Planung
Licht 9 | 2021

Brückenschlag zwischen Schlichtheit und Eleganz

Frisches Licht für den Arnulfsteg in München

Die Eröffnungsfeier für den Münchner Arnulfsteg Ende 2020 konnte nur im kleinen Rahmen stattfinden. Umso bedeutender ist der neue städtebauliche Baustein, der die S-Bahnstation Donnersbergerbrücke, den Stadtteil Schwanthaler Höhe und den Arnulfpark verbindet und in elegantem Licht erstrahlt.

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Abb.: Der neue Arnulfsteg ist eine willkommene und stressfreie Alternative zu der nebenan gelegenen, verkehrsreichen Hacker- oder Donnersbergerbrücke. Entlang der Kanten der Obergurte wurde jeweils ein nahezu unterbrechungsfreies Lichtband installiert, das die inneren Brückenwangen und gleichzeitig die Verkehrsfläche ausleuchtet. Christoph Mittermüller

Für Menschen, die sich zu Fuß oder auf dem Rad durch München bewegen und die 37 Bahngleise inmitten der Stadt überqueren müssen, ist der neue Arnulfsteg eine willkommene und stressfreie Alternative zu der nebenan gelegenen, verkehrsreichen Hacker- oder Donnersbergerbrücke. In Anbetracht der Bedeutung als gestalterischer Bestandteil des Münchner Stadtbildes, sowie der langen Wegeführung über den gigantischen Gleiskörper standen die beteiligten Planungsbüros vor einer weitaus größeren Herausforderung als eine rein funktionale Verbindung zu schaffen.

Intensiver Austausch und Zusammenarbeit von Beteiligten aus den Disziplinen Bauingenieurswesen und Architektur ist entscheidend für die Qualität der meisten Bauwerke. Bei Brückenbauwerken zeigt sich unmittelbar, wie gut die Liaison von Gestaltung und Konstruktion tatsächlich funktioniert. Der Brückenkörper der neuen Verbindung in München sollte abschnittsweise über den laufenden Betrieb der Gleisanlage geschoben werden, ohne diesen zu beeinträchtigen; und dies bei sehr wenig erlaubten Aufstellorten für Stützen. Gemeistert wurde die Aufgabe durch ein einfaches und zugleich raffiniertes Tragsystem als Vierendeel-Kasten. Das System ist kombiniert mit einem Fachwerk, dessen Ober- und Untergurt über einen Knickpunkt in einer einzigen fließenden Bewegung über die gesamte Brückenlänge ihre Neigung verändern, von Anfang zur Mitte langsam nach Außen und zum Ende wieder nach innen klappend, bei gleichbleibender Gesamthöhe der Träger.

Abb.: Über den neuen Arnulfsteg können Menschen zu Fuß oder auf dem Rad die 37 Bahngleise inmitten der Stadt sicher überqueren. Christoph Mittermüller

Fließende Lichtbewegungen

Die Brücke vereint damit durch gekonnte Präzision das statisch erforderliche Tragkonstrukt mit einem Schwung in einer eleganten Geste, die sich – ganz im Sinne Münchens Stadtgestaltung – dezent im Stadtgefüge integriert. Genau diese schlichte Eleganz sollte die Beleuchtung aufgreifen und Form und Raum spürbar machen. Applizierte Lichtgrafiken, sichtbare Leuchtenkörper oder Blendung wurden vermieden, unter der Maßgabe einer gleichmäßigen Ausleuchtung des gesamten Verkehrsraums gemäß den normativen Anforderungen.

Um das zu erreichen, wurde entlang der Kanten der Obergurte jeweils ein nahezu unterbrechungsfreies Lichtband installiert, welches die inneren Brückenwangen und gleichzeitig die Verkehrsfläche ausleuchtet. Die Ausrichtung des Lichtbandes bleibt über die gesamte Länge gleich, während die Fläche des Obergurtes zur Brückenmitte sanft nach Außen schwingt und der Untergurt allmählich mehr Lichtauftrittsfläche bietet. Unterstützt durch die Beleuchtung wird die fließende Bewegung somit subtil wahrnehmbar.

Abb.: Der Arnulfsteg verbindet die S-Bahnstation Donnersbergerbrücke, den Stadtteil Schwanthaler Höhe und den Arnulfpark in München. Christoph Mittermüller
Abb.: Die Ausrichtung des Lichtbandes bleibt über die gesamte Länge gleich, während die Fläche des Obergurtes zur Brückenmitte sanft nach Außen schwingt und der Untergurt allmählich mehr Lichtauftrittsfläche bietet. Christoph Mittermüller

Der Weg über Rampen und Träger ist lang. Deshalb war es wichtig, einen interessanten und angstfreien Raum zu schaffen. Durch die beleuchteten Raumbegrenzungsflächen entsteht ein abgeschlossener und geschützter Raum, während sich die Fenster für den Ausblick nach außen langsam zur Brückenmitte öffnen. Durch die entstehenden inoffiziellen Sitzgelegenheiten entsteht eine Aufenthaltsqualität, die den Aussichtsbänkchen auf den Bögen der Hackerbrücke während der Sonnenuntergänge den Rang abläuft.

Abb.: Durch die beleuchteten Raumbegrenzungsflächen entsteht ein abgeschlossener und geschützter Raum, während die Fenster einen Ausblick nach außen gewähren. Christoph Mittermüller

Im skulpturalen Rampenlicht

Signale, Hochspannungsleitungen und ICE-Waschanlage erforderten eine sehr hohe Anschlusshöhe des Brückenträgers. Im Süden als Schleife und im Norden als Spirale geplant, überwinden imposante Rampenbauwerke zusammen mit Aufzügen für die barrierefreie Anbindung diese Höhe und schaffen durch ihre individuellen Formen einen abwechslungsreichen Weg. Zwischen den Bäumen sind hohe Masten mit jeweils mehreren Strahlern platziert, um die Verkehrsflächen den Anforderungen entsprechend zwar gleichmäßig auszuleuchten, durch die punktuellen Lichtquellen die Betonstrukturen jedoch skulptural buchstäblich »ins Rampenlicht« stellen. Der neu entstandene städtische Raum zwischen dem Stützenwald der Rampen erhielt eine gezielt kontrastreiche und rhythmische Ausleuchtung mittels engstrahlender Downlights in den Betonflächen der Rampenunterseiten, um einen schönen Raum anstatt Unorte zu schaffen.

Abb.: Im Süden als Schleife und im Norden als Spirale geplant, überwinden imposante Rampenbauwerke zusammen mit Aufzügen für die barrierefreie Anbindung die hohe Anschlusshöhe des Brückenträgers. Christoph Mittermüller

Weitere Informationen:

Projekt: Arnulfsteg München

Bauherrin: Landeshauptstadt München

Architektur: Lang Hugger Rampp GmbH, München, www.langhuggerrampp.de

Bauingenieurwesen: SSF Ingenieure AG, München, www.ssf-ing.de

Elektroplanung: Rücker + Schindele Beratende Ingenieure GmbH, München, www.runds.de

Lichtplanung: DAY & LIGHT LICHTPLANUNG, München, dayandlight.de

Projektsteuerung: baustein GmbH, München, www.baustein.com

Fotos: Christoph Mittermüller

Dieser Artikel ist erschienen in

Licht 9 | 2021

Erschienen am 25. November 2021