Planung
Licht 9 | 2020

Historischer Schauplatz

1000-jährige Sakralarchitektur im modernen LED-Licht

Die UNESCO-Weltkulturerbstätte im Herzen von London ist eine der meist besuchten Kirchen der Welt. Hier werden seit dem 12. Jahrhundert Englands Könige gekrönt und auch beigesetzt. Im Zuge einer aufwändigen Beleuchtungsmodernisierung stattete das Planungsbüro Speirs + Major den majestätischen Kirchenraum mit einer leistungsstarken LED-Lichttechnik aus, die die architektonische Formensprache des Sakralbaus mit einer festlich-stimmungsvollen Beleuchtung inszeniert.

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Abb.: Programmierte Lichtsettings unterstützen stimmungsvoll die Liturgiefeiern, während im Rahmen von Konzerten ruhige Lichtchoreografien mit weichen Übergängen die Musik untermalen. © by Speirs + Major and James Newton, www.jnphotographs.co.uk

Besucher aus aller Welt lassensich jedes Jahr vom Reiz der fast 1000 Jahre alten Kathedrale in den Bann ziehen, deren Grundsteinlegung auf das Jahr 1045 zurückgeht. Am 28. Dezember 1065 fertiggestellt, wurde Jahre später unter der Regierung Heinrich III. die ursprünglich romanische Kirche durch einen Sakralbau im Stil der Frühgotik ersetzt. Über 400 Könige und andere bekannte Persönlichkeiten wie Isaac Newton und Georg Friedrich Händel ruhen hier.

Das Planungsbüro Speirs + Major zeichnete verantwortlich für eine lichttechnische Neuinstallation, die die alte Innenbeleuchtung aus dem frühen 20. Jahrhundert unter Berücksichtigung der historischen Bausubstanz und der konservatorischen Vorgaben nun durch eine moderne, energieeffiziente Lichttechnik ersetzt. Das Beleuchtungskonzept von Speirs + Major ist das zweite umfassende Lichtdesign für die Westminster Abbey. Nach einem komplexen Planungsprozess und in intensivem Dialog mit dem Entscheidungsgremium stellten die Lichtplaner 2020 die erste Phase des aufwändigen Projektes fertig. Hauptschiff, Chor sowie nördliches und südliches Querschiff erscheinen nun in neuem LED-Licht, das über ein weitgehend kabelloses Managementsystem angesteuert wird.

Abb.: Das fein aufeinander abgestimmte Zusammenspiel der komplexen Lichttechnik betont die nach oben strebende Architektur und die monumentale Weite des Kirchenraums. © by Speirs + Major and James Newton, www.jnphotographs.co.uk

Präzise Inszenierung des Kirchenraumes

In der ersten Umsetzungsphase wurden die zwei Hauptelemente des Beleuchtungskonzeptes realisiert, nämlich die Umrüstung der sechzehn prachtvollen Waterford-Kristallüster auf LED-Licht sowie die behutsame Installation von leistungsstarken Spotlights mit hohem Lumenpaket an strategischen Stellen im Kirchenraum. Mit Hilfe von Mock-Ups wurden die geeigneten Lichtquellen evaluiert. Die Wahl fiel auf LED-Lichttechnik aus dem Portfolio von Mike Stoane Lighting, die mit unterschiedlichen Leistungen und Lichtkegel-Geometrien die verschiedenen Beleuchtungsaufgaben in dem monumentalen Kirchenraum spielerisch erfüllt.

Abb.: Nach der Umrüstung auf LED-Leuchten mit Tunable-White-Technologie sind bei den Kristalllüstern unterschiedliche Lichtsettings möglich. Je nach Anlass können diese hochgefahren oder abgesenkt werden. © by Speirs + Major and James Newton, www.jnphotographs.co.uk
Abb.: Jeder der insgesamt 16 Leuchter besteht aus 500 federförmig mundgeblasenen und handgeschliffenen Kristallen, die auf drei Ebenen arrangiert sind. Im Zuge der Modernisierung wurden die Lüster mit 56 LED-Modulen in Tunable-White-Technologie bestückt. © by Speirs + Major and James Newton, www.jnphotographs.co.uk

