Planung
Licht 3 | 2021

Heilende Architektur

Fachklinik mit heilsamer Lichtwirkung

Der Neubau der Rehaklinik Passauer Wolf in Bad Gögging ist vom Geist der Healing Architecture inspiriert, die der Genesung von Patienten förderlich sein will. Natürliche Pflanzen sind ein wesentliches Gestaltungsmerkmal. Das Lichtdesign fokussiert sich auf deren gesundes Wachstum sowie auf eine heilsame Lichtwirkung auf die Patienten.

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Abb.: Die Lichtlösung in der Rehaklinik soll das Konzept der Healing Architecture unterstreichen. Die Beleuchtung der vier Olivenbäume im Herzstück des Neubaus wird mit Strahlern realisiert, die zurückhaltend an allen vier Seiten unterhalb der Glaskuppel montiert sind. Foto: Berli Berlinski Berli Berlinski

Natürliche Umgebungen, respektive Nachbildungen von Elementen aus der Natur, gehören zu den wesentlichen Gestaltungsmitteln der sogenannten Healing Architecture. Dieses bereits in den 1980er Jahren entwickelte Konzept beschreibt, wie Architektur das physische und psychische Wohlbefinden von Personal, Patienten und Angehörigen unterstützen kann. Der Neubau der Rehaklinik Passauer Wolf in Bad Gögging ist vom Geist dieser Healing Architecture inspiriert. Denn vom Entree bis in die Patientenzimmer folgte Innenarchitekt Georg Leeb dem Leitbild des Passauer Wolf, mittels Pflanzen, Materialien und Farben möglichst viel Natur ins Haus zu holen.

Olivenbäume, eine begrünte Wand, hohe Tageslichteinträge und innenarchitektonische Nachbildungen von Baumsilhouetten entlang von Wänden machen die öffentlichen Bereiche zu außergewöhnlichen Orten mit hoher Aufenthaltsqualität. Auch die nach einem Entwurf des Innenarchitekten handgeschmiedeten Galerie-Geländer muten wie feine Ranken an. Patienten und Besucher haben den Eindruck, durch einen Wald zu spazieren. Das gedämpfte Farbspektrum aus Naturtönen für Bodenbeläge, Wandverkleidungen und Mobiliar unterstützt diese Anmutung.

Die Beleuchtung wurde im engen Dialog zwischen Ingenieure Bamberger und Georg Leeb konzipiert und verstärkt die Idee seines Entwurfs. Im Fokus standen eine die Photosynthese der natürlichen Pflanzen unterstützende und sich gleichzeitig in das Gesamtbild integrierende Beleuchtung sowie eine für die Reha-Patienten heilsame Lichtwirkung.

Abb.: Das intensive Licht für die Pflanzen sollte keine starken Kontraste zum ruhigen Gesamtbild erzeugen. Für die gesamte Rezeption wählten die Planer daher eine kühlere Lichtfarbe und versahen die Raumwand mit hoher, aber noch angenehmer Leuchtdichte. Michael Bamberger

Licht für die Pflanzen

Insbesondere die begrünte Wand im zweigeschossigen Empfangsbereich des Neubaus erforderte die ganze Aufmerksamkeit der Lichtplaner. Einerseits bedurfte es zur Unterstützung des Pflanzenwachstums eines speziellen Spektrums und hoher Lichtintensität. Andererseits galt es zu vermeiden, dass sich Wand und Leuchten von dem zurückhaltenden Gesamtbild des Klinik-Innenraums absetzen. So wählten die Planer für die gesamte Rezeption eine kühlere Lichtfarbe (4.000 K) und versahen die Raumwand neben dem begrünten Wandsegment mit hoher, aber noch angenehmer Leuchtdichte. Ein unerwünscht starker Kontrast konnte damit vermieden werden.

Sonnenuntergangsstimmung am Kamin

Von der Eingangszone gelangt man zu einem zentral im Aufenthaltsbereich stehenden Kamin, der seitlich von natürlichen Baumstamm-Segmenten eingerahmt wird. Zusätzlich zu den flauschig anmutenden Komfort-Sesseln dienen sie als Sitzgelegenheit. Zur Unterstützung der wohlig warmen Kaminatmosphäre wird der Raum mittels Downlights mit warmtonigem Licht (2.700 K) beleuchtet, das an ein Lagerfeuer im Sonnenuntergang denken lässt. Im Kontrast dazu werden die weißen Baumsilhouetten, die sich in der mit dunklem Holz verkleideten Wand abheben, mit einer Lichtfarbe von 3.000 K akzentuiert. Die Intensität des Akzentlichts wurde präzise austariert, damit die seheingeschränkten Patienten nicht von zu großen Helligkeitskontrasten irritiert werden und sich rundum wohlfühlen. Der Kontrast der Lichtfarben repräsentiert die Dynamik natürlichen Lichts in einem abendlichen Wald.

