Planung
Licht 4 | 2021

Lässiges Understatement

Das Restaurant »Tre de tutto« in Rom

Im Süden Roms liegt das Viertel Garbatella, es gilt als eines der ursprünglichsten Gebiete der Stadt. Hier entstand im Januar 2021 das Restaurant »Tre de tutto«. Studiotamat aus Rom übernahm die Neugestaltung der historischen Räume, die markante Architekturelemente mit zeitgenössischem Design und einer minimalistischen Lichtplanung verbindet.

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Abb.: Das »Tre de tutto« empfängt seine Gäste mit der LED-Leuchtschrift: »Quanto é Bella Garbatella«, was »Wie schön ist Garbatella« bedeutet. In diesem Viertel im Süden von Rom befindet sich das Restaurant. Seven H. Zhang

Roms Stadtteil Garbatella entwickelte sich in den 1920er-Jahren als soziales Wohnprojekt. Damals noch Vorort von Rom, sollten hier Unterkünfte für Arbeiter des geplanten Hafen-Bauprojekts von Ostia entstehen. Das Viertel veränderte sich im Lauf der Zeit, heute ist Garbatella ein belebter und urbaner Stadtteil mit Patina und einem etwas maroden Charme, das auch schon häufiger als Filmkulisse diente.

Abb.: Der Bartresen im Erdgeschoss wird nur von linearen LED-Röhren beleuchtet, die sowohl horizontal als auch vertikal aufgehängt sind. Die marmorierte Verkleidung nimmt die Farben der Einrichtung wieder auf. Seven H. Zhang
Abb.: Schlichte LED-Röhren beleuchten die Sitz- und Lounge-Ecken im Erdgeschoss. Die unverputzten Wände sollen den ursprünglichen Charakter des Gebäudes deutlich machen. Blaue Fliesen setzen einen auffälligen Akzent. Seven H. Zhang

Der Tradition verbunden

In den Räumen einer ehemaligen Bäckerei fanden die Besitzer Mirko Tommasi und Daniele Notte die ideale Fläche für ihr Restaurant »Tre de tutto«. Mit ihrer Küche interpretieren sie Klassiker der römischen Küche neu und lassen sich dabei von den Wurzeln Garbatellas inspirieren. »Tre de tutto« sollte auch durch seine innenarchitektonische Gestaltung die Kultur des Ortes spürbar machen und das authentische Gefühl einer lokalen Bar vermitteln, als ein zwangloser Treffpunkt für alle.

Die Räumlichkeiten standen schon über einige Jahre leer, als sich Mirko Tommasi und Daniele Notte für die Renovierung fachliche Unterstützung bei Studiotamat holten. Das Architektur- und Designstudio aus Rom wurde 2014 von Tommaso Amato, Matteo Soddu und Valentina Paiola gegründet. Das Team beschäftigt sich vor allem mit Projekten im Bereich Architektur, Innendesign, Ausstellungen und Einzelhandel. Für die Entwicklung von Beleuchtungskonzepten wie für das »Tre de tutto« arbeiten sie mit dem römischen Lichtdesigner Fabio Silvestris zusammen.

Abb.: Da die Decken im Restaurant recht hoch sind, wurden die drei Kugelleuchten im Erdgeschoss in einer markanten Linienführung abgependelt. Runde und lineare Formen prägen die gesamte Struktur des Raumes. Seven H. Zhang

Die Architektur

Um die etwas geneigte Lage des Hauses auszugleichen, ist das »Tre de tutto« mit seinen insgesamt 120 Quadratmetern auf zwei Ebenen verteilt. Das Erdgeschoss ist geprägt von einem dreieckigen Grundriss, eine Stütze dominiert die Mitte des Raumes und unterteilt ihn. Hier befinden sich der Tresen und ein paar Sitzgelegenheiten. Diese Fläche ist fürs Frühstück und die Aperitif-Zeit reserviert, außerdem gibt es einen kleinen Loungebereich. In der Etage darunter befinden sich die Küche, zwei weitere Räume für den Restaurantbetrieb sowie für Lager und Service. Eine Treppe verbindet beide Etagen miteinander, die jeweils über einen eigenen Eingang verfügen.

Die Innengestaltung

In der Auswahl der Materialien zeigt sich die Einrichtung bewusst schlicht und zurückhaltend. Im Erdgeschoss sind die Wände auf einer Höhe von 1,50 Meter mit blauen Majolika-Fliesen belegt, der Rest der Fläche zeigt sich im unbehandelten Originalzustand. Unter einer klaren Schutzschicht sind alle Löcher, Schriftzüge oder schadhaften Stellen sichtbar. Der alte Bodenbelag wurde durch gegossenen Beton mit einer Versiegelung aus transparentem Harz ersetzt. Für die Stühle und Tische wurden recycelte Materialien verwendet, darunter Eisen. Die Fertigung der Möbel und Einbauten übernahmen lokale Handwerker. Dieser Bezug zur Region und ihrer Geschichte war den Inhabern von »Tre de tutto« sehr wichtig. Die eher schmucklosen Wände und Böden nehmen Bezug auf den Ursprung des Viertels, den Sozialbau der 1920er-Jahre. Gleichzeitig steht diesen bestehenden, neutralen Tönen eine neue und dynamische Farbpalette entgegen, die die Lebendigkeit des heutigen Garbatella widerspiegelt. Intensiv leuchtendes Blau, Koralle und Gelb setzen kräftige Akzente, die von Sabina Guidotti entwickelt wurden. Studiotamat verbindet so den einerseits rauen Charakter mit sehr punktuell eingesetzten, zeitgenössischen Designelementen, um daraus eine moderne und einladende Atmosphäre entstehen zu lassen.

