Planung
Licht 8 | 2020

Grüne Oase für Bildung

French International School in Hongkong

So facettenreich wie ihre kaleidoskopartige Fassade ist auch das Lernen in der French International School. Neben kultureller Vielfalt steht auch die Nachhaltigkeit im Fokus: Die Schule gilt als die grünste Hongkongs und nutzt natürliche Gegebenheiten wie Wind und Tageslicht, um das Lernerlebnis abzurunden.

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Abb.: Die French International School in Hongkong ist nicht nur ein architektonischer Hingucker, sondern setzt Maßstäbe in Sachen Nachhaltigkeit. Das Lichtkonzept stammt von den Planern von Lichtvision. Philippe Ruault

Inmitten des Beton-Dschungels der dichtbesiedelten Millionenmetropole Hongkong liegt eine lebendige grüne Oase: Es ist der Campus der French International School. Er bietet 1.100 Schülerinnen und Schülern einen farbenfrohen und multikulturellen Lernraum auf rund 19.600 Quadratmetern. Unter einer durchdachten Kombination von LED- und Tageslicht lernen die Kinder das Zusammenarbeiten und die Arbeitsumgebung von morgen kennen. Sowohl die Lichtplaner von Lichtvision als auch die Architekten von Henning Larsen haben sich einiges einfallen lassen, um eine lebendige und nachhaltige Umgebung für die Kinder zu schaffen, in der Lernen Spaß macht.

Farbtupfer im Großstadtdschungel

Die Schule ist in vielerlei Hinsicht ein Bindeglied: Hier kommen Schüler aus Grundschule und Gymnasium zusammen, französische treffen auf internationale Schüler, die klare und kantige Architektur harmoniert mit natürlichen Grünflächen und Tageslicht wird durch LED-Beleuchtung unterstützt. Die beiden Gebäude der Schule – je eins für Grundschule und Gymnasium – sind etwas oberhalb des Straßenniveaus des Hongkonger Stadtteils Tseung Kwan O gelegen.

Das fünfgeschossige Grundschulgebäude verfügt neben Lernräumen über begrünte Terrassen, im Gymnasium finden sich außerdem eine Kantine, ein Auditorium und ein Schwimmbad. An das Gymnasium angeschlossen ist außerdem eine Sporthalle. Um die Schulgebäude herum bilden mehrere Gärten willkommene Zonen der Ruhe. Durch die Grundflächen und verschiedene Spielplätze zieht sich wie ein roter Faden »The Loop« – eine 400 Meter lange Laufstrecke, die alle Außenflächen optisch miteinander verbindet.

Abb.: »The Loop« ist eine Laufstrecke, die sich wie ein roter Faden durch das Schulgelände zieht und die zahlreichen Grünflächen miteinander verbindet. Philippe Ruault

Transformiertes Lernen

Bereits von der Straße aus zieht die Schule die Blicke der Passanten auf sich. Ihre farbenfrohe Fassade entpuppt sich beim Betrachten als ein Raster vieler mehrfarbiger Kacheln, die eine bunte Fensterfront bilden. Insgesamt von 627 von ihnen lenken das Tageslicht kaleidoskopartig ins Innere der Schule. Dort setzt das natürliche Licht sich fort. Es diente den Lichtplanern als primäre Lichtquelle. Im inneren der Schule wird es durch LED-Leuchten im Blaulichtspektrum ergänzt und fügt sich mühelos in die klare Architektursprache ein.

Doch auch hinter der Fassade der Schule verbergen sich einige Besonderheiten: Traditionelle Klassenzimmer sucht man hier beispielsweise vergebens. Stattdessen haben die Architekten es sich zur Aufgabe gemacht, Grenzen aufzulösen und zu verschieben. Ziel war es, offene Räume für kollaboratives Lernen zu schaffen. Silos aufzubrechen und agil zusammenzuarbeiten ist in der Arbeitswelt ein immer häufiger anzutreffendes Konzept, mit dem die Schüler der French International School schon früh in Berührung kommen.

