Planung
Licht 6 | 2019

Korrespondierende Beleuchtungssteuerung für Innen- und Außenraum

Der Sartorius Campus ist europaweit eines der größten HCL-Projekte

Sartorius, ein international führender Partner der biopharmazeutischen Forschung und Industrie, will im Zuge seines Wachstumskurses die Zahl der Mitarbeiter bis zum Jahr 2025 auf rund 15.000 weltweit nahezu verdoppeln. Beim Bau eines neuen Campus in Göttingen setzte der Life-Science-Konzern daher nicht zuletzt auf ein attraktives Arbeitsumfeld. Dazu zählen auch die Beleuchtung der Büroräume nach neuesten Erkenntnissen der Lichtplanung und eine korrespondierende Illumination des Außenraums.

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Abb.: Ein ganzheitlicher Lichtmasterplan sorgt auf dem dem Sartorius Campus dafür, dass die Lichtlösungen für Innenraumraum, gebäudenahe Architektur sowie Wege und Grünflächen harmonisch aufeinander abgestimmt sind. Hier greifen die Beleuchtung der der Fassade vorgelagerten Treppenanlage, der Büros und der Gartenlandschaft ineinander. Studio DL | Fotograf: Dirk-André Betz

Der 170.000 m2 große Campus im Göttinger Stadtteil Grone vereint Produktion und Administration und bietet beiden eine funktionale, nachhaltige und außergewöhnlich attraktive Arbeitsumgebung. Mit ihrem Masterplan ist es den Hannoveraner Architekten Bünemann & Collegen gelungen, den Geist des Unternehmens, ein Zusammenspiel aus Nachhaltigkeit, Offenheit und Freude, zum Ausdruck zu bringen. Fünf versetzt zueinander stehende raumhoch verglaste Büroriegel, welche das schon mehrfach preisgekrönte Produktionsgebäude für die Herstellung von Laborinstrumenten flankieren, bieten auf vier Geschossen jeweils 2.600 m2 Fläche für die Administration. Im Westen der Halle schließt ein zweigeschossiger Stahlbetonbau für Produktentwicklung und Labore an. Ein den Admin-Gebäuden vorgelagertes Atrium, das sich mit seinen Glasfassaden zu einem Vorplatz öffnet, führt durch den Haupteingang auf den autofreien Campus.

Für die Admin-Gebäude entwickelte Studio DL aus Hildesheim ein biodynamisches Beleuchtungs­konzept, das sich positiv auf den natürlichen Biorhythmus der Mitarbeiter auswirken soll. Nach heutigem Wissensstand ist eine künstliche Beleuchtung, welche den Verlauf wechselnder Farb­temperaturen und Lichtintensitäten des Sonnenlichts über den Tag und über die Jahreszeit nachahmt, geeignet, Menschen adäquat zu aktivieren, respektive Entspannungsphasen zu fördern und die Nachtruhe einzuleiten. Mit ihrer zusätzlichen Präsenz- und Tageslichtsteuerung wird die Beleuchtung zudem dem Nachhaltigkeitskonzept des Sartorius Campus gerecht.

Abb.: Das kaltweiße Licht und hohe Beleuchtungsstärken am Morgen und am Mittag sollen auf die Mitarbeiter aktivierend wirken. Am Nachmittag verändert das Licht seine Farbtemperatur zu warmweiß und leitet damit die Entspannungsphase während des Feierabends ein. Studio DL | Fotograf: Dirk-André Betz
Studio DL | Fotograf: Dirk-André Betz

Bestes Licht für unterschiedlichste Cluster

Realisiert wurde das Human Centric Lighting Konzept mit eigens für das Projekt entwickelten direkt-/indirekt strahlenden LED-Sonderpendelleuchten, die den Längsachsen der Großraumbüros folgen. Unter Einhaltung aller relevanten Normen bietet dieses Lichtdesign, das Studio DL in einem Masterplan konzipierte, ein Höchstmaß an Flexibilität für sämtliche Raumkonzeptionen. So erfahren die Arbeitsplätze, die häufig für unterschiedlichste Cluster temporärer internationaler Projektteams aufgabenbezogen im Raum konfiguriert und positioniert werden, jederzeit eine homogene und blendungsminimierte Beleuchtung.

Sanfte Anpassung: Kühles Himmelslicht und warmtoniges Sonnenlicht

Das Direkt- und Indirektlicht zeigt bei der biodynamischen Steuerung mittels DALI DT 8 eine kurze zeitliche Verschiebung, mit der Studio DL eine spannende Raumbeleuchtung generiert. So ist das Licht an der Decke bspw. am späten Nachmittag noch einige Minuten lang kalt-weiß, während die Leuchten bereits ein warm-weißes Licht aussenden. Diese gelungene Imitation eines Sonnenunter-gangs mit kühlerem Himmelslicht und warmtonigem Sonnenlicht wird von den Mitarbeitern nicht bewusst wahrgenommen, bewirkt jedoch eine wiederum der Natur nachempfundene, sanfte Anpassung der Lichtverhältnisse.

