Planung
Licht 9 | 2020

Köln in neuem Licht

Die »Licht-Signatur« der Stadt Köln wird digital fortgesetzt

Im Juli wurde der neue digitale Lichtmasterplan für die Stadt Köln übergeben. Vorausgegangen war eine fast vierjährige Projektarbeit mit Stadtbildanalyse, Workshops und umfangreichen Planungswerkzeugen.

Lesezeit: ca. 7 Minuten

In einem feierlichen Akt wurde am 1. Juli 2020 der neue Lichtmasterplan der Stadt Köln von Andreas Cerbe (Vorstand der Rheinenergie) an Andrea Blome (Dezernentin für Mobilität und Liegenschaften der Stadt Köln) und Markus Greitemann (Baudezernent) überreicht. Die Feierlichkeit hatte symbolischen Charakter, bildete sie doch den Abschluss einer fast vierjährigen Arbeit der Projektgruppe, die sich interdisziplinär und mit der Einbeziehung von vielen Stadtgremien mit der Frage befasste: Wie sichern wir eine nachhaltige, umweltfreundliche, technologisch fortschrittliche und dem Wesen der Stadt und deren Einwohnern angepasste Transformation der Stadtbeleuchtung?

In der Abwägung der Chancen und Gefahren einer solchen Transformation wurde den Gestaltern des Lichtmasterplans sehr schnell klar: Die Kraft des Neuen soll in der Evolution des Bestehenden, in der Anknüpfung an die Tradition, in den Sehgewohnheiten der Einwohner und in den Entwicklungsplänen der Stadt liegen.

Abb. 1: Übergabe Lichtmasterplan Köln Studio DL

Warum ein Lichtmasterplan?

Die Antworten auf die in dem Auftakt-Workshop gestellten Fragen fasste Frau Andrea Blume in ihrem Vorwort zu dem Masterplan so zusammen: »Die Stadtbeleuchtung ist im Fokus vieler aktueller Politikfelder. Häufig unauffällig erfüllen die rund 81.000 Straßenlaternen jede Nacht ihren Dienst und leuchten den Menschen den Weg. Relevant ist ihr Wirken aber auch in anderer Hinsicht. Der Energieverbrauch ist ein wichtiges Thema in der Klimaschutzdebatte. Die Anziehung von Insekten soll vermieden werden, um die Biodiversität zu bewahren. Der Mensch ist vor Blendung zu schützen. Gleichzeitig soll ihm die zur Erholung notwendige Dunkelheit in der Nacht gewährleistet werden. Nachteilige Lichtwirkungen (Lichtverschmutzung) sind insgesamt als auch insbesondere in Außenbereichen und Grünanlagen zu vermeiden. In der Verkehrssicherheit ist dementgegen eine gute Erkennbarkeit besonders wichtig. Auch aus kriminalpräventiver Sicht leuchten wir problematische Stellen intensiver aus. Dabei kann Lichtgestaltung, wie in unseren Lichtpassagen, das Sicherheitsgefühl steigern. Die Wahrnehmung in unseren Stadträumen ist stark vom Raumgefühl geprägt. Nachts können wir ausschließlich durch die Beleuchtung des Stadtraums eine entsprechende Wahrnehmung schaffen. Die Stadtsilhouette wird geprägt von privaten und öffentlichen Gebäuden, die entsprechend ihrer Bedeutung in Szene gesetzt werden. Es gilt, diese harmonisch in ein Gesamtbild der Nah- und Fernwahrnehmung einzubinden.«

Abb. 2: Struktur und Elemente des Masterplans Köln nach dem ersten Workshop Studio DL

Komplexität der Aufgabe und methodisches Vorgehen

Städte sind dynamische Systeme, die stets in Bewegung sind. Die Stadt Köln gehört außerdem zu den Weltstädten, die im ikonografischen Sinne unverkennbar bleiben. Wie der Eiffelturm in Paris oder der Big Ben in London, gehört der Kölner Dom zu den weltbekannten Metazeichen, die geachtet und bewundert werden. Ein Lichtmasterplan sollte daher die Entwicklung der Stadtbeleuchtung so lenken und definieren, dass unter Berücksichtigung der ökologischen, sozialen und finanziellen Aspekte ein unverkennbarer und prägender »Light Code« das Nachtbild von Köln dauerhaft erstrahlen lässt. Die Moderation und das methodische Vorgehen in der Erstellung des Lichtmasterplans übernahm das Lichtplanungsbüro Studio DL, welches über entsprechende internationale Erfahrungen bei der Erstellung von Lichtmasterplänen in europäischen Metropolen wie Den Haag, Kiel, Amsterdam, Warschau, Krakau, Utrecht, Deventer, Speyer u. a. verfügt. Unterstützt durch das Planungsamt der Stadt Köln und in der Tradition des Fachwissens der Rheinenergie wurde die Struktur des Masterplans festgelegt (Abb. 2). Das Fundament des Masterplans stellt die Stadtbild-Analyse dar (Abb. 3), zu deren Erstellung außer der Betrachtung des Bedeutungsplans (Partitur des öffentlichen Raumes) und des Stadtentwicklungsplans des Stadtplanungsbüros AS+P auch umfangreiche Messungen, Bildanalysen, Tag-/Nachtvergleiche sowie Ortsbegehungen und Lichtproben gehörten.

