Planung
Licht 8 | 2020

Interaktiv Reisen im Museum

Das »Musehum« setzt auf multisensorische Erfahrung

In Rio de Janeiros »Musehum der Kommunikations- und Geisteswissenschaften« geht es darum, die Geschichte der Telekommunikation auf immersive Weise zu vermitteln. Der Mensch steht dabei im Mittelpunkt und ist dazu eingeladen, eigene Erfahrungen zu machen. Die Agentur Cactus aus den USA hat das Konzept entwickelt und setzte dafür modernste Technologien ein – von Virtual Reality bis hin zum Internet of Things.

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Abb.: Das Kuriositätenkabinett präsentiert über 400 Exponate innerhalb von raumhohen Ausstellungsflächen. Um eine gleichmäßige Ausleuchtung zu erhalten, wurden sei mit 5050 LED-Streifen ausgestattet. Foto: Gabriela Carrera Gabriela Carrera

Was heute als »Musehum der Kommunikations- und Geisteswissenschaften« bekannt ist, begann 1998 als Telefonmuseum in Rio de Janeiro. Dort wurde auch die Telefonstation Beira-Mar betrieben. Im Jahr 2007 wurde die Einrichtung zum Telekommunikationsmusem weiter ausgebaut, um auf die Entwicklungen in der wachsenden Mobil- und Telekommunikationsindustrie zu reagieren. Zehn Jahre später wurde 2017 die New Yorker Agentur Cactus damit beauftragt, das Museum nochmals neu zu positionieren.

Teilnehmer und zugleich Zuschauer sein

Cactus wollte die Umgebung für ein zeitgemäßes, modernes Museum schaffen, das sich innovativ mit der Vergangenheit, der Gegenwart und auch der Zukunft der Telekommunikation beschäftigt. Die Idee des »Musehum« nimmt bereits im Namen Bezug auf den Menschen, das »H« steht für Humanität. Der Mensch sollte im Mittelpunkt der musealen Erfahrung stehen und ihm die Möglichkeit geben, sich mit den technischen Inhalten und Geräten in Beziehung zu setzen. Die Auseinandersetzung mit diesem Thema sollte angeregt werden – wie haben die unterschiedlichen Formen geräteunterstützter Kommunikation das Leben der Menschen verändert, und welchen Einfluss nehmen die Social Media-Kanäle heutzutage auf jeden einzelnen von uns?

Die Ziele des Projekts wurden mit drei Hauptaspekten definiert: Interaktion, das Reflektieren über sich selbst und das menschliche Miteinander, vor allem in Bezug auf eine zunehmend technisiertere Gesellschaft. Cactus schuf dafür unterschiedliche Stationen innerhalb des »Musehum«, die den Besucher durch interaktive Installationen informieren und ihn gleichzeitig zum Teil der Ausstellung machen. Der Gast ist nicht nur passiver Konsument, sondern wird durch eigene Handlung Teil der Ausstellung. Jeder Besucher soll auf seinem Weg durch das »Musehum« ein dynamisches und individuelles Erlebnis erhalten.

Cabinet of Curiosities & Digital Windows

Das »Musehum« bietet eine Sammlung von über 400 Gegenständen, historische Objekte aus verschiedenen Epochen, darunter Telefonapparate, Mobiltelefone, Kameras, Radios, Fernseher oder Computer. Innerhalb eines großformatigen Ausstellungsregals, dem so genannten Kuriositätenkabinett (Cabinet of Curiosities), sind sie in Nischen zusammengefasst. Teilweise sind die Gegenstände offen präsentiert, so dass die Besucher sie anfassen können. »Wir wollten eine konstante Beleuchtung, die das physische Objekt gleichmäßig ausleuchtet«, erklärt Lucas Werthein, Gründer und Leiter für Technik und Produktion bei Cactus. »Wir haben 5.050 LED-Streifen dort integriert, um diesen Lichteffekt zu erzeugen. Da das Museum keine natürliche Beleuchtung hat und sich in einer kontrollierten Umgebung befindet, war es nicht sinnvoll, RGB-LEDs zu verwenden.«

Interaktive Touchscreens dienen als »Digitale Fenster« (Digital Windows). Eine umfangreiche Bibliothek aus über 130.000 Objekten, Dokumenten und Verzeichnissen aus den Archiven der technischen Datenbank des Museums dokumentieren die 140-jährige Geschichte der Telekommunikation. Sowohl die Exponate der Sammlung als auch die Multimedia-Inhalte werden immer wieder verändert, so dass die Gäste bei jedem Besuch eine neue Sichtweise gewinnen können.

Folds of Time – Virtual Reality

Über VR-Brillen tauchen die Besucher in eine virtuelle Welt ein. Cactus kreierte dafür die digitale Realität eines Telefonisten, der in einer Telefonzentrale arbeitet. Der Gast kann Telefongespräche und Anfragen mit anhören, die an den Telefonisten gerichtet werden. Diese virtuelle Umgebung wurde anhand realer Fälle erstellt, die auf dem Archivmaterial des Museums basieren.

