Design
Licht 5 | 2019

Die Euroluce 2019

Aktuelles Lichtdesign aus Mailand

Vom 9. bis 14. April 2019 war es wieder soweit: die Euroluce öffnete in Mailand parallel zur Möbelmesse Salone del Mobile.Milano Tausenden von Besuchern ihre Tore. Seit 1976 findet die Beleuchtungsmesse im Zweijahresrhythmus statt und ist richtungsweisend für die Trends im Lichtdesign. Die LICHT-Redaktion war auch dieses Jahr vor Ort und stellt im ersten Teil der Berichterstattung interessante Messe-Highlights vor.

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Preciosa /Jean-Claude Etegnot

Alle zwei Jahre ist die Euroluce Teil der Internationalen Möbelmesse Salone del Mobile in Mailand. Auf der Euroluce dreht sich alles um das Licht, so wie auf diesem »Carousel of Light« am Messestand von Preciosa. Die Lichtkugeln reagierten auch auf Bewegung. www.preciosalighting.com

Noch bevor der Salone del Mobile offiziell eröffnet, ist ganz Mailand auf Design eingestellt, das ist überall in der Stadt zu spüren. Nicht nur das außerhalb der City gelegene Messegelände, sondern die gesamte lombardische Metropole steht unter dem Bann des Salone. Zahlreiche Veranstaltungen finden in Galerien und Showrooms von Möbel- und Leuchtenherstellern statt. Museen wie »La Triennale di Milano« oder Kultureinrichtungen wie das berühmte Opernhaus »La Scala« waren dieses Jahr ins Geschehen involviert, das sowohl für Mailand als auch für Italien eine immense Bedeutung hat. Nachwuchstalente finden auf der Messe beim Salone Satellite Raum zum Ausstellen, ebenso wie in den Design-Distrikten Ventura, Brera oder Lambrate, die die Bühne für alles Weitere rund um den »Fuorisalone«, die Milan Design Week bilden. Die ersten Tage in Mailand hat die LICHT-Redaktion allein der Messe gewidmet.

Hochwertige Materialien

Dekoratives Licht steht in Mailand im Vordergrund, architektonische Lichtlösungen nehmen einen wesentlich geringeren Part ein. Einige Trends waren klar zu erkennen: Hochwertige Materialien spielen eine bedeutende Rolle, Marmor, Metalle und Glas kommen vorrangig zur Verwendung. Auffällig ist die Farbkombination aus mattem Schwarz, Metallglanz von Kupfer oder Messing, mit rauchigen oder pastellfarbenen Abstufungen beim Glas und gedeckten Tönen, die von Natursteinen wie Marmor vorgegeben werden.

Von Glas bis Porzellan

Eine besondere Bedeutung nimmt hier sicherlich der Werkstoff Glas ein. Mailand zeigte eine Vielfalt, die von den schlichtesten, geometrischen Formen bis hin zu aufwändig geschliffenen Oberflächen oder kunstvoll mundgeblasenen, filigranen Objekten reichte. Glas in Verbindung mit Licht präsentierte sich von einer sehr sinnlichen und poetischen Seite, die sich sowohl in einzelnen Leuchten als auch in spektakulären Installationen dargestellt hat. Exemplarisch dafür: die von Matteo Zorzenoni für Il Fanale entworfene Leuchte »Bloom«. Ihr facettierter Glasdiffusor erinnert an antike Parfumflacons, besitzt aber gleichzeitig eine moderne Ausstrahlung. Zur Kollektion gehören Tisch- und Pendelleuchten.

Abb.: Zur Kollektion »Bloom« von Matteo Zorzenoni für Il Fanale gehören Tisch- und Pendelleuchten. Sie sind für Halogen- oder LED-Beleuchtung geeignet. Der Glasdiffusor erscheint in Grau oder Rosa. www.ilfanale.com Il Fanale

Eine futuristische Interpretation lieferte Ross Lovegrove für das Unternehmen Vista Alegre: Für seine LED-Leuchte »Nervi« nutzte er die transluzenten Eigenschaften von klassischem Biskuitporzellan und brachte es in eine ungewohnt organische Form.

