Planung
Licht 2 | 2021

Kreative Lichtkomposition

Leuchtende Waben bei der EVF Göppingen

Gläsern und offen – so zeigt sich das neue Kundenzentrum der Energieversorgung Filstal (EVF) den Besuchern neuerdings. Neben der klaren, reduzierten Formensprache mit bewusst ausgesuchten Materialien prägen auch zwei Gestaltungselemente den Innenraum: die skulptural geformte Treppe und ein innovatives Lichtsystem, das wabenartig den Luftraum füllt.

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Abb.: Gleich zwei Skulpturen prägen das sonst eher ruhig gehaltene Interieur – die geschwungene Treppenskulptur und die Lichtskulptur »Favo«. Joachim Grothus

Seit über 150 Jahren ist die Energieversorgung Filstal (EVF) kompetenter und zertifizierter Dienstleister in Sachen Gas, Energie und Wasser. Mittlerweile zählt die EVF zu den zehn größten Energieversorgern in Baden-Württemberg. Im März 2020 eröffnete das neue Kundenzentrum, das das Unternehmen als modernen Dienstleister präsentieren soll. »Die EVF stellt sich auf die vielfältigen Anforderungen an einen modernen Energieversorger ein. Mit der modernen, hellen, lichtdurchfluteten Gestaltung wollen wir unserem Kundenzentrum nicht nur ein zeitgemäßes Flair verleihen, sondern die EVF auch symbolisch ›noch kundennäher‹ nach außen präsentieren«, freut sich Dr. Martin Bernhart, Geschäftsführer der EVF.

Abb.: Im März 2020 eröffnete das neue Kundenzentrum der EVF. Der gläserne Kubus, entworfen von blocher partners, wirkt auf Kunden und Mitarbeiter offen und einladend. Joachim Grothus
Abb.: Die drei Spots leuchten mit einem Abstrahlwinkel von je 18°, angeordnet mit 30° Neigung in gegenläufige Richtungen. Eine weitere Linse auf der Oberseite ermöglicht zuschaltbares, indirektes Licht. Joachim Grothus

Klare Kante

Das Architekturbüro blocher partners stellte den umliegenden, eher bodenständig wirkenden Gebäuden der EVF einen Glaskubus gegenüber, der Kunden und Mitarbeitern mehr Offenheit und Transparenz demonstrieren soll. Das neue Verwaltungsgebäude vereint ein einladendes Kundenzentrum mit Ausstellungsfläche, eine Lehrküche sowie Arbeitsplätze nach dem New-Work-Prinzip. Das Ergebnis sind Aufenthalts- und Arbeitsqualitäten auf höchstem Niveau.

Die klare, kubische Struktur des Gebäudes und von Sichtbeton geprägte Flächen im Innern stehen im Kontrast zu weichen Formen wie runden Sitznischen und Countern und zu warmen Materialien, wie punktuell eingesetztes Holz. Das offen gestaltete Erdgeschoss soll die EVF als Dienstleister und Gastgeber für Kunden präsentieren. Neben den Countern finden sich deshalb Rückzugsräume, in denen durch Farb- und Formgebung der Materialien und Möbel eine vertrauliche Form geschaffen wurde. Die Showküche im ersten Stockwerk lädt Kunden zum Mitmachen und Netzwerken ein. Die dort regelmäßig stattfindenden Kochkurse unterstreichen die Nähe des Unternehmens und bieten ein konkretes Anwendungsfeld des Energieversorgers, der Strom und Gas als Lebensqualität versteht.

Abb.: Die Leuchtenköpfe bestehen entweder aus einem Typ mit zwei Armen für den Randbereich oder einem mit drei Armen für die mittleren Verbindungen. Joachim Grothus
Abb.: Runde Sitznischen und Counter mit warmen Holztönen und Stoffen bieten Rückzugsräume und stehen im Kontrast zum kühlen Sichtbeton und der geradlinigen Architektur. Joachim Grothus

Raumprägende Lichtstruktur

Raumprägendes Gestaltungselement ist die Treppenskulptur, die das Erdgeschoss mit dem 1. Obergeschoss schwungvoll verbindet. Ein mit gelasertem Stahlblech versehener Kern bringt die Werte der EVF – Stärke, Qualität und Verlässlichkeit – zum Ausdruck. Nicht weniger skulptural zeigt sich das innovative Lichtsystem, das in drei Ebenen angeordnet wurde. Im Eingangsbereich des Büro- und Ausstellungsgebäudes schafft das Lichtsystem »FAVO THE LIGHT NET« eine harmonische Strukturierung, ohne dominant zu wirken und verbindet ebenfalls das Erd- mit dem Obergeschoss. Das modulare System besteht aus wabenförmigen Strukturen, deren einzelne Waben 800 x 693 mm messen. Der Name »Favo« kommt nicht von ungefähr, denn das Wort bedeutet im Italienischen »Wabe«.

