Planung
Licht 1 | 2022

40 tanzende Lichter

Kunst am Bau im Berliner Innenhof

40 Leuchtenköpfe eines riesigen Kronleuchters im Berliner Innenhof schwingen sanft an ihren bis zu vier Meter langen Auslegern. Die Lichter sollen den Büroalltag der Menschen aufwerten und die Nachmittags- und Abendstunden in eine wohlig-warme Atmosphäre tauchen.

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Abb.: Der Kronleuchter umfasst 40 LED-Lichtpunkte und hat einen Durchmesser von acht Metern. Der Grundgedanke des Lichtplanerduos war es, den Innen- und Außenraum zu verbinden und umzukehren. PSDM

Nach den Entwürfen zweier Berliner Lichtplaner von Jack be Nimble entstand ein Kronleuchter mit 40 LED-Lichtpunkten und acht Metern Durchmesser im Innenhof des Pandion Büroneubaus »The Shelf«. Ziel war es, im Außenbereich des Hubs eine Art Lobby entstehen zu lassen. Der Berliner Planer für Sonderleuchten PSDM wurde mit der Entwicklung und Umsetzung beauftragt. Seine eigens designte LED-Platine sorgt für eine beeindruckende Klarheit in Lichtwirkung und Leuchtstärke. Und das besondere Highlight: durch die tunable-white-Steuerung passt sich die Lichtfarbe dem natürlich Tageslichtverlauf an.

Beim Berliner Büroobjekt »PANDION OFFICEHOME The Shelf« spielt das Thema Licht als Gestaltungsmittel eine herausragende Rolle. Für den Auftraggeber PANDION mit Sitz in Köln sind Arbeitsräume Lebensräume. Daher gibt es im Bürogebäude nicht nur reine Schreibtischarbeitsplätze. Das Büro wird vielmehr als Lebensraum für persönlichen Austausch und effizientes Arbeiten verstanden. Im Fokus bei der Entwicklung des Beleuchtungskonzepts sollte nicht nur die Schreibtischplatz-Beleuchtung sondern auch die neuen Aufenthalts- und Arbeitsorte eine hohe Aufmerksamkeit erhalten. Der Innenhof bekam daher die Aufgabe einer übergeordneten Lobby. So kam es letztlich zur Entscheidung, den 700 Quadratmeter großen Außenbereich mit einem überdimensionalen Kronleuchter auszustatten.

Abb.: Beim Berliner Büroobjekt The Shelf spielt das Thema Licht als Gestaltungsmittel eine herausragende Rolle. Das Büro wird als Lebensraum für persönlichen Austausch und effizientes Arbeiten verstanden. PSDM
Abb.: Das Durchbiegeverhalten der vier Meter langen Auslegerrohre konnte nur empirisch ermittelt werden. PSDM bemusterte und simulierte das Biegeverhalten anhand eines Vollholzkorpus. Die Gesamtkonstruktion wiegt lediglich 265 kg. PSDM

Der Grundgedanke des Lichtplanerduos Sophia Klees und Lance Hollman von Jack be Nimble war es, den Innen- und Außenraum zu verbinden und diesen umzukehren. Für beide bedeutet dies keine klare Trennung zwischen Außen- und Innenraumleuchten. Damit der Innenhof als Treffpunkt zum Austausch funktionieren kann, sollen Stehleuchten und der Kronleuchter in den Abendstunden diese Atmosphäre schaffen.

Als zentrale Inspirationsquelle für ihre Entwürfe diente die minimalistische Stehleuchte »Sampei« der Designer Davide Groppi und Enzo Calabrese aus Italien. »Sampei« ist die Idee eines Zeichens im Raum. Ein Grashalm, der auch unter dem Gewicht eines Blickes schwingt und sich biegt. Nach der finalen Entwurfsabstimmung im Frühjahr 2019 suchten die Auftraggeber den passenden Kandidaten für die Umsetzung und fragten zunächst beim italienischen Designer persönlich an, doch Groppi lehnte die Herstellung des Kronleuchters ab. Als zuverlässige Alternative fanden sie schließlich den Designer Peter Schneyder, der mit seiner Firma PSDM seit knapp fünf Jahren auf die Entwicklung und Herstellung von Sonderleuchten spezialisiert ist. PSDM nahm den Auftrag als spannende Herausforderung dankend an und so startete das Projekt Kunst am Bau.

Abb.: Bei der Aufhängung im Innenhof in sechs Metern Höhe wurden die Auslegerrohre wechselseitig gegenüberliegend in den vorgesehenen Leuchtenkorpus eingefügt, damit die Hängekonstruktion in der Waagerechten bleibt. PSDM

Die Konstruktion

Anhand technischer Zeichnungen wurden vier Ebenen mit je zehn Auslegerrohren und die dazugehörigen Haltehülsen im Korpus für die Rohre skizziert. Schnell wurde klar, dass das Durchbiegeverhalten der vier Meter langen Auslegerrohre nicht rechnerisch ermittelt werden kann, sondern empirisch ermittelt werden musste.

