Planung
Licht 2 I 2020

Artenschutz mit weniger Licht?

Zieht gedimmte Straßenbeleuchtung weniger Insekten und Fledermäusen an?

Insekten mögen es warm und trocken. Und dunkel. Das ist das Fazit einer Studie über den Zusammenhang von Licht und Insektenaufkommen. Das Dimmen der öffentlichen Beleuchtung in der Nacht ist demnach ganz im Sinn nachtaktiver Tiere.

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Abb.: Am Morgen wurde der Auffangbecher mit den Insekten entnommen. Das schwarze Gerät unter der Falle zeichnet die Fledermausrufe im Ultraschallbereich auf. Elektrizitätswerke des Kantons Zürich
Abb.: Der so genannte Batlogger in Großaufnahme. Elektrizitätswerke des Kantons Zürich
Abb.: Beispiel für eine bedarfsorientierte Beleuchtung: Bei viel Verkehr beträgt die Lichtstärke 100% (links), bei wenig Aktivität wird das Licht auf 30% reduziert. Elektrizitätswerke des Kantons Zürich

Auf der Suche nach belastbaren Daten

Während früher nicht selten ein Zuwenig an Licht im öffentlichen Raum bemängelt wurde, insbesondere im Zusammenhang mit Sicherheitsüberlegungen, zeigt sich die Öffentlichkeit heute oft sehr sensibilisiert für ein Zuviel und befürchtet Schäden für Menschen, Fauna und Flora. Aber welchen Einfluss hat Straßenbeleuchtung auf Insekten und Fledermäuse? – Jörg Haller, Leiter öffentliche Beleuchtung bei den Elektrizitätswerken des Kantons Zürich (EKZ), ist dieser Frage gemeinsam mit der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) nachgegangen.

»Für mich berücksichtigt eine qualitativ hochwertige Beleuchtung Themen wie Komfort, Sichtbarkeit und Umweltschutz und differenziert zwischen den diversen Einsatzgebieten«, erklärt Jörg Haller. »Im Bereich von Zebrastreifen steht natürlich die Sicherheit des Fußgängers über allem, in einer Begegnungszone hat wahrscheinlich der Komfort eine hohe Bedeutung und in Schutzgebieten und naturnahen Räumen ist das Begrenzen schädlicher Einflüsse auf die Umwelt essentiell. Aber gerade zu letztem Punkt wurde bisher noch wenig geforscht.« Genau deshalb hat sich Jörg Haller gemeinsam mit der WSL auf die Suche nach Antworten begeben. In einer Studie sollte wissenschaftlich untersucht werden, welchen Einfluss Licht in der Nacht auf Insekten und Fledermäuse hat und wie die Tiere auf Volllicht und auf gedimmtes Licht reagieren.

Nicht alle Insekten sind gleich

»Je mehr Licht, desto mehr Insekten«, fasst Janine Bolliger, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der WSL, das Resultat der Studie grob zusammen. In den Nächten, in denen das Licht gedimmt wurde, ging die Anzahl gefangener Insekten deutlich zurück. Aber – und genau das fasziniert Bolliger – nicht alle Insektengruppen reagierten gleich: »Für die beiden häufigsten Gruppen, die Käfer und Zweiflüger wie zum Beispiel Fliegen, Mücken und Schnaken, macht die Dimmung im Vergleich zum Volllicht keinen signifikanten Unterschied.« Bolliger vermutet, dass der Unterschied zwischen den beiden Lichtlevels für diese beiden Gruppen vielleicht zu schwach war – oder die Insekten nicht sehr sensitiv auf Licht sind. »Diese Vermutungen müsste man in einem nächsten Test überprüfen«, meint sie. Besonders empfindlich hingegen reagierten Hautflügler, wie zum Beispiel Ameisen, Bienen und Wespen und Wanzen. Sie fliegen richtiggehend auf das Licht. Ihre Anzahl war in den Nächten mit gedimmtem Licht deutlich geringer. Grundsätzlich könne man also sagen, dass Dimmen nützt, nur bräuchte es wahrscheinlich für gewisse Arten noch niedrigere Dimmlevel – oder weniger Licht.

Täglich Insekten zählen

Die Versuchsanordnung war die folgende: Über etwa drei Monate im Frühsommer 2019 wurden in zwei verschiedenen Gemeinden in der Nähe von Zürich je über einen 1.000 m langen Straßenabschnitt Insektenfallen an Leuchten aufgehängt. An jeder zweiten Straßenleuchte hat zusätzlich ein Mikrofon die Ultraschall-Echoortungslaute von Fledermäusen aufgezeichnet. Die Beleuchtung haben die EKZ im Wochenrhythmus angepasst: eine Woche lang Volllicht, eine Woche lang bedarfsorientierte Straßenbeleuchtung. Bedarfsorientiert bedeutet, dass die Lichtstärke dem Verkehrsaufkommen angepasst wird. Bei viel Verkehr wird das Licht hochgefahren, bei wenig bis gar keinem Verkehr gedimmt. Hierbei wurde zudem zwischen volldynamischer Steuerung und verkehrsflussabhängiger Steuerung unterschieden. »Solch verkehrsbeobachtendes Licht bietet insbesondere in dicht besiedelten Gebieten völlig neue Optionen«, erklärt Haller.

