.

Ein Faktor, der angesichts des Fachkräftemangels an Bedeutung gewinnt.

Mario Dreismann: Die Menschen, die Mitarbeiter spielen eine Schlüsselrolle bei WE-EF. Das war in der Vergangenheit so und wir wollen das zukünftig noch ausbauen. Wir können zum Beispiel innerhalb der Gruppe Mitarbeitern die Gelegenheit geben, Erfahrungen im Ausland oder in anderen Geschäftsbereichen zu sammeln. Das gab es natürlich auch schon früher, aber wir wollen es institutionalisieren. Ich empfinde eine Leidenschaft für Licht und Menschen und bin davon überzeugt, dass wir mit einem möglichst bunten, vielfältigen Team am meisten erreichen können. Mir gefällt bei WE-EF dieser Spirit, der Begeisterung fürs Produkt und seine Anwendung mit einer sehr unternehmerischen Kultur und viel Bodenständigkeit zusammenbringt.

Wo finden Sie persönlich Inspiration?

Mario Dreismann: Mich inspiriert, wenn die Augen der Menschen, mit denen ich zusammenarbeite, anfangen zu leuchten. Ob das beim gemeinsamen Weiterentwickeln der Website im Marketing ist oder bei Gesprächen mit Vertriebsleuten aus Australien. Mich motiviert es auch sehr zu erleben, wie sich manche Dinge, die ich vor Jahren anderswo angestoßen habe und in der Zwischenzeit auch loslassen musste, zum Erfolg entwickeln. Für einen Kopfmenschen wie mich ist es schön, immer mehr Zutrauen zu seiner Intuition fassen zu können.

Was sind aus Ihrer Sicht die größten Herausforderungen für die Leuchtenbranche insgesamt?

Mario Dreismann: Ich sehe eine große Gefahr darin, dass im stark preisorientierten Wettbewerb die Qualität und der Wert des Lichts verloren gehen. Die Branche sollte sich um die Wertschätzung guter Beleuchtung im Markt bemühen. Lichtplaner sind natürlich qualitätsbewusst, doch so manchem Endanwender und selbst einigen Architekten fehlt das Gespür, worauf es bei Beleuchtung wirklich ankommt. In Relation zu den Gesamtkosten eines Gebäudes ist die Kostendifferenz zwischen guter und schlechter Beleuchtung eigentlich marginal – dabei ist Licht prägend für die Umgebung! Standardprodukte können überall auf der Welt hergestellt werden, ich denke, die europäische Leuchtenindustrie muss sich deshalb auf ihre besonderen Qualitäten und ihre entsprechenden Nischen im Markt konzentrieren. Hier sehe ich für WE-EF als unabhängig geführte Marke innerhalb einer starken Unternehmensgruppe noch viel Potenzial.

Weitere Informationen:

Quelle und Fotos: WE-EF LEUCHTEN GmbH, Bispingen, www.we-ef.com

Dieser Artikel ist erschienen in

Licht 9 | 2020

Erschienen am 25. November 2020