Planung
Licht 7 | 2021

Im Takt der neuen Arbeitswelt

Lichtplanung für den Wikinghof in Berlin

Der denkmalgeschützte Wikinghof verbindet Arbeiten und Wohnen auf ungezwungene Art. In den Räumlichkeiten der Deutschlandzentrale eines schwedischen Immobilienunternehmens wird deutlich, dass Ästhetik und Wohlbefinden auch in modernen Arbeitsumgebungen einen Platz finden. Dazu tragen insbesondere die Architektur und die Lichtplanung bei, die Lichtvision Design und Vukovic+Rogulj Architekten in engem Austausch umgesetzt haben.

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Abb.: Das Lichtkonzept im Wikinghof folgt dem Prinzip »The Light Art Of Work«: Die Arbeitsumgebung soll leicht erscheinen, während das omnipräsente Licht eine angenehme und entspannte Atmosphäre erzeugt. Akelius GmbH

Bereits seit 20 Jahren ist der Berliner Wikinghof ein Baudenkmal. Seine Geschichte reicht jedoch zurück bis ins Jahr 1899, als auf dem Grundstück ein erster Gewerbehof entstand. Das Mietshaus Wikinghof am Erkelenzdamm wurde 1912 erbaut. Die Nutzung hat sich seitdem nicht verändert: Noch heute besteht das Gebäudeensemble aus einem Vorderhaus mit zehn Wohnungen und drei Gewerbehöfen im rückwärtigen Bereich.

Alt und neu im Wechselspiel

Im Rahmen einer Sanierung wurden zunächst nachträgliche Einbauten entfernt, um den ursprünglichen Loft-Charakter wieder freizulegen. Anschließend wurde die von Grund auf sanierte Baustruktur um zeitgenössische Einbauten ergänzt, um eine moderne Wohn- und Arbeitsumgebung zu schaffen. Die historische, industrielle Struktur bleibt klar erkennbar.

Heute stehen den Mitarbeitenden eines schwedischen Immobilienkonzerns, der auch Bauherr der Kernsanierung war, nicht nur 370 wohnlich anmutende Arbeitsplätze auf sechs Etagen zur Verfügung, sondern unter anderem ein Restaurant, eine Sauna, eine Bibliothek, eine Sky-Bar, eine Kita und sogar ein Meditationsraum.

Nahezu meditativ präsentiert sich auch das Lichtkonzept von Lichtvision. Es verschmilzt mit der Innenarchitektur von Vuković+Rogulj, wird reflektiert und gelenkt und findet so in dem offenen Arbeitsumfeld seinen eigenen Rhythmus zwischen den Büroräumen und Ruhezonen. Der Wechsel der Lichtrichtung gibt den Takt an und rhythmisiert den Raum.

Abb.: Wer im Wikinghof arbeitet, kann in der Bibliothek, einer Sauna oder im Meditationsraum entspannen und findet dabei immer durchdachtes und wohnlich anmutendes Licht vor. Das Licht dekorativer Pendelleuchten sorgt für ein angenehmes Ambiente. Akelius GmbH

Abb.: In verschiedenen Bereichen wie dem Meditationsraum schafft das Licht eine angenehme und entspannte Atmosphäre. Das Lichtkonzept verfolgt stets den Ansatz, Blendpunkte zu minimieren. Akelius GmbH

Eine Lichtidentität für jeden Raum

Innenarchitektur und Lichtplanung standen unter der Prämisse »The Light Art Of Work«. »Light« beschreibt sowohl eine leichte und unkonventionelle Arbeitsumgebung als auch das omnipräsente Licht, das seine Umgebung definiert und nicht nur funktional ist, sondern eine angenehme und entspannte Atmosphäre schafft. Jeder Raum verfügt deshalb über drei Lichtszenarien: direkte funktionelle, indirekte atmosphärische und individuelle akzentuelle. Für jeden Raum und jede Funktion das optimale Lichtprodukt zu finden war ein intensiver Prozess. Am Ende arbeiteten die Architekten und Lichtplaner mit über 100 verschiedenen Leuchten von mehr als 20 Herstellern.

Die Raumabfolge und unterschiedlichen Raumnutzungen werden unterstützt durch unterschiedliche Lichtwerkzeuge und Lichtrichtungen. Die Lichtquelle ist als Lichtobjekt sichtbar oder in die Innenarchitektur integriert, um die Innenausbauelemente stärker herauszuarbeiten. Die typische Konstellation von Berliner Vorderhaus mit dekorativen Stuckdecken und Hinterhaus mit historischen Kappendecken wurde über stilbildende Elemente zusammengeführt.

Abb.: Die Lichtquellen in den verschiedenen Bereichen des Wikinghofs sind als Lichtobjekt sichtbar oder in die Innenarchitektur integriert, um die Innenausbauelemente stärker herauszuarbeiten. Akelius GmbH

Die Büroräume sind als strukturierte Open-Space-Bereiche konzipiert, in denen sich Arbeitsbereiche, frei aufgestellte Möbel, Telefonboxen, Teeküchen, Fitness-Corner, Entspannungsbereiche und Privatzonen abwechseln. Freiflächen wurden mit einer linear gestaffelten Lichtführung versehen. Die eher privaten Bereiche wie Telefonkabinen und Besprechungsräume sind mit dekorativen Pendelleuchten in freier Anordnung ausgestattet. Sie bringen eine spielerische Komponente im Kontrast zu den deckenorientierten Lichtlinien im Open-Space-Bereich. Über Licht-Pools, die dem allgemeinen Ansatz folgen, Blendpunkte zu minimieren und die Leuchten in die Raumgestaltung zu integrieren, erhalten die unterschiedlichen Einzelfunktionen eine eigene Lichtidentität.