Vielseitige Lichttechnik für unterschiedliche Beleuchtungsaufgaben

Die drei Meter hohen und neunzig Zentimeter breiten Waterford-Kristalllüster stammen aus dem Jahr 1965 und sind ein Geschenk der Brauereifamilie Guinness. Mehr als vierzig Jahre dienten sie im Hauptschiff sowie im Nord- und Südquerschiff als lichttechnisches Hauptelement und übernahmen die Grundbeleuchtung. Jeder der insgesamt 16 beeindruckenden Leuchter besteht aus 500 federförmig mundgeblasenen und handgeschliffenen Kristallen, die auf drei Ebenen arrangiert sind. Im Zuge der Modernisierung bestückten die Lichtplaner jeden Lüster mit 56 LED-Modulen in Tunable-White-Technologie. Jede Ebene kann nun einzeln angesteuert werden, so dass Farbtemperatur und Helligkeit tageslichtdynamisch oder dem jeweiligen Anlass entsprechend individuell angepasst werden können.

Abb.: Die neue Beleuchtung zeichnet sich durch Brillanz und Präzision aus. Enorme Beleuchtungsdistanzen werden spielerisch überbrückt, und zugleich fügen sich die leistungsstarken Lichtquellen dezent in die Umgebung ein. © by Speirs + Major and James Newton, www.jnphotographs.co.uk

Vom Triforium aus erfolgt unter anderem die Funktionalbeleuchtung der Grundebene. 60 projektspezifisch angefertigte Lichtmasten mit vier bis acht justierbaren Strahlern übernehmen die jeweilige Lichtführung. Dabei nahm die Feinjustierung der insgesamt 338 Spotlights ganze zwei Wochen in Anspruch, um die Lichtkegel je nach ihrer Beleuchtungsaufgabe präzise auszurichten. So erscheint auf dem Boden der Kathedrale ein einheitliches Beleuchtungsbild mit weichen Lichträndern, während zugleich der Hochaltar erhaben inszeniert wird. Kleine, architektonische Details werden erstmals sichtbar, und zum ersten Mal nach Einbruch der Dunkelheit wird auch das majestätische Kreuzgewölbe mit seiner gotischen Formensprache inszeniert. Die Hochleistungsstrahler sind dimmbar und lassen sich einzeln über Bluetooth ansteuern. Mit ihrem hohen Farbwiedergabewert liefern sie ein brillantes Raumlicht, das kleinste Details sichtbar macht und durch präzise gesetzte Kontraste die Wahrnehmung gezielt lenken.

Die Realisierung nahm ein gutes Jahr in Anspruch, und während der gesamten Arbeiten musste die Westminster Abbey stets zugänglich für die vielen Besucher und offen für die Lithurgiefeiern bleiben, was zu einer weiteren großen Herausforderung für das anspruchsvolle Projekt wurde. Die komplexe Lichtlösung bietet höchste Flexibilität und inszeniert stimmungsvoll die unterschiedlichen Liturgien wie auch besondere Veranstaltungen und Konzerte. Das gesamte Zusammenspiel der Beleuchtung ist präzise aufeinander abgestimmt und lässt sich leicht an unterschiedliche Ansprüche anpassen. Die gezielte Lichtführung hebt gekonnt die Erhabenheit des Bauwerks hervor, zugleich bleiben alle Leuchten zurückhaltend im Hintergrund und dem Blick des Besuchers verborgen.

Abb.: Speirs + Major ersetzte die alte Innenbeleuchtung aus dem frühen 20. Jahrhundert unter Berücksichtigung der historischen Bausubstanz und konservatorischer Vorgaben durch eine moderne LED-Lichttechnik. © by Speirs + Major and James Newton, www.jnphotographs.co.uk
© by Speirs + Major and James Newton, www.jnphotographs.co.uk

Weitere Informationen:

Fertigstellung Phase 1: 2020

Auftraggeber: Dean and Chapter of Westminster Abbey

Lichtplanung: Speirs + Major, www.speirsandmajor.com

Elektroinstallation: Westminster Abbey Clerk of the Works Department / DFB Electrical

Leuchtenhersteller: Mike Stoane Lighting, www.stoanelighting.com

Fotos: © by Speirs + Major and James Newton, www.jnphotographs.co.uk

Autorin: Katrin Labus, Niederlande

Dieser Artikel ist erschienen in

Licht 9 | 2020

Erschienen am 25. November 2020