Abb.: Für sein Design holt sich Ross Lovegrove Inspiration aus Natur, Forschung und Technik. Seine typisch organische Formensprache drückt sich auch bei Porzellan-Leuchte »Nervi« für Vista Alegre aus. www.vistaalegre.com | www.rosslovegrove.com Vista Alegre/Lionel Balteiro

Auch Giopato & Coombes experimentiert mit Muranoglas, Metall und Porzellan. Ihre Designsprache erscheint ebenso frei und künstlerisch wie geradlinig, mit dem Fokus auf Material und Details. Im Design-Distrikt »5Vie« im historischen Herzen Mailands stellten sie ihre neuen Kollektionen unter dem Motto »To the Moon and Back« vor.

Abb.: Im temporären Showroom zur Milan Design Week stellte Giopato & Coombes neue Kollektionen unter dem Motto »To the moon and back« vor. »Milky Way« (im Foto) verwendet Marmor, Messing und Muranoglas. www.giopatocoombes.com Nat Krag

Bei den großformatigen Installationen fiel unter anderem der Stand von Lasvit aus Tschechien auf: Vier Arrangements zu »The Theory of Light« setzten sich sehr unterschiedlich mit Reflexion, Wahrnehmung, Lichtspektrum und Natur auseinander.

Abb.: Mit »Aura« hat Mária Čulenová eine der voluminösen Licht-Installationen von Lasvit geschaffen. Vorbild für ihre galaktisch anmutende Kreation war der Mond mit seinen ausgeprägten Oberflächen und Kratern. www.lasvit.com Lasvit

Die tschechische Glasmanufaktur Preciosa stellte interaktive Installationen vor, die auf Bewegung oder auch den Atem der Besucher reagierten.

Abb.: Bei Preciosa saßen Besucher unter Luftballons aus Glas. www.preciosalighting.com Peggy Kirchenkamp

Think Big! Raumgreifende Systeme

Großformatige Strukturen waren ein bestimmendes Thema der Messe. Licht kann raumbildend agieren, indem es die vorhandene Fläche dreidimensional ausschöpft, sich ausbreitet, den Raum durchbricht, ihn füllend einnimmt und somit neue Verbindungen schafft – und damit eine eigene Architektur. Am Stand von Vibia zeigte Stefan Diez »Plusminus«, eine Leuchtenkollektion, die sich noch in der Entstehung befindet. Stoffriemen werden in verschiedenen Variationen durch den Raum gespannt und halten dabei unterschiedliche Lichtquellen. Der Riemen dient als Halterung sowie als elektrischer Leiter und lässt sich an Boden, Wand und Decke befestigen.

Abb.: Die schlichten Riemen des Lichtsystems »Plusminus« von Stefan Diez für Vibia sind Halterung und elektrischer Leiter zugleich. Sie können frei im Raum mit Leuchten gespannt werden. www.vibia.com | www.diezoffice.com Peggy Kirchenkamp

Flos präsentierte einen Entwurf von Ronan und Erwin Bouroullec: »Belt« beschreibt eine Komposition aus Ledergurten, die teilweise die LED-Lichtquellen tragen, teilweise das Gewicht aufnehmen oder den Strom leiten. Diese Linien folgen einer freien Führung. »Belt« lässt sich wie ein Gürtel auch drehen oder aus der strengen Vertikalen nehmen.

