Planung
Licht 3 | 2020

Jeder Raum erzählt seine eigene Geschichte

Licht- und Raumgestaltung für ein historisches Weingut in Georgien

Das neue Radisson Collection Hotel im georgischen Tsinandali befindet sich in einer über 200 Jahre alten Weinkellerei. Mit der künstlerischen Leitung für die Neugestaltung des historischen Komplexes, für die Konzeption des Außenbereichs sowie die innenarchitektonische Planung wurde Ingo Maurer und sein Team beauftragt. Jeder Raum ist individuell mit besonderen Leuchten und gestalterischen Elementen ausgestattet und erzählt seine eigene Geschichte, sei es das Flammenmeer, der Goldene Raum oder das von der Höhlenmalerei inspirierte Deckenfresko. Der Gast taucht ein in eine andere Welt und entdeckt immer wieder überraschende Details.

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Abb.: Inspiriert von den Höhlenmalereien von Lascaux entwarf Ingo Maurer mit Team ein Deckenfresko. Gewölbeleuchten an den Seiten und acht »Floatation« Pendelleuchten erhellen die nachempfundene Höhle. Als Tischbeleuchtung wurde die filigrane »Koyoo« extra entworfen, eine akkubetriebene Papier-Leuchte, die inzwischen als Serienprodukt erhältlich ist. Foto: Ingo Maurer/Tom Vack Tom Vack

Bauherr George Ramishvili, Chairman der Silk Road Group, beauftragte Ingo Maurer mit der künstlerischen Leitung des neuen Radisson Collection Hotels Tsinandali in Georgien. Das Hotel wurde in ein 200 Jahre altes Weingut integriert.

Der Aufgabenbereich von Ingo Maurer erstreckte sich auf die weitreichende Neugestaltung des 4.000 Quadratmeter großen historischen Komplexes, der die öffentlichen Bereiche des Hotels umfasst. Dazu zählt die Konzeption des Außenbereichs mit Innenhof sowie die vollständige innenarchitektonische Planung innerhalb des historischen Komplexes.

Ingo Maurer begeisterte sich bereits beim ersten Besuch der historischen Ruine für die Aufgabe: »Die wunderschönen Ruinen in gutem Zustand zogen mich auf den ersten Blick in ihren Bann. Diesen magischen Ort in ein Resort mit höchstem Standard zu verwandeln, war eine wunderbare, aber auch große Herausforderung. Der Ort hat eine sehr starke Aura und der Respekt vor den Ruinen stand an erster Stelle.«

Abb.: In der Mitte des Innenhofs befindet sich der Brunnen »Spitting Heads«. Zwei skizzenhaft gezeichnete Köpfe neigen sich vor und zurück und speien sich einen gezielten Wasserstrahl zu. Die Fassade im Hintergrund besteht aus einem unregelmäßigen Ziegelsteinmuster, das bei wechselndem Einstrahlwinkel der Sonne immer wieder neue Texturen entstehen lässt. Foto: Ingo Maurer/Tom Vack Tom Vack
Abb.: In der Lobby wurden vier von Ingo Maurer entworfene »Tikka«-Bänke positioniert. Beleuchtet wird der Raum von drei »Flying Discs« und acht »Ringelpiez«. Zusätzlich sorgen mehrere Gewölbeleuchten für eine stimmungsvolle Illumination des Tonnengewölbes. Foto: Ingo Maurer/Tom Vack Tom Vack
Abb.: Blickfang in der Mitte des Eingangsbereichs ist der von Ingo Maurer entworfene Bronzetisch und die »Oh Mei Ma Kabir«-Leuchte aus weiß lackiertem Aluminium. Sie stellt eine Sonderanfertigung dar, die 20 Prozent größer als die Originalleuchte aus dem Jahre 2007 ist. Foto: Ingo Maurer/Tom Vack Tom Vack
Abb.: Für die Lounge wurden fünf Kronleuchter konzipiert, an denen jeweils 136 Flaschen unterschiedlicher Größe und Farbe angebracht sind. Neben Gewölbeleuchten dienen zusätzlich acht »Ringelpiez«-Stehleuchten in Grün und Weiß für der Raumbeleuchtung. Foto: Ingo Maurer/Tom Vack Tom Vack