Abb. 3: Elemente der Stadtanalyse Studio DL

Leitidee für eine erfolgreiche Zukunft

Die im Auftakt-Workshop definierten Ziele müssen auch eine Entsprechung in der Metaebene der Stadt Köln finden. Die Landschaftsbilder um die historisch gewachsenen Strukturen der Stadt verändern sich ständig und sind nur für kurze Zeit stabil; das betrifft in den letztenzehn Jahren nicht nur die Bauten, sondern auch die Lichtsysteme, die immer raffinierter und manchmal immer »lauter« das Lichtbild der Stadt beeinflussen. Den Geist der Stadt zu erfassen und im Lichtbild langfristig zu bewahren gelingt durch die Definition der »Lighting DNA©« der Stadt. Die Story und das Storytelling entwickeln sich gegenwärtig zu einem der wichtigsten Instrumente der Ideenfindung und des Marketings. Als besonderer Anziehungspunkt von Köln gilt sein mittelalterlicher Stadtkern, der durch den Dom und die romanischen Stifts- und Klosterkirchen geprägt ist. Die Leitidee des Lichtmasterplans greift die städtebaulichen Ziele auf und lässt sich von der historisch geprägten Umgebung inspirieren.

Abb. 4: Leitidee Herleitung Studio DL

Die vorhandene Materialität und Beschaffenheit der zu illuminierenden Flächen spielen dabei eine wichtige Rolle. Der Lichtmasterplan für Köln setzt auf dem Tagbild (= Urban Code) der Stadt auf, transformiert dieses in eine nachts »lesbare« Version (= Light Code) und sorgt so für ihre eigentliche nächtliche Atmosphäre, den Licht-Wiedererkennungswert.

Die eingesetzten Lichtfarben im Konzept entsprechen den architektonischen (Bauten), landschaftlichen (Rhein) und/oder nutzungsspezifischen, vor Ort auftretenden Eigenschaften. Diese assoziative Art der Lichtplanung wird gestützt von der These, dass der Light Code bereits in jedem Stadtraum vorhanden ist und lediglich in einem Prozess der Systemanalyse herausgefiltert werden muss. Die besonderen Gebäude der Innenstadt sollen, auch nach der Umstellung auf LED-Technologie, ihr Gesicht bewahren und ihre über Jahre gewachsene Lichtidentität behalten. Fehlende Blickbeziehungen sollen mit gezielten Lichtakzenten oder neuen Gebäudeilluminationen hervorgehoben werden. Die Straßenbeleuchtung soll geordnet und vervollständigt werden, die Verknüpfungspunkte (= wichtige Übergänge in die Innenstadt) an den historischen Ringen durch eine abgesetzte Lichtfarbe sichtbar gemacht werden. Die Absetzung des Kerns der Altstadt durch eine wärmere Lichtfarbe der funktionalen Beleuchtung mit 2.700 K und des historischen Rings mit 2.000 K werden durch den Einsatz von besonderen Lichtsystemen (historische Aufsatzleuchte in der Altstadt und die historische Hängeleuchte für die Ringe) unterstrichen.

»Wir wollen die Bedeutung der Stadt als eine moderne europäische Metropole mit Licht unterstreichen und die nächtliche Identität und bessere Lesbarkeit der Stadträume fördern.« Norbert Wasserfurth, Studio DL

Stadtsilhouette mit Anziehungskraft

Die Betonung der Stadtsilhouette, die Aufwertung des Nachtbilds sowie die Gestaltung atmosphärischer Räume mit hoher Aufenthaltsqualität inspirieren Bewohner und Besucher, auf Entdeckertour durch die Stadt zu gehen, die hier und da besondere Überraschungen birgt. Dem historischen, schützenswerten linksrheinischen Stadtpanorama, in dem der Dom und die romanischen Kirchen bei Nacht im Fokus stehen sollen, wird die rechtsrheinische moderne Silhouette entgegengesetzt. Die rechte Rheinseite, die überwiegend durch moderne Bebauung geprägt wird, stellt ein anderes Gesicht von Köln dar und könnte sich zu einer unverwechselbaren großstädtischen und qualitätvollen architektonischen Silhouette entwickeln, die jedoch keine Konkurrenz für das rechtsrheinische Köln darstellen soll. Das Lichtkonzept berücksichtigt und hierarchisiert lichttechnisch einzelne Bauten auf beiden Uferseiten.