Abb.: Im unteren Geschoss ist die Decke etwas niedriger, hier übernimmt eine streng lineare Pendelleuchte aus Aluminium die funktionale Beleuchtung der Esstische. Ein opaler Diffusor streut gleichmäßig das Licht. Seven H. Zhang
Abb.: Auch die untere Etage verfügt über einen separaten Zugang. Er wird durch eine gelbe Treppe betont. Die Beleuchtung übernimmt ein röhrenförmiger Deckenstrahler, der sie abends wie eine Installation illuminiert. Seven H. Zhang

Das Lichtkonzept

»Wir verlassen uns bei unseren Projekten immer auf Fabio Silvestris«, sagt Matteo Soddu, Mitbegründer von Studiotamat. »Wir denken, dass die Beleuchtung ein sehr wichtiger Aspekt ist, vor allem, um Räume besser zu definieren.« In Zusammenarbeit mit dem Lichtdesigner hat Studiotamat das Konzept für »Tre de tutto« entwickelt. »Der Grundriss dieses Restaurants ist sehr speziell, es gibt keine regelmäßigen oder gar Standard-Winkel. Wir wollten diese Charakteristik durch die Wahl der Leuchten unterstreichen«, so Matteo Soddu.

Im Erdgeschoss sind drei abgependelte Kugelleuchten exakt über drei Tische angebracht. Da die Decke recht hoch ist, schlug Fabio Silvestris eine Abhängung vor, die markante Konturen in den Raum zeichnet und so die Sitzplätze zusätzlich betont. Der lokale Bezug spielt auch in der Beleuchtung eine bedeutende Rolle. »Das gesamte Licht besteht aus LED-Leuchten, die alle für dieses Projekt von Handwerkern aus dem Viertel La Garbatella hergestellt wurden«, erklärt Matteo Soddu. Das Design bleibt dabei klar und präsentiert sich rein geometrisch, in Form von Kreisen und Linien.

Im Erdgeschoss tritt die Theke hervor. Sie ist mit marmorierten Keramikplatten verkleidet und mit zwei transparent lackierten Eisenplatten bedeckt. Das Licht besteht hier ausschließlich aus LED-Röhren. Horizontal aufgehängt, beleuchten sie den Bartresen und den Eingangsbereich. Die vertikal platzierten LED-Röhren streuen das Licht in den Raum und illuminieren auch die Sitz- und Lounge-Ecken.

Eine LED-Leuchtschrift am Eingang empfängt jeden Gast schon beim Hereinkommen und bildet den absoluten Blickfang im »Tre de tutto«. Die Botschaft ist eindeutig und eine Hommage an das Viertel: »Quanto é Bella Garbatella«, was übersetzt bedeutet »Wie schön ist Garbatella.« Der Schriftzug war eine Idee der Restaurantbesitzer und ist für sie extra in einem auffälligen Pink angefertigt worden.

Die darunter liegende Etage zeigt etwas abweichende Designelemente. Hier sind die Wände hellblau gestrichen und zum Teil mit einer grafischen Tapete verkleidet. Möblierung und Beleuchtung ähneln der oberen Ebene. Auch hier tauchen die abgependelten Kugelleuchten wieder auf. Anstelle der LED-Röhren setzte Studiotamat über einem der länglichen Essplätze eine sehr funktionale Pendelleuchte ein. Das Linearsystem besteht aus Aluminium und verfügt über einen opalen Diffusor. Dieser untere Bereich des Restaurants besitzt einen eigenen Zugang zur Straße, er wird im Innenraum durch eine gelbe Treppe mit perforierten Blechpaneelen hervorgehoben. »Wir wollten ein starkes architektonisches Element«, sagt Matteo Soddu. »Die Farbe wurde von Sabina Guidotti ausgewählt, der Farbberaterin für das gesamte Projekt.« Ein röhrenförmiger Deckenstrahler ist auf die Stufen ausgerichtet. »Die Treppe wird nur abends mit einem Spot beleuchtet, um sie wie eine Installation zu betonen«, so Matteo Soddu von Studiotamat.

Das Beleuchtungskonzept des »Tre de tutto« beruht auf einer extrem reduzierten Formensprache, die die Architektur mit all ihrer Historie uneingeschränkt wirken lässt. Gleichzeitig bildet es die Kulisse für ein ebenso zeitloses wie zeitgemäßes Design, das seinen Ursprung in Garbatella findet – und eigens dafür gemacht wurde.

Abb.: Das Restaurant »Tre de tutto« liegt im römischen Stadtteil Garbatella. Das Viertel entstand in den 1920er-Jahren als soziales Wohnprojekt. Heute ist es bekannt für seinen lebendigen und unverfälschten Charme. Seven H. Zhang

Weitere Informationen:

Projekt: Restaurant Tre de tutto, www.tredetuttogarbatella.it

Architektur & Design: Studiotamat, www.studiotamat.com

Lichtdesign: Studiotamat, Fabio Silvestris

Farbkonzept: Sabina Guidotti

Fotos: Seven H. Zhang

Autorin: Andrea Mende, freie Redakteurin, Leipzig

Dieser Artikel ist erschienen in

Licht 4 | 2021

Erschienen am 25. Mai 2021