Planung
Licht 2 | 2021

Keine Farbe ohne Licht

Eine Bärenhöhle mit sinnlicher Architektur

Blickbezüge, Materialkompositionen und natürlich viel Farbe und Licht – diese sinnlich erfahrbaren Gestaltungselemente begeistern die Kinder in ihrer neuen Kita Bärenhöhle. Im nordfriesischen Esens entstand eine Architektur, die für Kinder wie Erzieher und Erzieherinnen ein besonderes Erlebnis schafft.

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Abb.: Die eingeschobenen Baukörper werden im Innenbereich als Räumlichkeiten für die einzelnen Gruppen genutzt. Ralph Thater

Architektonisches Leitbild und Architekturidee

Für das Architekturbüro Ralph Thater ist eine Architektur dann erstrebenswert, wenn sie durch viele Blickbezüge, Details und unterschiedliche Flächen dem Betrachter auch bei mehrmaligem Begehen des Gebäudes neue Eindrücke vermittelt, welche zuvor nicht wahrgenommen wurden. »Architektur sollte immer ein besonderes Erlebnis bedeuten«, so Ralph Thater. Und mit diesem Leitbild konzipierte das Architekturbüro die Kita Bärenhöhle in Esens, einer ostfriesischen Stadt 3,5 km von der Nordsee entfernt.

Der Neubau ist auf einer ungenutzten landwirtschaftlichen Fläche entstanden. Bei der Planung des Baukörpers wurde stets auf eine geradlinige und kompakte Bauweise geachtet, die ein energetisch optimiertes Gebäude ermöglicht und dem Leitsatz »form follows function« folgt. Die heraus- und hereingeschobenen Baukörper spiegeln sich sowohl in der Außenfassade als auch im Innenbereich des Gebäudes wider und werden als Räumlichkeiten für die einzelnen Gruppen genutzt. Durch die energetisch optimierte Ausführung des Gebäudes (Hülle in Passivhausniveau) sowie die Nutzung erneuerbarer Energien (wie Geothermie mittels Wärmepumpen oder Sonnenenergie mittels PV-Anlage) ist das Gebäude zukunftsfähig geplant. »Konzeptionell lässt sich dies somit zeitgemäß in form follows function and energy übertragen«, so Thater. Unterstrichen wird dieses Leitbild durch das Farb- und Materialkonzept, welches für eine Differenzierung der einzelnen Bereiche sorgt und durch die Lichtführung betont wird. Im Innenbereich wurde dafür zudem eine Kombination harmonisch wirkender Farben und naturbelassener Holz- und Betonstrukturen gewählt. Der Schallschutz und die Akustik haben eine besondere Beachtung gefunden und erfüllen durch innovativen Einsatz die Anforderungen bei weitem. Die verwendeten Troldtekt-Akustikplattenfelder bilden einen bewussten Kontrast zu den Ortbetondecken.

Abb.: Die Kindertagesstätte Bärenhöhle wurde für 7 Gruppen geplant und ist für einen Betrieb mit bis zu 150 Kindern ausgelegt. Ralph Thater
Abb.: Unterstrichen wird das architektonische Leitbild durch das Farb- und Materialkonzept, welches für eine Differenzierung der einzelnen Bereiche sorgt und durch die Lichtführung betont wird. Ralph Thater

Die Nutzung

Die Kindertagesstätte Bärenhöhle wurde für 7 Gruppen (4 x Kiga, 2 x Krippe, 1 x Reserve) geplant und für einen Betrieb mit bis zu 150 Kindern ausgelegt. Der zentrale zweigeschossige Forumsbereich kann zudem für größere Veranstaltungen genutzt werden. Die Kiga-Gruppen sind ebenfalls zweigeschossig geplant und besitzen gruppeninterne Treppen. Durch eine ausreichende Anzahl von Flucht- und Rettungswegen war es möglich, auch die inneren Bereiche der Flure brandschutztechnisch zu entschärfen, sodass diese für Spielaktivitäten genutzt werden können.

Abb.: Oberlichtbänder in den Außenwänden führen zu einer effektiven Belichtung des zentralen zweigeschossigen Forums. Ralph Thater
Abb.: Um den Tageslichteinfall nicht zu beeinträchtigen, wurden statt Geländer Edelstahlnetze montiert, die zusätzliche Blick- und Sichtbezüge schaffen. Ralph Thater

Licht und Farbe

Licht und Farbe haben eine symbiotische Wirkung, weshalb nur eine zusammenhängende Betrachtung zu einem optimalen Erlebnis führen kann. Architektur kann durch Farbe unterstrichen werden, folglich ist der gezielte Einsatz von Licht für ein bestmögliches Ergebnis unabdingbar. Für den Architekten ist das Zusammenspiel von Farbe, Form, Materialität und den sich daraus ergebenden Lichtspielen von hoher Bedeutung, um der Architektur noch mehr Ausdruck zu verleihen. Besonders die Materialität und Haptik von Flächen und Körpern gewinnen dadurch an Wirkung. Die Komposition aus verschiedenen Materialien führt hier zu einem besonderen haptischen Erlebnis, welches insbesondere für die Kinder von Bedeutung ist. »Aufgrund der lichteigenen Energie und Kraft sollten Licht- und Körperfarben in der Planung unbedingt berücksichtigt werden, um das volle Potenzial nutzen zu können. Farben können schließlich nur gesehen werden, wenn Licht als Quelle vorhanden ist – sei es nun natürliches oder künstliches Licht«, meint Ralph Thater.

