Design
Licht 5 | 2019

Dynamik und Wandelbarkeit von Tageslicht

Konzert für 3756 Lichtzeuge

Die Einrichtung »Funkstation« in München-Schwabing bietet Kindern und Jugendlichen verschiedene Freizeit-, Bildungs- und Beratungsangebote. In diesem Umfeld entstand eine Lichtkunstinstallation, die mit der Dynamik und Wandelbarkeit von Tageslicht, mit Sonnenlicht, Wetter, Lichteffekten und der Wahrnehmung der Betrachter spielt. Entworfen und realisiert wurde das Projekt vom Berliner Lichtkunstkollektiv 333.

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333

Abb. oben und unten: Die Treppenhauswand aus Lochblech zieht sich vom Untergeschoss bis in den ersten Stock. Sie spielt mit der Wirkung von Transparenz und geschlossener Fläche, die abhängig vom Blickwinkel ist. Die Vielzahl und Größe der Perforationen machen sie als Teil der Lichtzeuge erkennbar. Die runden Ausstanzungen des Lochblechs wirken im Zusammenspiel mit den farbigen (runden) Schatten.

Auf dem Gelände der ehemaligen Funkkaserne im Norden Münchens befindet sich das neue Stadtquartier Domagkpark und die 2017 eröffnete Einrichtung »Funkstation« für Kinder- und Jugendarbeit. Um einen verglasten Innenhof gruppieren sich ein hoher, über zwei Geschosse offener Mehrzweckraum, ein Café mit Küche, unterschiedliche Kinderbetreuungs- und Aktionsräume sowie Verwaltungsräume. Im Rahmen eines Kunst-am-Bau-Programms durch das Baureferat München wurde der Entwurf »Konzert für 3756 Lichtzeuge« des Lichtkunstkollektivs 333 mit dem 1. Preis ausgezeichnet. Die Arbeit thematisiert die Vielfältigkeit und die Flüchtigkeit der Wahrnehmung bei wechselnden Lichtverhältnissen. Glasflächen an der Außenfassade und im Lichthof lassen das Sonnenlicht tief in die Räumlichkeiten eindringen. »Konzert für 3576 Lichtzeuge« verwendet Materialien, »Lichtzeuge«, die das Wirkungsspektrum von Licht herausfordern. Die Positionierung der »Lichtzeuge« ist auf die Orientierung des Gebäudes, den Sonnenverlauf und die Sichtachsen abgestimmt. Jedes »Lichtzeug« hat die Intention, die Dynamik und Wandelbarkeit von Tageslicht (Intensität, Richtung, Lichtfarbe) hervorzuheben. Tageszeiten und Wetterverhältnisse, Standpunkte, Sichtverbindungen und Aufmerksamkeiten variieren stetig. Aus diesen zyklischen, ephemeren und zufälligen Komponenten ergeben sich Raumbilder, die aus den immateriellen Lichteffekten des »Lichtzeugs« gemacht sind. Die ephemeren Lichtbilder erkunden die Schönheit des Sonnenlichts und die Sensibilität der menschlichen Wahrnehmung. Als räumliche Installationen in das Gebäude integriert, stehen die »Lichtzeuge« durch ihre visuelle Kongruenz in Verbindung. Im Bezug zueinander positioniert, entwerfen sie in der Überlagerung mit Reflektionen und Schatten von Sonne, Himmel und Bäumen vielschichtige Bilder. »Konzert für 3576 Lichtzeuge« regt an, die Erde als Teil des Sonnensystems vorzustellen und sich selbst darin als kleiner Bewohner in der Weite des Universums zu sehen. »Lichtzeuge«, die kleiner sind als das Selbst, wirken diesem entgegen und richten die Vorstellung auf die Welt, die im Detail zu entdecken ist. Es bildet sich ein kollektives Gedächtnis der Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen, die sich in dem Gebäude bewegen. Die Vielfältigkeit der Erscheinungen kann individuell erlebt werden, sie wird zu einer geteilten Erfahrung.

Abb.: Transparente, farbig bedruckte Folie ist in den verschiedenen Ebenen der Dreifachverglasung integriert. Die Farben mischen sich beim Überlappen und erzeugen einen dreidimensionalen Effekt. 333

Hinter dem Lichtkunstkollektiv 333 stehen die Künstlerinnen Lena Gätjens, Ivana Plavec und Branka Sarić. Das Kollektiv will mit seinen Arbeiten Momente der Irritation im alltäglichen Sehen provozieren. Ausgangpunkte dafür sind häufig unbemerkte Lichtphänomene, deren Details sie vergrößern und dabei die Wahrnehmung herausfordern. Mit ortsspezifischen Installationen erforschen sie die Beziehung zwischen (Sonnen-)Licht, Raum und Material, die sich je nach Lichtverhältnis und Betrachterstandpunkt verändert.

Abb.: Im Außenbereich neben dem Haupteingang begrüßt ein Schild zum »Konzert für 3756 Lichtzeuge«. Das Schild aus hochreflektierender Folie dreht sich im Wind. 333
Abb.: Die Treppenhauswand aus Lochblech zieht sich vom Untergeschoss bis in den ersten Stock. Sie spielt mit der Wirkung von Transparenz und geschlossener Fläche, die abhängig vom Blickwinkel ist. 333
Abb.: Auf der Dachterasse ist ein Objekt positioniert, das den Wechsel von der Mikro- in die Makrosicht erlaubt. Das Sehobjekt mit verspiegelter Innenfläche rahmt die Sicht ein und lässt sie in einer verzerrten Version betrachten. 333
Abb.: Verschiedene Arten von zirkulären Linsen sind an der Lochblechwand befestigt und lassen sich manuell drehen. Die Linsen brechen das Licht und deformieren das Hintergrundbild. 333
Abb.: Verschiedene Arten von zirkulären Linsen sind an der Lochblechwand befestigt und lassen sich manuell drehen. Die Linsen brechen das Licht und deformieren das Hintergrundbild. 333

Weitere Informationen:

Projekt: Funkstation, München-Schwabing

Eröffnung: Oktober 2017

Fertigstellung Kunst am Bau: 2018

Architekten: Kumpermond & Mateschke Architekten BDA, München, www.kuma-architekten.de

Landschaftsarchitekten Topotek 1 Landschaftsarchitekten GmbH, Berlin/Zürich, www.topotek1.de

Lichtkunst/Kunst am Bau: 333 gätjens plavec saric GbR, Berlin www.dreidreidrei.net

Quelle Fotos und Text: 333

Dieser Artikel ist erschienen in

Licht 5 | 2019

Erschienen am 25. Juni 2019