Abb.: Der Wechsel vom kalt- zum warmweißen Licht erfolgt bei Direkt- und Indirektlicht etwas zeitversetzt. Studio DL | Fotograf: Dirk-André Betz

Am Abend wird das direkte Licht komplett ausgeschaltet und der indirekte Anteil auf 2% gedimmt. Damit bleibt die Ablesbarkeit der Raumtiefen im Kontext der reduzierten und saisonal angepassten Außenraumbeleuchtung des landschaftsarchitektonisch gestalteten Geländes andeutungsweise erhalten.

Abb.: Im Konferenzraum folgen LED-Stripes der abgehängten Decke über dem großen Besprechungstisch. Dezente Downlights liefern die Grundbeleuchtung. Die mehrarmige Pendelleuchte ist nicht nur ein Hingucker, sondern auch sehr funktional. Jeder Leuchtenkopf ist beliebig justierbar. Studio DL | Fotograf: Dirk-André Betz

Niedrige Lichtpunkte bewahren störungsfreie Fassadenansicht

In der zauberhaften Gartenlandschaft des autorfreien Campus winden sich gepflasterte, als Boulevards und Nebenwege etablierte Pfade durch Rasenflächen, in denen in Wuchsform und Farbigkeit unterschiedliche Baum- und Straucharten für Abwechslung sorgen. Über den künstlich angelegten Teich mit üppiger Uferbepflanzung führt ein breiter Holzsteg, dessen warmer Farbton sanft von Einzel-LED hervorgehoben wird, die in die Stützen des Handlaufs integriert sind. Dank einer speziellen Linsenoptik verteilen sie ihr Licht fächerartig auf dem Boden. Im Zusammenspiel mit einer minimierten Wegebeleuchtung inszeniert das zurückhaltend aus den Gebäuden kommende Licht dezent den Außenraum.

Abb.: Fünf Meter hohe »tanzende« Leuchten nach einem Entwurf der Architekten begleiten Passanten vom Parkhaus zum Haupteingang des Campus. Ihre Tunable White Technologie erlaubt einen saisonalen Wechsel der Lichtfarbe. Studio DL | Fotograf: Dirk-André Betz
Abb.: Die Wege werden ausschließlich von niedrigen Lichtpunkten aus erhellt. Entlang der Fassaden geben kleine, tiefstrahlende Pollerleuchten ihr Licht auf das Pflaster des Boulevards. Studio DL | Fotograf: Dirk-André Betz

7.000 verbaute Quadratmeter Glas und andere hochreflektierende Fassadenmaterialien hatten schnell zu der Entscheidung geführt, die Wegeverbindungen ausschließlich mit niedrigen Lichtpunkten zu bespielen. Entlang der Fassaden erhellen kleine, tiefstrahlende Hochleistungs-Pollerleuchten mit nicht sichtbarer Lichtquelle das Pflaster des Boulevards, der sich vom Atrium aus als Hauptachse über den Campus erstreckt. Zur Beleuchtung der Grünstreifen zwischen Weg und Fassade wurden die Standardleuchten nach einem Entwurf von Studio DL dahingehend modifiziert, dass sie zusätzlich Licht nach hinten abstrahlen. Da die Nebenwege von weniger leistungsstarken Pollerleuchten erhellt werden, spiegelt das Lichtbild die Hierarchisierung der fußläufigen Erschließung wider. Kleine Bodeneinbauleuchten zur dezenten Illuminierung von Bäumen, Sträuchern und Gräsern runden die Beleuchtung des Außenraums ab.

Fazit

Auf dem Sartorius Campus gehen Architektur und Innenarchitektur, Innen- und Außenraumbeleuchtung und deren Steuerung eine Symbiose ein, die ein weltoffenes internationales Unternehmensbild zum Ausdruck bringt. Die Außenraumbeleuchtung trägt mit ihrer auch saisonal abhängigen Lichtfarbe wesentlich zum Bild der Landschaftsarchitektur bei. Im Winter ist der Gesamteindruck kühler, im Frühjahr ist er mit 2.700 K besonders warm.

Weitere Informationen:

Die Innen- und Außenraumbeleuchtung sämtlicher Campus-Gebäude sind ein Teilprojekt des Masterplans von Studio DL, den bereits ein Artikel in LICHT 2/2018 vorgestellt hat. Sukzessive werden die Vorgaben des Masterplans für die einzelnen Bauabschnitte des Campus umgesetzt. Als aktuellstes Bauvorhaben wurde jetzt das Forum fertiggestellt und von den Lichtplanern beleuchtet.

Bauherr: Sartorius AG, Göttingen, www.sartorius.de

Architekt: Bünemann & Collegen GmbH, Hannover, Projektleitung: Christian Rathmann, www.buenemann-collegen.de

Landschaftsarchitekt: Bünemann & Collegen GmbH, Hannover, Projektleitung: Gunhild Perrey, www.buenemann-collegen.de

Lichtplanung: Studio DL, Hildesheim, Projektleitung Innenraum: Johannes Käppler, Emlyn Goronczy | Projektleitung Außenraum: Johannes Käppler, www.studiodl.com

Text: Petra Lasar, Rösrath

Fotos: Studio DL | Fotograf: Dirk-André Betz

Dieser Artikel ist erschienen in

Licht 6 | 2019

Erschienen am 26. August 2019