Tradition und Moderne in historischem Weingut

Das neue Radisson Collection Hotel (5 *) befindet sich in einer ehemaligen Weinkellerei in Tsinandali, einem Stadtteil von Telavi, Georgien. Das Weingut Tsinandali wurde 1886 gegründet. Ein gemeinsamer Pariser Freund, Yves Marbrier, stellte im Jahr 2014 dem Bauherren Ingo Maurer vor. Für die Konzeption und Umsetzung des neue Hotelbereichs inklusive Hotelzimmer und Suiten war Architekt Damian Figueras zuständig. Die künstlerische Leitung von Ingo Maurer beinhaltete unter anderem die Konzeption des Innen- und Außenbereichs, Grundrissplanung, Innenarchitektur, Lichtplanung, Detailplanung, Gestaltung von Lichtobjekten und Möbeln. Insgesamt erstellten Ingo Maurer und sein Team Konzepte für 13 Bereiche sowie den Innenhof mit Freitreppe und einem Objektbrunnen. Dabei orientierte sich Ingo Maurer auch an der handwerklichen Tradition Georgiens. So wurde das Team unter anderem inspiriert von georgischen Teppichen, die nicht nur klassisch den Fußboden zieren, sondern auch gerne über Möbelstücken drapiert werden. Eine Interpretation dieser Tradition sind die von Ingo Maurer entworfenen »Tikkas«, Bänke mit Bezügen aus bis zu 200 Jahre alten original georgischen farbig gemusterten Teppichen und Kelims.

Abb.: Der mystische Secret Room kann nur durch eine 4,4 m x 2,5 m große Pivot-Tür betreten werden. Hierfür wurde ein fünf Meter langer Eichentisch mit integriertem Wasserspiegel entworfen. Eine Installation aus 50 »Fly Candle Fly!« intensiviert mit ihren echten Kerzen die festliche Atmosphäre. An den Wänden sorgen »Max. Wall«-Leuchten für ergänzende Raumbeleuchtung. Foto: Ingo Maurer/Hagen Sczech Hagen Sczech
Abb.: Der Passageway, der Haupteingang vom Innenhof aus, dient der Präsentation und dem Verkauf von Weinen. Auf dem Stahlträger, an dem acht große Kupferleuchten hängen, befinden sich drei Blechfiguren, die von Ingo Maurer gezeichnet wurden: Eine Frau mit Weinflasche und Pistole rennt vorweg, gefolgt von einem Mann und einem Hund. Foto: Ingo Maurer/Tom Vack (li.) und Hagen Sczech (re.) Tom Vack
Hagen Sczech
Abb.: Das blau gespachtelte Deckengewölbe mit ägyptischen Sternen in Gold wurde von der georgischen Künstlerin Tamara Kvesitadze gestaltet. Das neue Lichtobjekt »Butterflies Dreaming«, eine überdimensionale Glühlampe, die von 20 hochwertig replizierten Insekten und Schmetterlingen umschwärmt wird, bildet die zentrale Lichtquelle. Zusätzlich befinden sich zwölf sondergefertigte Stehleuchten »Queen Trude« im Raum. Foto: Ingo Maurer/Hagen Sczech Hagen Sczech

Sternstunden des Designs aus Vergangenheit und Gegenwart

Ein künstlerisches Highlight aus der Feder Ingo Maurers findet sich im Restaurant des Hotels. Inspiriert von den Höhlenmalereien von Lascaux kreierte er einen eigenen Entwurf für ein Deckenfresko. Das Atelier de Fac-Similés du Périgord, das bereits einige originalgetreue Nachbildungen der Höhle von Lascaux erstellt hat, wurde mit der Ausführung vor Ort beauftragt. Im Haupteingang, dem sogenannten Passageway, befinden sich zentral zwei längliche Metalltische mit großformatigen weißen Marmorplatten und einem Weinflaschendisplay aus Holz zur Weinpräsentation. Die Liebe zum Detail von Ingo Maurer spiegelt sich nicht zuletzt in der Beleuchtung wider. Auf dem Stahlträger, an dem acht große Kupferleuchten mit zwei Meter Durchmesser hängen, laufen drei Blechfiguren, die von Ingo Maurer gezeichnet wurden: Eine Frau mit Weinflasche und Pistole, gefolgt von einem Mann und einem Hund regen die Phantasie des Betrachters an. Für die Beleuchtung des Ballrooms, der auch für festliche Konzerte genutzt wird, kreierte Ingo Maurer drei große Aluminiumringe. Daran befestigt sind zahlreiche große Glühlampen. Diese werden von in den Ringen verbauten LEDs beleuchtet.