So lassen sich je fünf Räume in der Grundschule zu sogenannten Villen öffnen: große Bereiche, die Platz für 125 Schüler einer Altersgruppe bieten. Eine Besonderheit dieser Räume ist ihre Akustik. Diese ist so gestaltet, dass die Kinder ihre Stimmen beim Betreten der Räume auf natürliche Weise senken. Die Villen umgeben die Agora, ein zentrales Forum, in dem sich französische und internationale Schüler treffen und beliebigen Konstellationen zusammenarbeiten können.

Abb.: Die Lernräume sind offen und erinnern kaum an typische Klassenzimmer. Das Licht ergänzt das Tageslicht. ohne sich in den Vordergrund zu drängen. Philippe Ruault

Abb.: Bereiche wie das Auditorium, in denen Kunst- auf Tageslicht trifft, sind mit Lichtsteuerungen versehen. Somit lassen sich die Lichtverhältnisse stets optimal einstellen. Philippe Ruault
Abb.: Das Ziel der Architekten war es, offene Räume für kollaboratives Lernen zu schaffen. Flexible Einrichtung und die Möglichkeit, Räume zu öffnen und zu transformieren, erinnern an New-Work-Konzepte und bereiten die Schüler spielerisch auf die Arbeitswelt vor. Philippe Ruault

Mit grünem Beispiel vorangehen

Beim Bau der Schule stand nicht nur die Zukunft des Lernens und Arbeitens im Fokus. Mit nachhaltiger Architektur haben die Projektverantwortlichen auch ein Statement für die Umwelt gesetzt. Die Architekten nutzten lokale Klimagegebenheiten und eine spezielle Gebäude- und Fassadenform, um den Energieverbrauch der Schule durch passive Maßnahmen effektiv zu senken. Während der Trockenzeit zwischen Oktober und März ist keine künstliche Belüftung oder Kühlung notwendig. Die Massen der Gebäude leiten die vom Meer aus wehenden Ostwinde durch das gesamte Schulgelände. Die frische Meeresluft belüftet Spielplätze und Verkehrsflächen und wird auch im Innenbereich genutzt, um den Bedarf an Klimaanlagen zu senken.

Für zusätzliche Abkühlung sorgt die Vegetation auf dem Campus der French International School. 42 Bäume, ein mit Pflanzen bewachsener Zaun, mehrstöckige hängende Gärten und ein 550 Quadratmeter großer botanischer Garten bilden die Grünflächen, die ein natürliches Klima schaffen und den Schülern nebenbei Naturwissen vermitteln. Viele der Dachflächen sind ebenfalls üppig begrünt und dienen als passive Kühlung der Gebäude.

Abb.: Die Massen der Gebäude leiten Ostwinde, die vom Meer aus wehen, durch das gesamte Schulgelände und wird auch im Innenbereich zur Kühlung genutzt. Philippe Ruault

Natürliche Rohstoffe und Tageslicht

Im Inneren der Schule setzt sich das Nachhaltigkeitskonzept fort. Natürliche Materialien schonen die Umwelt und schaffen gleichzeitig ein spürbar gesünderes Raumklima. Zu Füßen der Schüler ist Naturkautschuk verlegt, über ihren Köpfen bildet Bambus den Hauptbestandteil der Decken. Alle verwendeten Farben sind unbelastet und für sämtliche Stoffe wurde reine Wolle verarbeitet.

Eine besondere Rolle im Nachhaltigkeitskonzept der Schule spielen auch die vielfältigen Brise Soleils, die an einigen der Fassaden zu finden sind. Jede Brise-Soleil-Fassade ist nach Norden oder Süden ausgerichtet, ihre Tiefe wurde entsprechend der Ausrichtung angepasst. Zudem sind die Auskragungen und Dachüberstände so geformt, dass die Fensterflächen mittags, wenn die Sonne steil einfällt, voll verschattet sind. Dahinter steckt die Idee, eine zu hohe Wärmebildung im Inneren der Gebäude zu vermeiden und gleichzeitig das Tageslicht optimal zu nutzen.

