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Licht 9 | 2022

Im Dienste der Nacht

Im Gespräch mit Dark Sky Ambassador Torsten Wicke

Als Dark Sky Ambassador bei WE-EF stellt Torsten Wicke traditionelles Denken über künstliches Licht in Frage – mit dem Ziel, überflüssige Beleuchtung zu reduzieren oder zu verhindern. Wir sprachen mit dem Beleuchtungsprofi über den Verlust der Nacht und die Möglichkeiten, der Lichtverschmutzung Einhalt zu gebieten.

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Abb.: »In einer Welt, in der Lichtverschmutzung die am schnellsten wachsende Umweltbelastung darstellt, müssen wir Flora und Fauna schützen und die Beleuchtung auf ein vernünftiges Minimum reduzieren«, warnt Torsten Wicke. Foto: Adobe Stock iceberg10 / stock.adobe.com

LICHT: Welche Aufgabenbereiche haben Sie als WE-EF Dark Sky Ambassador?

Torsten Wicke: Wir wollen den verantwortungsvollen Umgang mit künstlichem Licht vorantreiben und dafür sorgen, dass es nur dort eingesetzt wird, wo es gebraucht wird und nur dann, wenn es gebraucht wird. In einer Welt, in der Lichtverschmutzung die am schnellsten wachsende Umweltbelastung darstellt, müssen wir Flora und Fauna schützen und die Beleuchtung auf ein vernünftiges Minimum reduzieren. Dafür haben wir eine Reihe von Ansätzen, zum Beispiel intelligente Steuerung und sorgfältige Abschirmung des Lichts, damit es genau dorthin gelangt, wo es für die Sicherheit der Menschen benötigt wird. Es gehört zu meinen Aufgaben, solche Ansätze bei jeder Neuentwicklung von Produkten einfließen zu lassen.

Abb.: Torsten Wicke ist Dark Sky Ambassador und Lighting Designer im Global Lighting Solution Department bei WE-EF. Er sorgt bei der Neuentwicklung von Produkten bspw. dafür, dass mit intelligenten Ansätzen und Technologien, das Licht genau dorthin gelangt, wo es benötigt wird. WE-EF

LICHT: Was verstehen Sie unter dem Begriff Dark Sky?

TW: Möglicherweise erinnern sie sich noch, wie es war, als Kind zum ersten Mal den wolkenlosen Nachthimmel mit seinen Milliarden Sternen, der Milchstraße und vielleicht einer Sternschnuppe zu sehen: ein unvergessliches Erlebnis. In der Nähe einer Stadt können wir dieses Naturschauspiel nicht mehr erleben, denn eine »Lichtglocke« über unseren Köpfen verhindert den Blick zu den Sternen. Wissenschaftler haben hierfür die Bortle-Skala entwickelt, sie ist ein neunstufiges numerisches Maß für die Helligkeit des Nachthimmels an einem bestimmten Ort. Sie quantifiziert die astronomische Sichtbarkeit von Himmelsobjekten und die durch Lichtverschmutzung verursachten Störungen. Hiernach sind z. B. in Europa ungefähr 60 % der Bevölkerung nicht mehr in der Lage, die Milchstraße am Nachthimmel zu erleben, nahezu 99 % leben unter einem lichtverschmutzten Himmel. In den Medien tauchen für dieses Phänomen verschiedene Begriffe auf, dank der sehr aktiven Dark-Sky Initiative ist Dark-Sky wohl der bekannteste – weitere sind Artificial Light at Night (ALAN), Lichtverschmutzung oder Photopollution.

»In Europa sind etwa 60 % der Bevölkerung nicht mehr in der Lage, die Milchstraße am Nachthimmel zu erleben, nahezu 99 % leben unter einem lichtverschmutzten Himmel.«

LICHT: Sehen Sie immer noch einen großen Bedarf an Aufklärung?