Im Innenhof der Anlage begegnen sich einige einzigartige Gestaltungselemente. Der Boden ist mit großen hellen Travertin-Platten im römischen Verband belegt. In der Mitte des Platzes – sichtbar von vielen Räumen – befindet sich der skulpturale Brunnen »Spitting heads«. Von unsichtbarer Kinetik gesteuert neigen sich zwei skizzenhaft gezeichnete Köpfe vor und zurück und prusten sich immer wieder für einen kurzen Moment mit einem gezielten Wasserstrahl an. Die Köpfe sind aus massivem zehn Zentimeter dicken Aluminium. Ein weiterer Blickfang ist die Fassade zum Ballroom. Sie wurde mit einem unregelmäßigen Muster aus Ziegelsteinen überzogen. Der weite Versprung einzelner quer gemauerter Steine bietet während des Tagesverlaufs ein Schattenspiel: Durch verschiedene Einstrahlwinkel der Sonne entstehen immer wieder neue Texturen.

Abb.: Der Blue Room wurde für VIP Dining und geschlossene Gesellschaften geschaffen. Der Name stammt von einer freigelegten Steinwand, die blau schimmert. Blaue LED-Spots verstärken diesen Eindruck. Zentrale Lichtinstallation sind drei »Glowing Wings«, die von Segelflugzeugen in Leichtbauweise inspiriert wurden und sanftes atmosphärisches Licht abgeben. Foto: Ingo Maurer/Tom Vack Tom Vack
Abb.: Die mystische Atmosphäre der Wine Bar wird durch eine »Flying Flames«-Installation hervorgehoben. Die LED-Kerzen stellen die ideale Verbindung des archaischen Feuerlichts mit High-Tech dar. Foto: Ingo Maurer/Tom Vack Tom Vack
Abb.: Der »Golden Room« dient als Lese- und Ruheraum sowie für private Empfänge. Alle Fenster und umlaufende Wandflächen sind mit hohen goldfarben lackierten Holzlamellen ausgestattet. Neben einer »Yoruba Rose« von Ingo Maurer sorgen vier neu entworfene goldene Stehleuchten für warmes Licht. Foto: Ingo Maurer/Tom Vack Tom Vack
Abb.: Der Ballroom ist ein multifunktionaler Raum, der für festliche Konzerte genutzt wird und mit einer beeindruckenden Akustikdecke ausgestattet wurde. Für die Beleuchtung wurden drei große Stahlringe mit einem Durchmesser von 5-7m kreiert. Daran befestigt sind unterschiedlich große Glühlampen. Diese geben nicht selbst Licht ab, sondern werden von LEDs beleuchtet, die in die Ringe integriert sind. Foto: Ingo Maurer/Tom Vack Tom Vack

Inspiration für neue Leuchten

Nicht nur zahlreiche bekannte Ingo Maurer-Leuchten zieren das Hotel, es wurden auch viele neue Objekte für das Hotel kreiert. Dazu zählen unter anderem goldene Stehlampen für den Golden Room, Flaschenlüster für die Lounge und die neue »Butterflies Dreaming«, eine überdimensionale Glühlampe mit einem Durchmesser von 60 cm, die von 20 hochwertigen Replika von Insekten und Schmetterlingen umflogen wird. Einzigartig sind auch die drei »Glowing Wings« im VIP Dinner Raum, die an Flugflächen von Segelflugzeugen erinnern.

Weitere Informationen:

Ingo Maurer GmbH, München, www.ingo-maurer.com

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Licht 3 | 2020

Erschienen am 27. April 2020