Abb.: Zur Unterstützung der Kaminatmosphäre wird der Aufenthaltsbereich mittels Downlights mit warmen 2.700 K beleuchtet. Im Kontrast dazu werden die weißen Baumsilhouetten an der Wand mit kühlerer Lichtfarbe akzentuiert. Michael Bamberger

»Vögel« am Himmel

Herzstück des Neubaus ist der von Galerien umgebene viergeschossige Wintergarten, der von einem großen Oberlicht geschlossen wird. Zentral unterhalb dieser natürlichen Lichtquelle platzierte Georg Leeb einen Brunnen, dessen Wirkung auf die Patienten zugleich anregend und beruhigend sein soll. Denn speziell in den niederbayrischen Heilbädern kommt der Wirkung des Wassers, welches ein Grundelement zur Vorbeugung und Genesung von Krankheiten darstellt,

eine tragende Rolle zu. In Anlehnung an die Tradition früherer Bäderarchitektur und als Kontrast zu dem dezenten einfarbigen Bodenbelag rahmte der Innenarchitekt den geradlinigen Brunnen mit einem großen quadratischen Mosaikfliesen-Teppich ein. Mit ihren unterschiedlichsten geometrischen und organischen Designs, die sich abwechslungsreich und doch harmonisch zusammenfügen, setzen die Fliesen ein Highlight.

Zusätzlich zum Element Wasser bringen vier Olivenbäume und eine Hecke die Natur ins Haus. Die Beleuchtung dieses natürlichen Grüns, die auch hier im Mittelpunkt der Lichtplanung stand, wird mit zurückhaltend, an allen vier Seiten unterhalb der Glaskuppel montierten Strahlern (4.000 K) realisiert.

Unregelmäßig von der Glaskuppel abgependelte »Vögel« ergänzen die Grundbeleuchtung des Raums am Tage, bzw. übernehmen diese in den Abendstunden. Bezüglich der Lichtfarbe wurden diese Leuchten, die ein fröhliches, spielerisches Element in den Raum bringen, nach den Wünschen der Lichtplaner modifiziert. Das standardmäßige weiße Licht der Leuchten haben Ingenieure Bamberger durch farbiges Licht, für das sie einen täglich wechselnden Farbkanon in Pastelltönen entwickelt haben, ersetzt. Die Woche startet am Montag mit sechs energetischen Blautönen, die über den Tag variieren. An den kommenden zwei Tagen folgen Türkis- und Grüntöne, die zu Ende der Woche von neutralen Tönen abgelöst werden, bevor der therapiefreie Samstag und Sonntag von einer Palette warmer Rottöne begleitet wird.

Abb.: Im Wintergarten wechseln von der Glaskuppel abgependelte »Vögel« über den Tag und die Woche die Farbe ihres Lichts. Sie bringen ein fröhliches, spielerisches Element in den Raum. Michael Bamberger
Abb.: Für den Wechsel des farbigen Lichts im Wintergarten haben Ingenieure Bamberger einen Farbkanon in Pastelltönen entwickelt. Michael Bamberger

Lichttechnische Flexibilität

Der Besucherraum, der mit Teppichboden, Vorhangstoffen und frei gruppiertem, textilbezogenem Sitzmobiliar eingerichtet ist, lädt die Freunde und Familienangehörigen der Reha-Patienten zum gemeinsamen Verweilen in wohnlicher Atmosphäre ein. Einem englischen Wohnzimmer vergleichbar, bringen zahlreiche Bilder und Deko-Gegenstände an den Wänden eine gewisse Kleinteiligkeit in den ca. 300 m2 großen Saal, um dessen Flächigkeit optisch zu reduzieren. Zur Verstärkung dieses Eindrucks werden die Themenwände von kleinen Stromschienen-Strahlern oder Wandleuchten akzentuiert. Die flächig geführte Grundbeleuchtung hingegen sorgt für ein gleichmäßiges Raumlicht, das auch für Vortragssituationen geeignet ist. Alle Leuchten im Saal sind dimmbar, so dass die Intensität an den Wänden und im Raum den unterschiedlichen Anforderungen angepasst werden können.

Abb.: Die Themenwände des Besucherraums werden von kleinen Stromschienen-Strahlern oder Wandleuchten akzentuiert. Die flächig geführte Grundbeleuchtung hingegen sorgt für ein gleichmäßiges, auch für Vortragssituationen geeignetes Raumlicht. Michael Bamberger

Aktivierendes und entspannendes Licht

In den Patientenzimmern, welche zum großen Teil nach Süden ausgerichtet sind, sind die Tageslichteinträge, auch nach den Vorgaben für Human Centric Lighting, über den gesamten Jahresverlauf ausreichend. Um die Patienten während des Tages zusätzlich zu Wachheit und Aktivität anzuregen, gestaltet das Kunstlicht ausschließlich über Reflexionen helle Decken- und Wandflächen. Dafür wurde die Lichtfarbe 3.000 K gewählt, da auch hier der Wohlfühlfaktor im Vordergrund steht. Es stehen verschiedene Schaltgruppen zur Verfügung, die der Patient einfach bedienen kann. Am Abend ist meist die Nachttischleuchte ausreichend, deren warmes Licht mit 2.700 K gegenüber der kühleren Raumbeleuchtung die Ermüdungsphase unterstützt.

Abb.: In den von hohen Tageslichteinträgen geprägten Patientenzimmern regt das Kunstlicht am Tag über Reflexionen zu Wachheit und Aktivität an. Am Abend reicht meist die Nachttischleuchte aus, deren warmes Licht die Ermüdungsphase unterstützt. Michael Bamberger

Weitere Informationen:

Bauherr: Reha-Zentren Passauer Wolf GmbH, Rotthalmünster

Architekt: Architekturbüro Hummel, Eggenfelden

Innenarchitekt: Georg Leeb, Ruhstorf, www.georg-leeb.de

Lichtplaner: Ingenieure Bamberger, Pfünz bei Eichstätt, www.ibamberger.de

Fotos: Michael Bamberger, Aufmacher: Berli Berlinski

Text: Petra Lasar, freie Journalistin, Rösrath

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