TW: Ich denke schon. Wenn wir über den Verlust der Nacht sprechen, dann betrifft das einen Schaden von immensen Dimensionen – volkswirtschaftlich wie ökologisch. Angefangen bei den Kosten für all die ungerichtete, als Uplight oder Streulicht verschwendete Energie sowie deren Folgekosten, die sich durch ihren Einfluss auf den Klimawandel ergeben. Dann die Kosten für das Gesundheitssystem durch von Schlafstörungen bedingte Krankheiten, nicht zuletzt ein erhöhtes Krebsrisiko. Und die Kosten für die Landwirtschaft wegen Ertragsreduktion als Folge von gestörten Nahrungsketten von Nütz- und Schädlingen oder ausbleibender Bestäubung. Das Fazit ist, das wir mit der künstlichen Beleuchtung sensibler umgehen müssen – wir bei WE-EF sprechen hier von Night Sensitive Lighting.

Abb.: Der sensible Umgang mit künstlicher Beleuchtung sollte bereits bei der Neuentwicklung von Produkten berücksichtigt werden. Bei WE-EF spricht man von Night Sensitive Lighting (im Bild: Projekt Seebrücke Heiligendamm, Foto: Frieder Blickle). Frieder Blickle
Abb.: Innovative Technologien unterstützen die Optimierung der Produktentwicklung, wie bspw. die Berechnung optimierter Linsen zur Lichtlenkung, LEDs mit reduziertem Blauspektrum oder ressourcenschonende Konstruktionsmethodik (im Bild: Endeavour Park, Foto: Ralph Alphonso). Ralph Alphonso

LICHT: Was bedeutet es konkret, bei der Beleuchtung die Natur der Nacht zu respektieren?

TW: Alle Aktivitäten von WE-EF, vom Leuchtendesign bis zum Produktionsprozess, basieren auf dem Prinzip der Langlebigkeit. Jeder Schritt umfasst die Verantwortung für den Umweltschutz und den effektivsten Einsatz von Ressourcen. Wir orientieren uns an den »Fünf Prinzipien für verantwortungsvolle Außenbeleuchtung« der International Dark-Sky Association (IDA) und der Illuminating Engineering Society (IES): Nützlich – alles Licht sollte einen klaren Zweck haben. Niedrige Beleuchtungsstärken – das Licht sollte nicht heller als nötig sein. Kontrolliert – Licht sollte nur dann eingesetzt werden, wenn es sinnvoll ist. Lichtfarbe – so warm wie möglich. Gezielt – das Licht sollte nur dorthin gelenkt werden wo es benötigt wird.

LICHT: Wie hilft uns die Technologie dabei, diese wahrgenommene Kluft, diesen Konflikt zwischen Sicherheit und Sensibilität zu überbrücken?

TW: Ganz klar: Es gibt zwingende Gründe, bestimmte Bereiche mit künstlicher Beleuchtung auszustatten – auch weiterhin. Um diese notwendigen Anwendungen so effizient und nachhaltig wie möglich zu gestalten, stehen uns vielfältige Technologien zur Verfügung: Von der Berechnung von optimierten Linsen zur Lichtlenkung und neuesten LEDs mit höherer Lichtausbeute pro Watt bei reduziertem Blauspektrum über die Nutzung von erneuerbaren Energien im Produktionsablauf und die Verwendung von recyclebaren Materialien bis zur ressourcenschonenden Konstruktionsmethodik. Es werden lichttechnische Daten zur Verfügung gestellt, die in vielfältigen Computerprogrammen von der einfachen Lichtberechnung bis hin zu aufwendigen 3D-Realtime-Animationen genutzt werden, um diese Lichtwerkzeuge auch optimal einzusetzen. Der wichtige Punkt ist aber, dass wir den Leuchten Intelligenz hinzufügen und sie miteinander vernetzen. Über Sensoren erfasste Daten werden für die aktive Steuerung der Leuchten genutzt, Informationen werden von Leuchte zu Leuchte weitergegeben und können zentral ausgelesen und genutzt werden.

LICHT: Herr Wicke, vielen Dank für das Gespräch!

Weitere Informationen:

International Dark-Sky Association (IDA), www.darksky.org

Illuminating Engineering Society (IES), www.ies.org

Artificial Light at Night (ALAN), www.artificiallightatnight.org

WE-EF Leuchten GmbH, Bispingen, www.we-ef.com

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