Die Leuchtenköpfe bzw. Knotenpunkte werden spielend einfach ineinandergesteckt und stellen im Grunde ein endloses System zur kreativen Lichtinszenierung dar. Jeder Leuchtenkopf besitzt drei Spots für die direkte Beleuchtung und einen kleinen Spot für indirektes Licht (3 x 200 lm direkte Beleuchtung und 1 x 40 lm indirekt). Die drei Spots sind ausgestattet mit Linsentechnik und leuchten mit einem Abstrahlwinkel von je 18°, angeordnet mit 30°-Neigung in gegenläufige Richtungen. Eine weitere Linse auf der Oberseite des Knotenpunkts ermöglicht zuschaltbares, indirektes Licht. Modernste, effiziente LED-Technik mit 640 Lumen Gesamtlichtstrom schafft eine akzentuierte oder flächige Beleuchtung. Jeder Spot lässt sich über das Sattler Web Interface via Bluetooth individuell ansteuern, schalten und dimmen bzw. lassen sich komplette Lichtszenarien einzeln abspeichern.

Hinter dem ausgeklügelten Lichtsystem der »Favo« steckt innovatives Know-how aus dem Schwabenland. Das Unternehmen Sattler, auch international bekannt für seine großformatigen Sonderleuchten, entwickelte und fertigte das Lichtsystem in den eigenen Produktionsstätten. Für das Konzept und Design der Leuchte waren Alexander Rybol, Head of Product Design, und Jürgen Gaiser, Executive Board Interior/Product Design, beide blocher partners, verantwortlich. Gelauncht wurde das Lichtsystem auf der Light + Building 2018.

Abb.: Das modulare Lichtsystem passt sich perfekt der Architektur an. Ob konzentrierte Spotbeleuchtung oder allgemeines Raumlicht – es stehen völlig neue Möglichkeiten der Lichtkomposition offen. Joachim Grothus

Herausforderung Planung und Montage

Im Ausstellungsraum des EVF werden 13,3 m2 Fläche mit 110 Leuchtenköpfen zu je 5 bis 6 W (ca. 660W) illuminiert – aufgeteilt in drei Ebenen mit 55, 26 und 29 Leuchtenköpfen. Alle Spots lassen sich einzeln ansteuern. Die Ausstellungsfläche im Erdgeschoss kann so durch die einzeln steuerbaren Leuchtenköpfe flexibel beleuchtet werden. Ob konzentrierte Spotbeleuchtung auf ausgesuchte Objekte oder allgemeines Raumlicht – es stehen völlig neue Möglichkeiten mit Hell und Dunkel zu komponieren zur Verfügung.

Die Montage und Programmierung bei EVF erfolgte durch das eigene Montageteam von Sattler, das sich zunächst einigen Herausforderungen gegenübersah. Denn zum einen sollte so wenig wie möglich an den Betondecken sichtbar installiert werden. »Daher mussten wir bereits frühzeitig in die Planungsphase eingreifen, um die Leerrohre entsprechend zu platzieren. Bis zu den jeweiligen Technikeinheiten, die z.B. Betriebsgeräte oder Dimmer beinhalten, mussten sehr lange Kabel gezogen werden«, meint Sven Sattler, der das Unternehmen zusammen mit seinem Vater Ulrich Sattler als Geschäftsführer leitet. Eine zweite Herausforderung stellte die komplexe Installation der drei Ebenen dar, da man nur von oben nach unten montieren konnte. »Hier musste absolut sauber gearbeitet werden. Zudem durfte man aufgrund der Fußbodenbelastung keinen Steiger, sondern nur ein Gerüst aufstellen, was zu zusätzlichen Einschränkungen führte. Aber alles in allem hat es unser Team bestens gemeistert und wir können mit dem Ergebnis sehr zufrieden sein«, so Sven Sattler.

Auch bei der Entwicklung der Leuchte gab es viele Hürden zu meistern. So galt es, eine ausgewogene Balance zwischen Material und Optik zu finden. Das thermoplastische Grundmaterial ist einerseits extrem wärmeleitend und sorgt sofür eine gleichmäßige Kühlung, andererseits ist es stabil, elastisch und optisch ansprechend. »Bei der EVF lässt sich sehr gut anhand eines umgesetzten Projekts erleben, wie perfekt sich ›Favo The Light Net‹ der Architektur anpassen kann«, ergänzt Sven Sattler. Man kann auch sagen, Architektur und Leuchte verschmelzen zu einer Einheit.

Abb.: Jeder Spot lässt sich über das Sattler Web Interface via Bluetooth individuell ansteuern, schalten und dimmen bzw. komplette Lichtszenarien einzeln abspeichern. Sattler
Abb.: Über das Sattler Web Interface lassen sich via Bluetooth auch komplette Lichtszenen einzeln abspeichern. Foto: Sattler Sattler
Abb.: Jeder Spot lässt sich über das Sattler Web Interface via Bluetooth individuell ansteuern, schalten und dimmen. Foto: Sattler Sattler

Weitere Informationen:

Projekt: Neubau eines Verwaltungsgebäudes Göppingen 2019

Auftraggeber: Energieversorgung Filstal GmbH & Co. KG

Architekten: blocher partners, Stuttgart, www.blocherpartners.com

Leuchtenkonzept und -Design: Alexander Rybol, Head of Product Design, und Jürgen Gaiser, Executive Board Interior/Product Design, blocher partners

Leuchtenentwicklung und technische Umsetzung: Sattler GmbH, Göppingen, www.sattler-lighting.com

Stahltreppe: MetallArt Treppen GmbH, Salach, www.metallart-treppen.de

Fotos: blocher partners / Joachim Grothus

Dieser Artikel ist erschienen in

Licht 2 | 2021

Erschienen am 25. März 2021