Abb.: Ronan und Erwan Bouroullec haben für Flos das variable LED-System »Belt« entworfen. Es setzt sich aus Ledergurten zusammen und bietet eine große Freiheit in der räumlichen Gestaltung. www.flos.com | http://bouroullec.com Germano Borrelli

Eine subtile und gleichzeitig markante Präsenz entfalten die Lichtobjekte von Michael Anastassiades im Raum. Bereits der Stand auf der Messe zeugte von purem Understatement, der Blick des Betrachters wurde auf ausgesuchte Lichtobjekte gelenkt, darunter die skulpturalen und auskragenden Pendelleuchten »Mobile Chandelier« Nummer 14, 15 und 16.

Abb.: Mit den neuen Modellen seines »Mobile Chandelier« 14, 15 und 16 entfernt sich Michael Anastassiades von der zuvor strengen Geometrie der Pendelleuchten hin zu fließenderen, weicheren Linien. www.michaelanastassiades.com Peggy Kirchenkamp

Reduzierte Dimensionen

Schlichtes, minimalistisches Design ist nach wie vor ein Ausdruck für den bewussten Umgang mit LED-Technik auf sehr puristischer Ebene. Welche schlanken Dimensionen sind technisch umsetzbar? In diesen Arbeiten liegt eine eigene, ausdrucksstarke Dynamik. Am Stand von Nemo zeigte Bernhard Osann mehrere seiner funktional geprägten Entwürfe, darunter »Unknown«.

Abb.: Nemo präsentierte u.a. reduziertes, technisch orientiertes Design von Bernhard Osann. »Unknown« tauchte in einer neuen Version als Wandleuchte auf. www.nemolighting.com Peggy Kirchenkamp

Wand- und Deckenleuchte »Frame« fiel vor allem durch die Körperlosigkeit des Lichts auf: ausgeschaltet ist die zu beleuchtende Fläche transparent, die LEDs verschwinden komplett im Rahmen.

Bei »Frame« speisen LEDs ihr Licht in einen speziellen Kunststoff, der im ausgeschalteten Zustand transparent erschent. Ist das Licht an, wird er zu einer homogen leuchtenden Fläche. www.nemolighting.com Nemo
Nemo
Nemo

Arik Levy hat für Vibia »Sticks« entwickelt, ein System aus Lichtstäben, das leuchtende Linien durch den Raum zieht.

Abb.: »Sticks« fungiert wie ein Baukasten aus LED-Lichtstäben. Arik Levy hat das Design für Vibia kreiert. Die Stäbe bilden eine frei wählbare Architektur im Raum, das Licht lässt sich beliebig ausrichten. www.vibia.com | www.ariklevy.fr Vibia/Fernando Alda

Davide Groppi stellte mit »Endless« ein leitfähiges Band in Form eines Klebestreifens vor, der elektrischen Strom überall und »endlos« verfügbar macht.

Abb.: »Endless« von Davide Groppi ist ein aufklebbares, leitfähiges Band, das Flächen mit Licht versorgen kann, die Steuerung erfolgt drahtlos. Der Spot für »Endless« ist mit 15 W LED bestückt. www.davidegroppi.com Davide Groppi

Persönliches Licht

Bei Artemide stand das auf die Bedürfnisse des Nutzers persönlich konfigurierbare Licht im Vordergrund. Die Interaktion erfolgt über eine App. Es lassen sich programmierte Szenarien abzurufen oder frei erstellen. Zu den Neuheiten zählt etwa »Interweave« von Pallavi Dean. Das App-steuerbare Beleuchtungssystem verbindet einzelne Zylinder mit einer flexiblen LED-Lichtkette, wobei in den Zylindern unterschiedliche Sensoren untergebracht werden können, zum Beispiel zur Messung von Temperatur oder Luftqualität.

Abb.: Persönliche Lichtgestaltung per App bietet das Lichtsystem »Interweave« von Pallavi Dean für Artemide. In die Leuchten lassen sich Sensoren zur Erfassung von Temperatur, Tageslicht oder eine Lautsprecherfunktion integrieren. www.artemide.com Artemide

Die Lichtelemente »Discovery« von Ernesto Gismondi sind nun durch »Discovery Space« erweitert: quadratische oder rechteckige Objekte, bei denen per App Dimmlevel und Lichtfarbe verändert werden können.