PSDM machte daraufhin den Vorschlag, zur Bemusterung einen Korpus aus Vollholz anzufertigen, an dem sie das Biegeverhalten unterschiedlich dicker Aluminiumrohre mit je vier verschieden großen Leuchtenköpfen simulieren konnten – und zwar im Hinterhof der eigenen Werkstatt. Zu ermitteln war, welche Dimension genau verwendet werden soll. Es wurden drei unterschiedliche Querschnitte der Auslegerrohre und drei Größen der Köpfe zur Entscheidung für die finale Umsetzung herangezogen. Dabei ging es nicht nur um die Auswirkungen auf die Statik, sondern auch um Aspekte der Ästhetik. Beispielsweise lautete eine Empfehlung vom Hersteller, die Ausleger in jeder Ebene versetzt anzuordnen, damit eine größere Pendelfreiheit der Leuchtenköpfe gewährleistet wird. Nach der Größenermittlung wurde ein Teil des Korpus aus leichtem Aluminium gefertigt, um das Gewicht der Gesamtkonstruktion zu minimieren. Die Gesamtkonstruktion inklusive der Spannseile wiegt dadurch nur 265 kg. Die Positionierung des Lichthalterschlauchs am Ende dieser Ausleger musste die Funktion der späteren horizontalen Ausrichtung der Leuchtenköpfe gewährleisten.

Abb.: Die konvexe Linse mit einem Abstrahlwinkel von 9° erzielt eine optimale seitliche Entblendung und richtet das Licht in der Summe der einzelnen Köpfe homogen auf die zu beleuchtende Fläche. PSDM

Blendfrei muss es werden

Als wichtige Voraussetzung für ein angenehmes Arbeiten am Schreibtisch durften die Personen in den direkt umliegenden Büros nicht geblendet werden. Diese Vorgabe des Auftraggebers wurde mit der Spezialoptik von Ledil gelöst. Das Licht wird optimal eingekoppelt und anschließend durch einen Diffusor geglättet. Anschließend wird das Licht durch eine vorgesetzte konvexe, klare Linse gerichtet.

Abb.: Für die Sonderleuchte entwickelte und produzierte PSDM eigens eine LED-Platine. PSDM
Abb.: Die LED-Platine sorgt in Verbindung mit der gewählten Ledil-Optik für eine optimale Mischung der beiden Lichtfarben (Tunable White mit 2.700 und 6.500 Kelvin). PSDM

Lichtfarbe und Steuerung

Die ursprünglich gewünschte Lichtfarbe von 3.000 Kelvin wurde bei der Präsentation neu überdacht. PSDM hat daraufhin den Einsatz der tunable white-Anwendung empfohlen, um einen Tageslichtverlauf mit veränderlichen Lichtfarben (2.700 bis 6.500 Kelvin) abzubilden. Der Gesamtlichtstrom dieser Beleuchtungseinheit liegt bei 15.000 Lumen. Die Steuereinheit besteht aus den LED-Treibern, einer Steuerung und einer Echtzeituhr mit Gangreserve. Die Steuerung erfolgt mit einem Lichtszenen-Programm, das im Tagesverlauf die Lichtfarbe zwischen Kalt- und Warmweiß setzt und gleichzeitig die Helligkeit je nach Tageszeit herauf- und herunterdimmt. Das Programm ist mittels einer astronomischen Uhr in der Lage entsprechend der Dämmungsuhrzeiten die Farbwechsel zu gestalten. Über einen definierten Zeitpunkt startet das Programm morgens und endet nachts.

Vermeidung von Kondenswasser

Bei der Schutzart IP65 und höher ist es nahezu unmöglich, Leuchten komplett wasser- oder insektendicht auszuführen. Um dies komplett ausschließen zu können, müsste man im Reinstraum im Vakuum montieren. Aufgrund dessen verwendete PSDM bei diesen Anforderungen Membrane, die als offenes System sowohl Gase, als auch Flüssigkeiten in beide Richtungen durchlässig machen. Somit kann entstehendes Kondenswasser im weiteren Betrieb auch wieder entweichen.

Abb.: Um der Bildung von Kondenswasser vorzubeugen, wurde die komplette Leuchte vom Korpus über die Rohre bis in die Leuchtenköpfe als offenes, diffundierendes System konzipiert. Die hierfür entwickelten Membrane lassen die Feuchtigkeit aus dem System wieder entweichen und dienen gleichzeitig der Insektendichtigkeit. PSDM

Herausforderungen bei der Montage

Bei der Aufhängung im Innenhof in sechs Metern Höhe wurden die Auslegerrohre wechselseitig gegenüberliegend in den vorgesehenen Leuchtenkorpus eingefügt, damit die Hängekonstruktion in der Waagerechten bleibt. Um eine Schieflage des Objekts zu vermeiden, wurde zusätzlich ein Ring aus Edelstahl angefertigt, der die Anschlagpunkte der Stahlseile an dem Kronleuchter weiter nach außen verlegt, um die Stabilität der Konstruktion zu optimieren.

Weitere Informationen:

Auftraggeber: Pandion VI GmbH, Zossen, www.pandion.de

Entwurf: Sophia Klees & Lance Hollman, Berlin

Lichtplanung: Jack be Nimble, Berlin, www.jackbenimble.de

Umsetzung: PeterSchneyder DesignManagement GmbH, Berlin, www.psdm-gmbh.de

Fotos: PSDM

Dieser Artikel ist erschienen in

Licht 1 | 2022

Erschienen am 25. Februar 2022