Auch die Südfassade der Sporthalle ist clever konzipiert. Einige der vielen kleinen Fensteröffnungen sind mit Glasbausteinen bestückt. Durch die tiefe Fassade dringt kein direktes Sonnenlicht ein. Das Tageslicht wird stattdessen diffus und farbig in den Innenraum reflektiert. Für alle nicht farbigen Bereiche der Fassade konnte dank der cleveren Verschattung durch die Brise Soleils klares Glas verwendet werden. Durch diese Öffnungen gelangt das Tageslicht in seiner natürlichen Farbe. Das gilt auch für die Klassenzimmer. Das Lichtensemble wird ergänzt durch Tageslichtsensoren, die automatisch die Lichtstärke in den einzelnen Räumen anpassen.

Abb.: Die nicht farbigen Öffnungen in der der Fassade der Sporthalle sind mit klarem Glas versehen und lassen Tageslicht in seiner natürlichen Farbe in die Halle. Philippe Ruault

Abb.: Durch bunte Gasbausteine in einigen der Fensteröffnungen der Sporthalle gelangt das Tageslicht diffus und farbig in den Innenraum. Philippe Ruault

Um für die Schüler der French International School ein optimales Lernumfeld zu schaffen und Interaktion und Kommunikation zu fördern, legten die Planer von Lichtvision viel Wert auf den visuellen Komfort und die Funktionalität des Lichts. Das Lichtdesign integriert sich natürlich in das Gebäudekonzept der Schule. Die Einbringung von Tageslicht ist kontrolliert, aber großzügig, die Kontrastverhältnisse in den Innenbereichen möglichst reduziert. So wurde bei den Tischen und den weißen Wandtafeln dafür gesorgt, dass keine Blendung durch direktes Sonnenlicht oder Reflexionen entsteht.

Künstliche Beleuchtung ist in der gesamten Schule sparsam eingesetzt und dient lediglich als Ergänzung für das Tageslicht, nicht jedoch als Ersatz. Das Licht schafft Differenzierung und Zonierung in Innenräumen, ohne dabei zu große Kontraste zu schaffen. Die Beleuchtung zitiert wiederkehrende Formen des Gebäudes und rundet so das Konzept ab.

Vielfalt in Architektur und Schülerschaft

Die mehrfarbigen Keramikfliesen, die Schüler und Besucher bereits von Ferne ins Auge fallen, sind nicht nur charakteristisch für die Fassade der French International School. Sie stehen auch für die vielfältigen Kulturen, die im Inneren der Schule zusammenkommen, um gemeinsam zu lernen. Insgesamt fünf Sprachen werden in der Schule gesprochen und in der Schülerschaft sind 40 Nationalitäten vertreten. Das unterstreicht die Bedeutung der Schule als kultureller Knotenpunkt.

Die Nachhaltigkeit, die auf dem Schulgelände gelebt wird, ist nicht nur den Schülern und Lehrern vorbehalten. Sie strahlt auf die Umgebung ab und zwar nicht nur als optisches Highlight. Die Vegetation verbessert die Luftqualität der Nachbarschaft. Wenn die Schule am Abend und am Wochenende nicht zum Lernen genutzt wird, stehen die Einrichtungen im Erdgeschoss – dazu gehören unter anderem die Sporthalle, die Kantine und der Spielplatz – auch der Öffentlichkeit zur Verfügung. können der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden – und verstärken damit die Strahlkraft des grünen Leuchtturms von Hongkong.

Weitere Informationen:

Projekt: French International School of Hong Kong

Architekten: Henning Larsen Architects, Kopenhagen (DK), www.henninglarsen.com

Lichtplaner: Lichtvision, Berlin, www.lichtvision.com

Autorin: Sabrina Quente, Redakteurin LICHT

Fotos: Philippe Ruault

Dieser Artikel ist erschienen in

Licht 8 | 2020

Erschienen am 26. Oktober 2020