Durch die Verwendung mehrerer Farben können die Besonderheiten und Differenzierungen des Baukörpers zusätzlich unterstrichen werden. Dies erleichtert zudem das Verstehen des Baukörpers und dessen Anordnung, sowie die einzelnen Zugehörigkeiten. Durch die Kombination unbunter Farben, wie Schwarz, Weiß und Grautöne, mit bunten Farben können die Rauminnenwirkungen und Baukörperaußenwirkungen unterstrichen werden. Die den Gruppen eigene zugeordnete Farbe findet sich auch auf der inneren Trennwand zum mittleren Zentrum des Gebäudes wieder. So hat jede Gruppe auch zusätzlich zur Gruppenzugehörigkeit »Bär«, eine eigene Farbe. Die Farben wirken anregend zum einen aber auch beruhigend auf das Umfeld, also auf Kinder und Erzieher und Erzieherinnen. »Farbig, nicht bunt, sollte man bauen, denn sonst sind weder Farblinie noch Farbkonzept erkennbar«, ist der Architekt überzeugt.

Abb.: Dekorstreifen dienen dem Vogelschutz und erzeugen interessante Licht- und Schattenspiele. Ralph Thater
Abb.: Geplant wurden überwiegend LED-Einzelleuchten, da die Sichtbetondecken nutzungsbedingt mit einer Vielzahl von Akustikelementen ergänzt wurden. Ralph Thater
Abb.: Troldtekt-Akustikplattenfelder bilden einen bewussten Kontrast zu den Ortbetondecken. Tageslicht- und präsenzabhängige Bewegungsmelder ermöglichen eine effiziente Beleuchtung. Ralph Thater

Das Tages- und Kunstlichtkonzept

Oberlichtbänder in den Außenwänden ermöglichen eine effektive Belichtung des zentralen zweigeschossigen Forums. Um diesen Lichteinfall nicht zu beeinträchtigen wurden im Obergeschoss statt Geländerkonstruktionen zur Absturzsicherung Edelstahlnetze montiert, welche vom Fußboden bis zur Decke reichen. Diese ermöglichen sowohl eine Transparenz für Blick- und Sichtbezüge als auch die Nutzung des gesamten Lichteinfalls. Die Fenster in den Hauptfassaden sind möglichst großflächig ausgeführt. Horizontale Sonnenschutzsegel dienen im Süden dem Sonnenschutz und ermöglichen gleichzeitig einen ungestörten Sichtbezug nach draußen. Die Sonnenschutzsegel bestehen aus wind- und wasserdurchlässigen Mesh-Stoffen, welche mit Bären bedruckt sind. Nördliche Fenster benötigen diesen Schutz nicht und sind zum eigenen Regenwasserrückhaltebecken ausgerichtet. Auf allen Glasflächen wurden unregelmäßige Dekorstreifen aufgebracht, welche dem Vogelschutz (Vogelschlag durch Glasspiegelungen) dienen und erzeugen durch einfallendes Tageslicht interessante Licht- und Schattenspiele im Gebäudeinneren. Zusätzlich hat dies den Vorteil, dass in der Nutzung übliches großflächiges Bemalen von Glasflächen ausbleibt.

Das Kunstlichtkonzept äußert sich durch eine gradlinige schlichte Ausführung, bei welcher dimmbare LED-Leuchten eingesetzt wurden. Geplant wurden überwiegend Einzelleuchten, da die Sichtbetondecken nutzungsbedingt mit einer Vielzahl von Akustikelementen ergänzt wurden. Tageslicht- und präsenzabhängige Bewegungsmelder ermöglichen über eine DALI-Steuerung eine effiziente, sparsame und nutzungsangepasste Beleuchtung. Der Ertrag der gebäudeeigenen PV-Anlage wird primär für die Eigenstromnutzung und somit auch für die Beleuchtung genutzt.

Abschließend fügt Ralph Thater noch hinzu: »Der Mehrwert detailreicher und gut durchdachter Lösungen wird oftmals in der Vorplanung abgetan und nicht ausreichend bedacht. Bei der Entwicklung meiner Entwurfskonzepte suche ich daher nach detailreichen und wirtschaftlichen Lösungen, die das Gebäude für den Betrachter erlebnisreich und lebhaft machen.«

Abb.: Einer der Kuben wurde mit einem farbigen Kunstteppich der Firma Tisca verkleidet. Deutschlandweit ist dies die erste Ausführung des Materials an einer Fassade, da der Kunstteppich normalerweise als begehbarer Außenteppich ausgeführt wird. Ralph Thater
Abb.: Die Gebäudehülle wurde energetisch so optimiert, dass ein Passivhausniveau erreicht wurde. Das Verhältnis von Außenfläche zu Volumen ist durch die kompakte zweigeschossige Bauweise optimiert. Ralph Thater
Abb.: Die nordfriesische Stadt Esens wird historisch gesehen zwar mit Bären in Verbindung gebracht, doch der eigentliche Grund ist die Assoziation mit Bärenhöhlen, die durch die herausgeschobenen Baukörper entstehen. Ralph Thater

Weitere Informationen:

Bauherr: Samtgemeinde Esens

Baubeginn: April 2019

Eröffnung: September 2020

Gebäudeentwurf, Energie-, Tageslicht- und Akustikplanung, sowie LPH 1-9 HOAI: Architekturbüro Ralph Thater, Wittmund-Funnix (Ostfriesland), www.architekt-thater.de

Fachplanung Haustechnik: POR-Energie + Kampmeier, Aurich, www.pro-et.de

Elektrofirma Beleuchtung: Tasko, Oldenburg, www.elektro-tasko.de

Leuchtenhersteller: Trilux, www.trilux.de; Sylvania, www.sylvania-lighting.com; FRISCH-Licht, www.frisch-licht.de; RZB, www.rzb.de

Fotos: Fotograf Dieter Nöth, Jever; Architekturbüro Ralph Thater

Dieser Artikel ist erschienen in

Licht 2 | 2021

Erschienen am 25. März 2021