Abb.: Über eine Virtual Reality-Brille reist der Besucher in die Vergangenheit. Er erlebt das historische Gebäude und die Arbeit eines Telefonisten in der damaligen Telefonstation Beira-Mar. Foto: Gabriela Carrera Gabriela Carrera

Abb.: Die Digitalen Fenster umfassen vier große Touchscreen-Monitore, darüber finden die Besucher Zugriff auf mehr als 130.000 Objekten, etwa auf historische Fotos, Dokumente und Telefonbücher. Foto: Gabriela Carrera Gabriela Carrera

Immersive Networks – The Wheel

»The Wheel« ist sicherlich das Highlight der Ausstellung. Es handelt sich um einen komplett verspiegelten Raum, in dem die Grenzen verschwinden und sich alle Flächen aufzulösen scheinen. Gäste betreten diesen Bereich in Gruppen und werden von Licht, Klängen und visuellen Effekten umspült. Lucas Werthein beschreibt das Konzept: »Wir haben hochwertige Spiegel verwendet, die millimetergenau kalibriert wurden, um einen Unendlichkeitseffekt zu erzeugen. Es war so viel Feinabstimmung erforderlich, um die Illusion aufrechtzuerhalten, dass es etwa sieben Tage dauerte, um die Spiegel aufzustellen. Es gibt eine 1,8 Millimeter-LED-Wand, die in der Decke integriert ist, sie ist für die Darstellung der interaktiven Inhalte verantwortlich.«

»The Wheel« erfordert mindestens zwei Besucher, die ihre persönlichen Daten in das System eingeben. »Wir fordern die Benutzer auf, Fragen zu ihren Verbindungen im Internet zu beantworten« so Lucas Werthein. Um diese Daten im Raum dreidimensional optisch darzustellen, hat Cactus einen Algorithmus entwickelt. So werden die Leistung und Reichweite der Verbindungen der Nutzer berechnet und dann an allen Flächen visualisiert. »Anhand der Informationen, die sie vor dem Betreten des Raumes auf einem Tablet eingeben, hat jeder Benutzer ein einzigartiges Erlebnis. Diese Informationen werden in Echtzeit visualisiert«, erklärt Lucas Werthein.

Diese Installation soll verdeutlichen, welche digitalen Spuren jeder Mensch im Netz hinterlässt. Das »Musehum« möchte damit auf die Notwendigkeit aufmerksam machen, die Kontakte und Verbindungen außerhalb dieser digitalen Welt weiter zu pflegen und zu erhalten.

Abb.: Um die perfekte Illusion für »The Wheel« zu kreieren, mussten die Spiegel exakt kalibriert werden. In der Decke ist eine 1,8 mm-LED-Wand integriert, über die die digitalen Inhalten gesteuert werden. Foto: Renata Mello Renata Mello

Abb.: »The Wheel« bezeichnet den verspiegelten, unendlich erscheinenden Raum, in dem die Gäste von digitalen Inhalten umgeben sind, die über einen Algorithmus aus ihren eigenen Daten gewonnen werden. Foto: Gabriela Carrera Gabriela Carrera

Super Selfie

Beim Betreten des Museums kann jeder Besucher ein Selfie machen, aus dem ein großes, digitales 3D-Foto erzeugt wird. Mit der abstrahierten Version des eigenen Bildes wird der Gast Teil der interaktiven Ausstellung.

Abb.: Bei Betreten des »Musehum« haben die Besucher die Möglichkeit, ein Selfie zu machen. Dieses wird als großes Digitalfoto übersetzt und erscheint im Museum. Der Gast wird so Teil der Ausstellung. Foto: Gabriela Carrera Gabriela Carrera

Ein neues Format

Das High Tech-Ausstellungsdesign des Museums ermöglicht den Kuratoren, die Inhalte häufiger zu erneuern, so dass das Publikum bei jedem Besuch neue Erfahrungen sammeln kann. Ziel der Agentur war es, im »Musehum« die Geschichte der Telekommunikation avantgardistisch darzustellen und multisensorisch erlebbar zu machen. Dafür nutzten sie dynamische Installationen, Virtuelle Realität, Touchdisplays, 3D-Digitalfotografie und IoT. Die Neugestaltung basiert auf Forschungsergebnissen einer von Oi, Brasiliens führendem Telekommunikationsunternehmen, und Consumoteca durchgeführten Umfrage, »Narratives for the Museum Future« (Erzählungen für die Zukunft des Museums). Die Feldstudie wurde 2019 in ganz Brasilien durchgeführt und kam zu dem Ergebnis, dass die meisten Museumsbesucher technische Hilfsmittel zur Unterstützung bevorzugen. Außerdem sagten 50 Prozent der Befragten, sie würden ein Museum nur einmal besuchen.

Das »Musehum« für Kommunikation und Humanität wurde mit Hilfe von Oi Futuro, einer gemeinnützigen Organisation zur Unterstützung von Bildung und Kultur, und dem Ministerium für Staatsbürgerschaft (Ministry of Citizenship) gefördert.

Über Cactus

Cactus entwickelt für seine Kunden Projekte, die die digitale und physikalische Welt zusammenführen. Das multidisziplinäre Team setzt sich aus Spezialisten aus den Bereichen Strategieberatung, Software Engineering, Architekturdesign, Markendesign und User Experience zusammen. Sie führen Büros in New York und Rio de Janeiro.

Weitere Informationen:

Projekt: Musehum der Kommunikations- und Geisteswissenschaften, Rio de Janeireo, https://oifuturo.org.br/espacos/musehum

Agentur: Cactus, New York, www.cactus.is

Autorin: Andrea Mende, freie Redakteurin, Leipzig

Dieser Artikel ist erschienen in

Licht 8 | 2020

Erschienen am 26. Oktober 2020