Planung
Licht 4 | 2019

Die Abwesenheit von Blau

Orangefarbenes Licht in der psychiatrischen Behandlung

Ein neues Akutzentrum in Norwegen testet derzeit ein einzigartiges Beleuchtungskonzept für seine psychiatrisch erkrankten Patienten. Glamox hat die Beleuchtung sowie das Lichtmanagementsystem für das Projekt entwickelt und implementiert.

Lesezeit: ca. 4 Minuten
Ein Bereich des St. Olavs Hospitals in Trondheim, Østmarka, ist mit moderner Lichttechnik ausgestattet, mit der die Wirkung künstlicher Beleuchtung auf den Menschen weiter erforscht werden kann. Glamox

Licht auf Rezept

Das neue Akutzentrum im St. Olavs Krankenhaus in Trondheim, Østmarka, ist ein eher ungewöhnliches Bauwerk, denn die eine Hälfte des Gebäudes mit insgesamt 20 Belegbetten wurde so geplant und gebaut, dass dank innovativer Beleuchtungstechnik nicht nur beste Bedingungen für die Behandlung der Patienten herrschen, sondern auch die Wirkungen von Licht auf den Menschen weiter erforscht werden können.

Ganz konkret untersucht man derzeit, ob verschiedene Intensitäten und spektrale Zusammensetzungen der Innenraumbeleuchtung über den Tagesverlauf Patienten mit einer bipolaren Störung beim Entspannen in den Abendstunden und beim Einschlafen unterstützen können bzw. ihre Schlafdauer und -qualität verbessern.

Aktivieren und entspannen

Die Patienten bleiben den ganzen Tag und die ganze Nacht in dem Bereich des Krankenhauses, in dem die variantenreich steuerbare Lichttechnik installiert wurde. Tagsüber werden die Innenräume mit tageslichtweißem Licht erhellt. Aber ab sechs Uhr am Abend geht es in ein sehr warmes, orangefarbenes Licht über. Diese Phase dauert bis 23.00 Uhr an, dann wird ein auf 25% gedimmtes orangefarbenes Licht ausgewählt und diese Einstellung bleibt bis sechs Uhr morgens aktiv.

Wenn die Leuchten orangefarbenes Licht und keine Strahlung im blauen Wellenlängenbereich abgegeben, wird beim Menschen mehr Melatonin (das Schlafhormon des Körpers) im Blut freisetzt. Der Patient wird dadurch ruhiger und müder und ist deutlich weniger angeregt oder hyperaktiv. Für viele Menschen mit bipolarem Verlauf bedeutet die manische, hyperaktive Phase Schlafmangel. Die Behandlung mit orangenem Licht kann daher wieder zu normaleren Schlafgewohnheiten führen.

Tagsüber variiert das weiße Licht in den Krankenhausräumen zwischen warmen und kalten Weißtönen. Das kaltweiße Licht am Morgen unterdrückt die Melatoninproduktion und erhöht gleichzeitig die Produktion von Cortisol, einem Stresshormon. Es soll aktivieren und so dazu beitragen, dass die Patienten – und gleichzeitig auch die Mitarbeiter – sich tagsüber wach und energiegeladen fühlen. Entspannung und Einschlafen fallen nach einem aktiven Tag in der Regel leichter. Der verbesserte Schlafrhythmus ist somit nicht nur das Ergebnis des therapeutischen orangefarbenen Lichts, sondern auch der aktivierenden Beleuchtung am Tag.

Aktivierendes Licht mit hohen Blauanteilen sorgt für Melatoninsupression am Tag. Abends aber soll das Schlafhormon ausgeschüttet werden, deshalb gibt es ab 18:00 Uhr keine blauen Strahlungsanteile mehr. Glamox
Glamox

Maßgeschneidertes Licht

Die Umsetzung dieser besonderen Lichtlösung erforderte eine detaillierte Planung und Entwicklung. Patientenzimmer, Flure, Bäder und Gemeinschaftsräume sind an ein zentrales Lichtmanagementsystem angebunden. Jeder Patient kann das Licht im Raum nach seinen Wünschen dimmen, jedoch sorgt eine spezielle Programmierung dafür, dass jeweils nur das zur Tages- und Nachtzeit passende Licht zur Verfügung steht. Der behandelnde Arzt kann auf seinem Computer die individuelle Beleuchtung für jeden Patienten einsehen und dokumentieren.

Eine Herausforderung für Glamox bestand bei der Entwicklung der Beleuchtung für die Gesundheitseinrichtung darin, genau die passenden Lichtspektren bereit zu stellen. »Um das orangefarbene Licht zu erzeugen, mischen wir Licht aus roten, blauen und grün-weißen LEDs«, erklärt Lars-Fredrik Forberg, Produktmanager für HCL (Human Centric Lighting) bei Glamox. Und wie vermeidet man die blauen Strahlungsanteile? »Heute können wir etwa 99 % des blauen Lichts entfernen«, kommentiert Forberg. »Wir hatten also mit den Medizinern eine Diskussion darüber, ob auch diese geringen Anteile eine Rolle spielten. Ich kann nur sagen: Es wurde für uns technisch sehr anspruchsvoll.« Ein Großteil der in Trondheim verwendeten Lichtlösungen lag Glamox bereits zum Projektstart fertig entwickelt vor. Einige Geräte, wie beispielsweise bestimmte Armaturen, mussten speziell angefertigt und angepasst werden.

»Das speziell auf die Patienten zugeschnittene Licht macht das Gebäude einzigartig«, resümiert Lars-Fredrik Forberg. »Zugleich hat uns von Glamox beeindruckt, welche Innovations- und Investitionsbereitschaft bei den Verantwortlichen des Krankenhauses vorherrschte. Der Träger hat die Forschung auf diesem Gebiet kennengelernt und die Initiative zur Förderung ergriffen. Andere Gesundheitseinrichtungen haben bereits Interesse an dem besonderen Projekt bekundet und werden die Entwicklungen in Østmarka mit großem Interesse verfolgen.«

Studie mit orangefarbenen Brillengläsern

Die norwegische Forscherin und Ärztin Tone Elise Gjøtterud Henriksen hat 2016 mit einer Studie zur Wirkung von Licht auf Patienten mit bipolarer Störung in der manischen Phase für Aufsehen gesorgt. Sie stattete ihre Probanden mit einer Brille mit orangefarbenen Gläsern aus, die diese von 18.00 Uhr abends bis 8.00 Uhr morgens tragen sollten. Die Besonderheit der Brille lag darin, dass sie blaue Lichtanteile nahezu vollständig blockieren konnte. Die Verwendung der Brille zeigte kurzfristig Erfolg: Schon nach drei Tagen war der Gesundheitszustand der Patienten wesentlich besser, d.h. weniger manisch. Einige berichteten von einer noch schnelleren Besserung und bemerkten bereits nach wenigen Stunden einen Unterschied. Die Abwesenheit von blauem Licht am Abend und in der Nacht scheint die manischen Phasen der Patienten offenbar zu mildern bzw. zu verkürzen. Das Forschungsprojekt in Østmarka basiert auf den Ergebnissen dieser Studie.

Weitere Informationen:

Leuchten und Lichtmanagement: Glamox, www.glamox.de

Fotos: ????????

Artikel zur Studie von Tone Elise Gjøtterud Henriksen: Blue blocking glasses as additive treatment for mania: a randomized placebo controlled trial, www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC5089565

Dieser Artikel ist erschienen in