Die Fallen wurden unter der Woche täglich geleert, die Insekten gezählt und in acht Gruppen sortiert, etwa Nachtfalter oder Käfer. Anschließend wurden die Fallen demontiert, danach ging es an die Auswertung. In einem zweiten Schritt wurden die gefangenen Insekten getrocknet und gewogen, um so ihr Gewicht, also ihre Biomasse zu bestimmen. Diese gibt Aufschluss darüber, wie viel Nahrung für andere Tiere, wie zum Beispiel Fledermäuse, verfügbar ist. In die Auswertung miteingeflossen sind neben dem Licht die Temperatur, die relative Luftfeuchtigkeit, der Niederschlag und die Vegetationshöhe in unmittelbarer Nähe der Straßenleuchten − denn auch sie haben einen Einfluss auf das Vorhandensein der nachtaktiven Tiere.

Größter Einfluss: Witterung

»Im Schnitt haben wir etwa zehn Insekten pro Straßenleuchte und Nacht gefangen – insgesamt rund 6.800 Insekten«, erzählt Janine Bolliger. Eine Zahl, die sie überrascht hat, denn sie hatte mit deutlich mehr gerechnet. Dass nach einer kühlen, regnerischen Nacht weniger Insekten in den Bechern waren, habe man erwartet. »Aber dass es über die insgesamt 32 Nächte so wenige waren, hat uns erstaunt.« Aus der Auswertung ging dann klar hervor, dass die Witterung den stärksten Einfluss auf die Insektenaktivität hat: »Vor allem die Temperatur – zusammen mit der relativen Luftfeuchtigkeit oder dem Niederschlag – beeinflusst die Anzahl gefangener Insekten. Je wärmer die Nacht, umso mehr Insekten.«

Ähnliche Tendenz bei Fledermäusen

Die Witterung – vor allem die Temperatur – bestimmt auch die Aktivität der Fledermäuse am stärksten, zusammen mit der Insektenbiomasse als Maß für die Nahrungsverfügbarkeit. Erst dann folgt das Licht. Und hier ist die Tendenz ähnlich wie bei den Insekten: Je mehr Licht, desto mehr Fledermausdurchflüge wurden registriert. Die häufigsten Fledermausarten reagieren positiv auf Licht; seltene Arten hingegen sind lichtscheu. Die Hypothese, dass mehr Insekten auch mehr Fledermäuse anziehen, trifft deshalb nur auf die Fledermausarten zu, die nicht lichtscheu sind: Diese können den sozusagen durch die Leuchten gedeckten Insektentisch einfach abräumen. Die seltenen, lichtscheuen Arten hingegen müssen sich ihre Nahrung anderswo suchen – ein zusätzlicher kompetitiver Nachteil gegenüber den häufigeren, lichttoleranten Arten.

Intelligent beleuchten

»Das Licht zu dimmen und die Beleuchtungsdauer zu reduzieren sind wichtige Beiträge, um mit Straßenleuchten weniger Insekten anzulocken«, fasst Bolliger die Studie zusammen. Für Jörg Haller und die öffentliche Beleuchtung bedeutet das, Umweltaspekte bereits frühzeitig bei der Planung zu berücksichtigen. Eine flächendeckende Dimmung, der Einsatz von Spezialoptiken oder gar eine Abschaltung in der Nacht sind mögliche Maßnahmen, die hier greifen. Auch der Lichtfarbe und den Optiken wird in diesem Zusammenhang eine wichtige Bedeutung zugemessen. »Den Einfluss dieser Faktoren untersuchen wir derzeit in einer weiteren Feldstudie«, verrät Haller an dieser Stelle. Für ihn ist aber klar: »Ein Licht, das sich den Gegebenheiten anpasst, ist die Zukunft der öffentlichen Beleuchtung.« Denn dann dient es dem Wohl aller Beteiligten: dem der Verkehrsteilnehmer, der Anwohner und der lichtsensitiven Tierarten.

Weitere Informationen:

Autoren: M. Eng. Jörg Haller, Elektrizitätswerke des Kantons Zürich (EKZ), Vizevorsitzender des Fachgebiets 51 der Schweizer Lichtgesellschaft (SLG) | Anja Rubin, Projektleiterin Kommunikation, EKZ, Zürich (CH), www.ekz.ch

Dieser Artikel ist erschienen in

Licht 2 I 2020

Erschienen am 28. Februar 2020