Abb.: Die Artemide-Familie »Discovery« von Ernesto Gismondi ist 2018 mit dem Designpreis Compasso d'Oro ausgezeichnet worden. Die neueste Version »Discovery Space« lässt sphärisches, flächiges Licht nun auch farbig erscheinen. www.artemide.com Peggy Schmidt
Peggy Schmidt

Experimentelle Freiheit

Bereits weit vor der Euroluce wurde der Entwurf des dänisch-isländischen Künstlers Olafur Eliasson für Louis Poulsen mit Spannung erwartet. Die LICHT-Redaktion traf Søren Mygind Eskildsen, CEO von Louis Poulsen, in Mailand zum Interview und wird in einer der kommenden Ausgaben genauer darüber berichten. Eine mathematische Grundstruktur steckt hinter dem Konzept für »OE Quasi Light«. Lichtverteilung und Nachhaltigkeit spielen bei dieser Leuchte gleichermaßen eine wichtige Rolle.

Abb.: Für Louis Poulsen entwickelte Olafur Eliasson Pendelleuchte »OE Quasi Light«, die zur Euroluce 2019 ihr Debüt feierte. Die komplexe Form setzt sich aus zwei geometrischen Körpern zusammen. www.louispoulsen.com | https://olafureliasson.net Louis Poulsen

Bei Ingo Maurer sorgte »Oop’sala« für einen auffälligen Blickfang. Das spiralförmige Lichtobjekt ist noch ein Prototyp und wurde von Ingo Maurer & Team als Tischbeleuchtung konzipiert.

Abb.: Ingo Maurer & Team haben das Lichtobjekt »Oop'sala« für die Beleuchtung eines runden Tisches entwickelt. Die Aluminiumbänder sind matt weiß lackiert, im unteren Bereich sind die LEDs integriert. www.ingo-maurer.com Peggy Kirchenkamp

Eine der Neuheiten für Luceplan lieferte Zsuzsanna Horvath mit »Illian«. Die erste Idee zu ihrer Pendelleuchte zeigte sie letztes Jahr auf dem Salone Satellite, der Plattform für Nachwuchstalente auf der Messe. Der filigrane Körper besteht aus lasergeschnittenem Schichtholz und vermittelt schwebende Leichtigkeit.

Abb.: Leuchte »Illan« bildet einen trichterförmigen Körper, der in sanften Bewegungen schwingt. Die LED-Lichtquelle spendet diffuses Licht. Das Design von Zsuzsanna Horvath präsentierte Luceplan. www.luceplan.com | www.zsuzsannahorvath.com Peggy Kirchenkamp

Eine abstrakte und zugleich spielerische Komposition aus großen, hängenden Kabelgebilden und darin verzweigten Lichtstäben hat das Designer-Duo Formafantasma für Flos kreiert. Das Lichtobjekt »WireLine« lässt sich als Einzelstück oder als mehrschichtiges Ensemble arrangieren.

Abb.: Hauptmerkmal der Flos-Leuchte »WireLine« von Formafantasma ist ein abgeflachtes Kabel, das bogenförmig von der Decke hängt. Eine Glasleiste mit integrierten LED-Streifen verleiht dem Objekt Kontur. www.flos.com | www.formafantasma.com Flos

Noch mehr aus Mailand

In der Fortsetzung unseres Euroluce-Berichts stellen wir weitere Design-Highlights von der Messe und dem Fuorisalone vor. Leuchte »OE Quasi Light« von Olafur Eliasson für Louis Poulsen widmen wir einen separaten Artikel. In den nächsten Ausgaben der LICHT folgen außerdem noch Interviews mit Designern von Foscarini, Brokis und Lasvit.

Dieser Artikel ist erschienen in

Licht 5 | 2019

Erschienen am 25. Juni 2019