Die Verkehrsflächen heben sich deutlich von anderen Bereichen ab: Sie verfügen über großformatige, hinterleuchtete Leuchtkästen mit Kunstdrucken bekannter Gemälde, die Besuchende durch die gesamte Anlage führen. Die Außenflächen der Immobilie, die Dächer und die Wände im Hof wurden bis auf die notwendigen Verkehrsflächen begrünt und mit Sitzgelegenheiten ausgestattet. Um die Außenbeleuchtung zu regeln, kommt eine astronomische Uhr zum Einsatz.

Abb.: Die Verkehrsflächen verfügen über großformatige, hinterleuchtete Leuchtkästen mit Kunstdrucken bekannter Gemälde, die Besucher durch die gesamte Anlage führen. Akelius GmbH

Abb.: Die Außenfläche wurde bis auf die notwendigen Verkehrsflächen begrünt. Die Außenbeleuchtung wird mittels einer astronomischen Uhr geregelt. Akelius GmbH

Wie Licht New Work fördern kann

Eine besondere Herausforderung bei dem Projekt war es, den New-Work-Ansatz bei der Lichtplanung zu berücksichtigen. Insbesondere das Zusammenspiel von Akustik und Licht musste dafür im Open-Space-Bereich in einen holistischen Kontext gebracht werden. New Work beschreibt den strukturellen Wandel der Arbeitswelt, in dem Werte, Digitalisierung, aber auch Selbstbestimmtheit und Flexibilität eine große Rolle spielen.

Abb.: Offene Arbeitsbereiche sind nicht nur für die Lichtplanung eine besondere Herausforderung, sondern auch für die Akustik. Lichtdurchlässige Vorhänge schaffen optische und akustische Ruhe. Akelius GmbH

Architektonisch drückt sich New Work in offenen Bürolandschaften aus. Sie transformieren und fördern die Kommunikation unter Kollegen. Der Austausch wird betont, das Gemeinsame wird zur Regel, während konzentriertes Arbeiten oder Telefonieren Insellösungen erfordern. Zudem verwischen die Grenzen zwischen der Arbeit an einem festen Arbeitsplatz und in anderen Bereichen, etwa an Rückzugsorten für das Silent Working. Das Wechselspiel von Großraum und dem individuellen Maßstab als Raumgefühl und als Blickbeziehung müssen in Einklang gebracht werden.

Arbeitsplätze werden in Zukunft eine Mehrfachbelegung erfahren. Die Individualisierung des Arbeitsplatzes mit Hilfe von Licht und Lichtsteuerung erhält dadurch eine noch stärkere Bedeutung. Im Wikinghof lautete die Devise der Planung »keep it simple« – die Lichtsteuerung erfolgt grundsätzlich über Präsenzmelder, um den Energieverbrauch und die Ergonomie zu optimieren. In ausgewählten Bereichen wurde jedoch eine lokale Schaltung vorgesehen: An jedem Arbeitstisch lässt sich das Licht manuell steuern, entweder über kabellose Taster am Arbeitstisch, oder digital über Laptop und Smartphone.

Synergien für ein vielschichtiges Beleuchtungskonzept

Die enge Zusammenarbeit zwischen Vuković+Rogulj und Lichtvision Design in der Entwurfsphase ermöglichte es den Innenarchitekten, den finalen Entwurf in der Bauphase in ein ansprechendes Erscheinungsbild zu bringen. »Die hervorragende Synergie mit den Architekten Vukovic+ Rogulj hat dieses Projekt erst so möglich gemacht. Es war ein großes Glück, dass die Architekten in Licht denken und in Lichtstimmungen«, sagt Carla Wilkins, Lichtplanerin und Founding Partner von Lichtvision Design, über die Zusammenarbeit.

Das Lichtdesign schafft mit individuell entworfenen Einrichtungselementen eine integrierte Lösung. Denn nicht nur die in dem Projekt eingesetzten natürlichen Materialien, sondern auch das vielschichtige Beleuchtungskonzept, schwebende akustische Elemente und großformatige, mit Kunstwerken bedruckte, akustische Leuchtkästen ergänzen und betonen die historische Bausubstanz. So entsteht mühelos ein gestalterisches Gesamtkonzept, das skandinavisch inspirierte Akzente setzt, ohne den Berliner Charakter des Baudenkmals zu verfälschen.

Weitere Informationen:

Projekt: Wikinghof, Berlin-Kreuzberg

Architekturentwurf und Projektsteuerung: Vuković+Rogulj Gesellschaft von Architekten mbH, Berlin, www.vr1.eu

Lichtplanung: Lichtvision Design, Berlin, www.lichtvision.com, Vuković+Rogulj

Autorin: Sabrina Quente, Redakteurin LICHT

Fotos: Akelius GmbH

Dieser Artikel ist erschienen in

Licht 7 | 2021

Erschienen am 24. September 2021