Abb. 5: Visualisierung & Lichthierarchie linksrheinisch Studio DL

Ein Lichtmasterplan, der nicht altert

Die Umsetzung des Konzepts wurde in einem umfangreichen Werk von operativen Planungswerkzeugen eingebettet. Dazu gehören u. a. der Schwarzplan, Straßenkarten, Gebäude- und Objektkarten, Platzkarten, Handlungsempfehlungen für Interventionsräume und ein Leuchtenkatalog. All diese Werke wurden in insgesamt zwölf Anlagen auf ca. 500 Seiten zusammengefasst. Ein reifes gut überlegtes Werk, jedoch in Papierform schwer zu handhaben.

Basierend auf den Erfahrungen des Lichtplanungsbüros Studio DL auf dem Gebiet des parametrischen Designs und der Digitalisierung der Lichtplanung (s. LICHT 10 I 2018) wurde auch eine digitale Form des Masterplans in Auftrag gegeben. Die digitale Form des Masterplans ist auf jedem Endgerät (Device) sofort verfügbar und bedarf keiner zusätzlicher Installation von Softwareprogrammen. Die digitale Version des Masterplans ermöglicht einen schnellen Einblick in die Analyse, das Konzept und andere wichtige Dokumente. Mit der Umschalttaste »Aktuell-Vision« sind die Ergebnisse der Masterplanung und die zukünftige Lichtstruktur augenblicklich miteinander zu vergleichen. Selbstverständlich sind die Ansichten skaliert, so dass eine Betrachtung der einzelnen Straßen, Bezirke, Stadtzonen und Plätze möglich ist. Die Planungswerkzeuge werden parametrisch angelegt. Eine Änderung der Normung, des Leuchtenkatalogs oder der Straßenkategorie wird in allen Dokumenten automatisch angepasst. Die Planer haben somit zu jedem Objekt bzw. Interventionsraum zu jedem Zeitpunkt Zugriff auf die aktuellen Datensätze. Im nächsten Schritt ist die Integration des 3D-Modells der Stadt und weiterer Datenbanken möglich. In dieser Form und Umfang ist dies der bundesweit erste DIGITALE Masterplan dieser Art – so hat es auch Dr. Andreas Cerbe bei der feierlichen Übergabe des Masterplans an die Stadt Köln formuliert.

Abb. 6: Lichtmasterplan Köln-Tool digital Studio DL

Der vorgestellte Lichtmasterplan für die Stadt Köln steht in einer langen Tradition früherer Planwerkzeuge. Unter Berücksichtigung aktueller städtebaulicher Entwicklungspläne sowie der Kölner Stadtlichtentwicklung entstand ein Werk, das in der Tiefe der Bearbeitung, seiner Lesbarkeit und seinem organischen Aufbau neue Maßstäbe in der Stadtlichtplanung setzen wird. Diese Tatsache hat man in erster Linie den Gremien und Personen zu verdanken, die sich in großer Zahl an diesem Werk beteiligt haben.

Abb. 7: Lichtmasterplan Köln linksrheinisch, Foto: Gerd Kleiker Studio DL

Weitere Informationen:

Realisierung: 2016 – 2020

Größe Planungsgebiet: 110 km²

Lichtpunkte: 85.000

Auftraggeber: Rheinenergie AG

Projektteam:
RheinEnergie AG, Michael Kitzel (Leitung Öffentliche Beleuchtung und Telekommunikation, RheinEnergie AG)

Stadt Köln: Franka Schinkel (Stadtraummanagement, Stadt Köln), Susanne Flau (Stadtraummanagement, Stadt Köln), Marion Grams-Thieme (Amt für Denkmalschutz und Denkmalpflege), Ulrich Horn (Stadtplanungsamt, Stadt Köln), Britta Neunerdt (Öffentliche Beleuchtung, Amt für Verkehrsmanagement, Stadt Köln), Patric Stieler (Leiter des Amtes für Verkehrsmanagement, Stadt Köln)

Lichtplanung: Studio DL, www.studiodl.com
Gerhard Kleiker (beratend für Studio DL), Norbert Wasserfurth (Studio DL), Olga Westermann (Studio DL)

Abbildungen und Text: Studio DL

Dieser Artikel ist erschienen in

Licht 9 | 2020

Erschienen am 25. November 2020